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Mitarbeiter in einem Kölner Infektions-Testzentrum.

Diagnostik

Warten auf die Antikörpertests

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Die Gesellschaft für Virologie fordert, verstärkt die Entwicklung von Diagnostik zu fördern.

Zehntausende Menschen in Deutschland – womöglich sogar noch mehr – könnten in den vergangenen Monaten bereits eine Infektion mit Sars-CoV-2 durchgemacht haben, ohne es zu wissen. Sie könnten es für eine Influenza oder bei leichteren Beschwerden für eine Erkältung gehalten haben – insbesondere dann, wenn ihre Krankheit in eine Zeit fiel, als die Epidemie in Europa scheinbar noch nur vereinzelt auftrat. All diese Menschen wären immun gegen das Virus und könnten andere nicht anstecken. Wie lange diese Immunität währt, ist allerdings ungewiss; die meisten Wissenschaftler gehen von mindestens einigen Monaten aus. Doch zum jetzigen Zeitpunkt kann niemand auch nur annähernd sagen, wie groß die Zahl derer tatsächlich ist, die Covid-19 unerkannt hinter sich haben. Dabei wäre dieses Wissen wichtig, um die Lage richtig einschätzen, den Fortgang der Epidemie prognostizieren und die Schritte zu ihrer Eindämmung entsprechend anpassen zu können.

Die Gesellschaft für Virologie fordert in einer Stellungnahme von der Politik nun „rasche Investitionen in die Entwicklung zuverlässiger Antikörperdiagnostik“. Es sei „dringend erforderlich, die tatsächliche Durchseuchung der Bevölkerung auf der Basis verlässlicher Antikörpertests zu ermitteln“. Nur so ließen sich Menschen identifizieren, die eine Infektion mit Sars-CoV-2 bereits überstanden hätten. In diesem Punkt bestehe deshalb „vordringlicher Forschungs- und Entwicklungsbedarf“.

Solche Tests würden – anders als die vorhandenen Tests auf eine bestehende Infektion - im Blut nach Antikörpern gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 suchen. Solche speziellen Antikörper sind ein Indikator dafür, dass der Körper bereits mit dem Erreger konfrontiert wurde und das Immunsystem darauf reagiert hat.

Das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig koordiniert unter der Leitung des Epidemiologen Gérard Krause nun eine Studie, die untersuchen soll, wie groß der Anteil derjenigen in der Bevölkerung ist, die bereits eine Infektion durchgemacht haben. Ebenfalls beteiligt sind die Blutspendedienste, das Robert Koch-Institut, das Institut für Virologie der Berliner Charité und die Nako-Gesundheitsstudie, eine 2014 gestartete bundesweite Studie, bei der es darum geht, das Entstehen verschiedener Krankheiten besser zu verstehen.

Für die Antikörper-Studie sollen anonymisiert die Seren von mehr als 100 000 Blutspendern regelmäßig auf Antikörper gegen den Covid-19-Erreger untersucht werden. „So entsteht ein genaueres Bild der Immunität und Pandemieentwicklung“, heißt es in einer Mitteilung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung. Freiwillige können nicht teilnehmen, da die Repräsentativität der Studie sonst nicht gewährleistet wäre. Die Wissenschaftler erwarten erste Ergebnisse für Ende April – sie könnten auch Einfluss darauf haben, wie lange und in welchem Umfang Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote bestehen bleiben.

Tests auf Antikörper gibt es bislang schon von verschiedenen Anbietern; einem Schnelltest des Berliner Pharmaunternehmens PharmACT AG hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA erst kürzlich eine Notfall-Zulassung erteilt. Allerdings bleibt bei den derzeit erhältliches Tests ein – wenn auch geringes – Restrisiko, dass auch bei Antikörpern auf andere Coronaviren ein positives Ergebnis angezeigt wird. Viele Menschen dürften sie im Blut haben, denn etliche Erkältungskrankheiten werden von harmlosen Verwandten des Sars-Coronavirus-2 hervorgerufen.

Die von der Gesellschaft für Virologie geforderte Unterstützung der Forschung und Entwicklung in diesem Bereich soll dazu beitragen, dass schnell genauere Testverfahren verfügbar sind.

Ohne eine verlässliche Sars-Coronavirus-2-spezifische Antikörperdiagnostik sei es „deshalb leider noch nicht möglich, die Entscheidungsfindung zu einer schrittweisen Aufhebung der derzeitigen Maßnahmen mithilfe epidemiologischer Daten zu unterstützen“, schreiben die Virologen.

Die von der Politik verordneten Einschränkungen der Bewegungsfreiheit bezeichnet die Fachgesellschaft als „unverzichtbar“, um die Epidemie einzugrenzen: „Allein durch die Reduktion persönlicher Kontakte, vor allem durch eine Isolierung in den eigenen Wohnungen, wird es möglich sein, die weitere Ausbreitung des Virus einzugrenzen“, heißt es in dem Schreiben – und weiter: Es werde „eine große Herausforderung der nahen Zukunft“ sein, „Maßnahmen in der richtigen Reihenfolge zurückzufahren“, wenn die Rate der Neuinfektion „nachhaltig“ reduziert worden sei.

Wie sich die Pandemie in Mitteleuropa weiter entwickeln könnte, lässt sich nach Ansicht der Virologen nicht prognostizieren. Mehrere Szenarien halten sie für vorstellbar. Das schlechteste: Die weitere Ausbreitung schreitet „auf nicht absehbare Zeit“ weiter fort. Es sei aber auch möglich, dass sich dieser Prozess mit steigenden Temperaturen verlangsamt – eine Theorie, die darauf basiert, dass Grippe- und Erkältungsviren vor allem in der kälteren Jahreszeit kursieren. Denkbar sei auch, dass innerhalb weniger Monate Medikamente zur Verfügung stehen und die Gefahr eines tödlichen Verlaufs verringern. Mit einem Impfstoff, der viele Menschen vor einer Ansteckung schützen könnte, sei hingegen „keinesfalls vor einem Jahr zu rechnen“.

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