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Hier im Westerwald hat der Borkenkäfer kräftig gewütet und große Schäden angerichtet.

Klimakrise

Wo bleibt der Aufschrei über das Waldsterben?

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Die Bäume in den Wäldern leiden heute stärker als in den 80er Jahren, aber die Gesellschaft reagiert kaum.

Irgendwie haben wir ja ganz schön die Nase voll von diesen ständigen Alarmmeldungen. Und – alles schon mal dagewesen. Zum Beispiel ein Waldsterben. Zur Jahrhundertwende, so suggerierten manche Katastrophenmeldungen in den 1980er Jahren, werde im Wald praktisch kein Baum mehr stehen. Dahingerafft durch die Luftverschmutzung und sauren Regen. Perdu der deutsche Forst. Und dann – nichts. Zeitweise sogar das Gegenteil. Der Wald erholte sich und brachte, auch bedingt durch erhöhte Stickstoffeinträge aus der Luft, Zuwächse zustande, die selbst Experten erstaunten.

Möglicherweise ist nur so die bräsige Gelassenheit zu erklären, mit der die Öffentlichkeit im Jahr 2019 die Realität verdrängt: Der Wald stirbt. Und dieses Mal so richtig. Trockenheit, Stürme und der folgende Befall praktisch aller Baumarten durch eine schier apokalyptische Zahl von Schädlingen haben die Bäume nachhaltig (sic) geschwächt. „Irritierend dabei ist, dass die Wahrnehmung dieser Katastrophe im Gegensatz zum Waldsterben 1.0 in den 80er Jahren heute in der Dramaturgie wesentlich heftiger, dafür in der Wahrnehmung und Bewertung der Gesellschaft vergleichsweise geringer ist“, schreibt Dagmar Löffler, die hessische Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) in einem Brandbrief an die Mitglieder.

Die ANW ist eine schon in den 1950er gegründete Nichtregierungsorganisation, die in ihrem langen Bestehen mehr für die ökologische Waldwirtschaft getan hat als mancher Zeitgeistförster heute. Denn dort sind diejenigen versammelt, die an der vordersten Front der Auseinandersetzung zwischen Waldökologie und Ökonomie stehen: Die Förster in den Staatsforsten und privaten Wäldern.

Burkhard von Pappenheim (65) bewirtschaftet in Nordhessen seinen kleinen zertifizierten Waldbesitz nach den Regeln naturgemäßen Waldbaus. Er war von September 2004 bis März 2009 Leiter der Politik- und Nachrichtenredaktion der FR.

Was soll es, mag der eine oder andere sagen, sind die Waldbesitzer doch selber schuld, wenn ihnen der Borkenkäfer nun die Fichten killt. Hätten sie gleich einen stabilen Mischwald mit vielen unterschiedlichen Baumarten geschaffen, dann wäre ihnen das nicht passiert. Das ist nicht völlig falsch, und doch zu kurz gedacht (und jeder, der das schon immer gewusst haben will, sollte mal darüber nachsinnen, aus was der schöne Dachstuhl seines Eigenheims denn wohl gezimmert wurde).

Es dauert ein gutes Jahrhundert, die Wälder dem Klimawandel anzupassen

Dem Klimawandel, muss man leider sagen, ist die Baumart schnurzpiepegal. Gefährdet sind praktisch alle Hölzer. Schädlinge und Pilzkrankheiten hat es immer gegeben, aber ihre Ausbreitung kommt nun einem rasenden Flächenbrand gleich. Das Eschentriebsterben rottet (nach der Ulmenkrankheit) wieder eine ganze Baumart nahezu komplett aus. Die – auch für Menschen gesundheitsgefährdende – Rußrindenkrankheit befällt den Ahorn gleich bestandsweise. Unterschiedliche Borkenkäferarten machen sich über Buchen, Kiefern, Lärchen her. Der Eichenprozessionsspinner frisst durch Mehltau zusätzlich geschwächte Eichen kahl. Die stolze Rotbuche ist durch Wassermangel in ihrer Vitalität schwer angeschlagen. Im Reinhardswald, Hessens größtem geschlossenem Forst, steht zum Beispiel nach Windwurf und Borkenkäferattacken auf 2000 Hektar Fläche kein Baum mehr. Selbst wenn die Forstleute genau wüssten, was sie dort nun anbauen sollten – woher die Pflanzen nehmen, woher das Saatgut?

Es geht nicht nur ums Holz. Es geht genauso um die „Ökosystemdienstleistungen“: Ein Hektar Wald filtert etwa 100.000 Kubikmeter Grundwasser, setzt im Jahr bis zu 30 Tonnen Sauerstoff frei, bindet knapp elf Tonnen Kohlendioxid. In seinen Wurzeln, Stämmen und Blättern leben zehntausende Arten. Er nimmt Staub aus der Luft auf. Er bietet grandiose Erholung. Man kann dies als Wertschöpfung in Euro und Cent umrechnen. Bisher hat das niemand hören wollen. Möglicherweise aber hilft nur noch eines: Überall ein Preisschild drauf. Wer nicht hören will muss zahlen.

Es dauert ein gutes Jahrhundert, unsere Wälder dem Klimawandel anzupassen. Dabei werden die Veränderungsprozesse immer schneller, gar sprunghaft. Der Waldumbau unterliegt einer entfesselten Dynamik – ein Paradox in sich. Laue Sprüche und ein paar Subventionen helfen da nicht mehr. Wo zum Teufel bleibt der Aufschrei?

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