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Warschau kürzt Deutsch-Unterricht

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Nonverbales Brauchtum beim Schlesiertreffen 2019.
Nonverbales Brauchtum beim Schlesiertreffen 2019. © dpa

Nur noch eine Stunde Sprachkurs für Kinder der deutschstämmigen Minderheit. Von Jens Mattern.

Die Kritik kommt ungelegen: Der CDU-Innenpolitiker Christoph de Vries hat SPD-Innenministerin Nancy Faeser mangelndes Engagement für die deutsche Minderheit in Polen vorgeworfen. Dort wird den Kindern der etwa 350 000 Deutschstämmigen in Polen ab dem kommenden Schuljahr vom Staat nur noch eine Stunde Deutschunterricht pro Woche finanziert, bislang waren es drei. Dies sei „identitätsbedrohend“, so der Christdemokrat.

Seit Erlass der Maßnahmen durch die nationalkonservative PiS-Regierung Anfang Februar protestierten die Vertreter:innen der Minderheit, bislang vergeblich. Schließlich verstößt es gegen die gesetzliche Gleichberechtigung der Minderheiten.

„Im nächsten Schuljahr werden viele Schulen gar keinen Deutschunterricht mehr anbieten, vielen Lehrer droht die Entlassung“, sagt Joanna Hassa von der Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien, wo die Minderheit am stärksten vertreten ist. Die Bundesregierung in Berlin hält sich hierzu zurück. Polen, lange kritisiert wegen seiner Demontage des Rechtsstaats, hat sich durch die Aufnahme von über drei Millionen Flüchtlingen aus der Ukraine und seine realistische Einschätzung der russischen Gefahr zu einem etablierten Partner auf der europäischen Ebene entwickelt.

Offiziell begründet die Regierung in Warschau die Kürzung mit der notwendigen Hilfe für den Sprachunterricht der polnischen Kinder in Deutschland. Diese sollen im kommenden Schuljahr umgerechnet 6,5 Millionen Euro für Polnischunterricht bekommen – das eingesparte Geld, das in den Schulen in Oppeln, Pommern oder Masuren fehlt. Seit dem Regierungsantritt der „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) fordert diese von Deutschland die Anerkennung der etwa zwei Millionen polnischsprachigen Menschen in Deutschland als Minderheit. Die Regierungen in Berlin lehnten jedoch ab, da die Menschen aus Polen als Zuwanderer:innen nach Deutschland gekommen sind, die deutsche Minderheit jedoch in ihren Gebieten schon länger wohnhaft ist.

Zwar gibt es in Deutschland staatliche Gelder für Polnischunterricht, jedoch nicht genug, so Warschau. Initiator der Unterrichts-Kürzung ist der Abgeordnete Janusz Kowalski, der selbst aus Oppeln stammt und dem radikaleren PiS-Juniorpartner „Solidarisches Polen“ angehört.

„Heuchlerei, Lüge und Unverschämtheit“ seien die Pfeiler der deutschen Politik, wirft der Jurist der Bundesregierung auf Twitter vor. Kowalski hat sich zum Ziel gesetzt, den Deutschunterricht für die Minderheit ganz abzuschaffen, sowie auch das Abgeordneten-Mandat für die Minderheit im polnischen Parlament, dem Sejm.

Deutsche in Schlesien und ihre Identität – das klingt ein wenig nach gestern sowie Konservatismus und war lange auch ein klassisches Thema der CDU, die heute als Opposition wirkt.

Und es ist nicht verwunderlich, dass mit de Vries, der vor einigen Wochen die Minderheit in Oppeln und die dortigen Schulen besucht hatte, ein Christdemokrat sich um das Anliegen kümmert. Laut Hassa wurden viele Anfragen an Regierungspolitiker in Deutschland bislang nicht beantwortet.

Die Sprache des Okkupanten zu sprechen, der im Zweiten Weltkrieg so viel Leid über Polen brachte, war im polnischen Alltag bis zum Jahr 1989 tabuisiert. Viele der Oppelner Deutschen haben ihre Sprache dann in den 90er Jahren durch Unterricht „nachgeholt“.

Laut Hassa sei für viele der 50 000 Schüler der Minderheit der Schulunterricht die einzige Möglichkeit die Sprache zu lernen, da zu Hause ausschließlich Polnisch gesprochen werde. Einige Gemeinden versuchen nun eine zweite Deutschstunde mit eigenen Mitteln zu finanzieren. Die Vertretungen der Minderheit hoffen jedoch auf eine finanzielle Unterstützung aus Deutschland.

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