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Die Dürre schwächt die Bäume, bei Stürmen knicken mehr von ihnen um – so wie diese Eiche im Biosphärenreservat Mittlere Elbe.

Klimakrise

Der Klimawandel vernichtet die Wälder - der Preis der Rettung ist enorm

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Der CO2-Speicher kollabiert:  Immer mehr Bäume sterben durch Dürre, Krankheiten und falsche Bewirtschaftung.

Waldsterben 2.0, Klima-Notstand, Jahrhundertkatastrophe: Immer dramatischer klingen die Beschreibungen der Waldbesitzer, Forstleute und Naturschützer, wenn sie in diesen Tagen vom Zustand des Waldes in Deutschland sprechen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) fordert von der Bundesregierung rasches und konsequentes Handeln für den Klimaschutz. Spätestens auf der Sitzung des Klimakabinetts im September müssten verbindliche Maßnahmen beschlossen werden, sagte der Vorsitzende des Umweltverbands, Hubert Weiger. Das sei die zentrale von zehn Forderungen an Politik, Forstwirtschaft und Jagd, die der BUND am Mittwoch vorstellte.

Schon zuvor machte auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf die Krise aufmerksam. „Wir haben sehr, sehr große Waldschäden. Tausende von Waldbauern sind betroffen.“ Durch das Absterben der Bäume sei auch die Funktion des Waldes als Speicher für das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) zunehmend gefährdet, hatte Merkel gesagt.

Situation erinnert an das Waldsterben in den 1980ern

Tatsächlich ist der Wald in einer Situation, die an das Waldsterben in den 1980er Jahren erinnert. Der Bund der Forstleute (BDF) rief sogar jüngst den „Klima-Notstand für den Wald“ aus, um darauf aufmerksam zu machen. Seit Anfang 2018 habe sich die Lage zugespitzt – zuerst durch Schneebruch und Winterstürme, dann die Dürre im Extremsommer und den dadurch beförderten, ungewöhnlich starken Borkenkäferbefall bei der Fichte, dem „Brotbaum“ der Waldbesitzer. Inzwischen zeige auch der wichtigste hiesige Laubbaum, die Rotbuche, deutliche und regional sogar bestandsweite Absterbeerscheinungen. Hinzu komme, dass in vielen Wäldern auch zwei weitere wichtige Arten, Ulme und Esche, durch Pilzerkrankungen verloren gegangen seien. Und dem Ahorn droht Ähnliches.

„Während wir Forstleute seit fast zwei Jahren mit der Beseitigung der Schäden beschäftigt sind, bleibt die wichtigste Zukunftsaufgabe, die Wälder klimastabil zu entwickeln, auf der Strecke“, warnt der BDF-Bundesvorsitzende Ulrich Dohle.

Die Arbeitsgemeinschaft der Waldbesitzer (AGDW) bewertet die Situation ähnlich. Besonders Forste in Mittel- und Ostdeutschland seien betroffen, heißt es dort. Die Dürre und die vorangegangenen Stürme hätten hier ganze Wälder zerstört. Bundesweit seien inzwischen rund 110.000 Hektar vernichtet, bereits rund ein Prozent der Waldfläche, und die Schäden wüchsen ständig weiter, sagte Sprecherin Larissa Schulz-Trieglaff der FR.

Der Dachverband der kommunalen und privaten Waldeigentümer schätzt, dass 2018 und 2019 zusammen rund 70 Millionen Kubikmeter „Schadholz“ anfallen – vor allem Baumstämme, die bei den Stürmen umgeknickt sind, und sogenanntes Käferholz, abgestorben aufgrund des Borkenkäfer-Befalls.

Die Kosten, die die Kalamität im Wald erzeugt, sind immens. Alleine der Abtransport des Schadholzes wird laut AGDW-Kalkulation 2,1 Milliarden Euro erfordern. Hinzu kommen die Aufwendungen zur Wiederaufforstung; die Pflanzung der dafür nötigen 300 Millionen Setzlinge schlägt laut dem Waldbesitzern mit weiteren 640 Millionen Euro zu Buche. Für viele Waldeigentümer, besonders jene mit kleineren Flächen, kann das existenzbedrohend sein, zumal der Holzmarkt durch das Schadholz übersättigt ist und die Preise im Keller sind. In besonders betroffenen Regionen reichen die Kapazitäten oft nicht einmal aus, um das viele Schadholz aus dem Wald zu schaffen.

Auch die klimastabile Buche zeigt zunehmend Schäden und Ausfälle

Forstwissenschaftler und Klimaexperten sind über die Zuspitzung sehr besorgt. Bei fast allen Baumarten gebe es fast täglich Hiobsbotschaften über Schäden und Vitalitätsminderung, meldet zum Beispiel die Bayerische Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft in Freising. Besonders überraschend ist für viele Fachleute, dass gerade auch die Buche, die als relativ klimastabil gilt, zunehmend Schäden und Ausfälle zeigt. Jahrelang habe man diesen Baum gepflanzt, um den Wald resistenter gegen die Erwärmung zu machen, erläutert der Klimaforscher und Umweltexperte Reimund Schwarze vom Umweltforschungszentrum (UFZ) in Leipzig, nicht ahnend, dass beschleunigte Klimaerwärmung und Trockenheit nun auch die heimischen Laubbäume treffen würden.

„Dass es jetzt auch die Buche in Lagen erwischt, in denen sie gut wachsen müsste, das erschüttert jeden Forstwirt“, sagte er der FR. Das laufende Jahr drohe das fünfte Dürrejahr in diesem Jahrzehnt zu werden. Nur ein sehr, sehr nasser Herbst könne das noch drehen.

Lesen Sie auch den Gastbeitrag zum Thema: Wo bleibt der Aufschrei über das Waldsterben?

Der Leipziger Professor unterstreicht auch Merkels Warnung vor der schwindenden CO2-Speicherkapazität für den Fall, dass das Baumsterben weiter so voranschreitet wie bisher. Im Holz der Wälder Deutschlands sind rund 2,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert, und pro Jahr nehmen die wachsenden Bäume knapp 60 Millionen Tonnen CO2 neu aus der Atmosphäre auf. Das entspricht gut sechs Prozent der Treibhausgase, die Deutschland emittiert. „Nimmt diese CO2-Speicherkapazität ab, weil Bäume vorzeitig absterben oder zu wenig neue nachgepflanzt werden, wird es für die Bundesrepublik noch schwieriger, die Klimaschutzziele zu erreichen“, sagt Schwarze. Merkels „Klimakabinett“ streitet derzeit heftig darüber, wie das 2030er CO2-Ziel von minus 55 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 zu schaffen ist. Was es heißt, wenn der Klimaschützer Wald als sogenannte CO2-Senke ausfällt, wurde dabei noch gar nicht einkalkuliert.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), die auch im Klimakabinett sitzt, hat die Dramatik offenbar erkannt. Kürzlich stellte sie den Plan vor, eine halbe Milliarde Euro in die Wiederaufforstung in Deutschland zu stecken, um die steigenden Waldverluste auszugleichen. Allein durch Brände sei im vergangenen Jahr in Deutschland eine Fläche von der Größe von 3300 Fußballfeldern verloren gegangen, sagte sie. Das Geld will sie aus dem „Klimafonds“ nehmen, der aus der Versteigerung der CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandel gespeist wird. Das Geld sei in den vergangenen Jahren nie ausgeschöpft worden.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat unterdessen eine spektakuläre Veränderung in der Waldpolitik des Freistaats angekündigt. Das Ziele der Staatsforsten soll künftig nicht mehr die Gewinnabführung, sondern die Stärkung der Klimafunktion sein. Statt der bisher geplanten Einnahmen von bis zu 30 Millionen Euro jährlich reicht nun einen „schwarze Null“. Söder verkündete: „Aus dem reinen Wirtschaftswald soll ein Klimawald werden. Statt verdienen wollen wir erhalten.“

Wie der Wald verändert werden muss

Ein Waldumbau ist notwendig. Ziel sind klimastabilere Mischwälder, die besser mit den steigenden Temperaturen und den sich verändernden Niederschlägen zurecht kommen. Vor allem die Fichte, die nach den Weltkriegen als schnell wachsende Baumart vielfach an ungeeigneten Standorten gepflanzt wurde, muss ersetzt werden. Sie braucht eigentlich ein kühl-feuchtes Klima, trocken-heiße Sommer und Stürme setzen der flachwurzelnden Art stark zu.

Naturnahe Mischwälder, in denen Bäume verschiedener Altersklassen wachsen, gelten als weniger anfällig bei Klimaänderungen. Sie heizen sich weniger auf als Fichten-Monokulturen und speichern Feuchtigkeit besser. Bevorzugte Arten für die Mischwälder sind vor allem Buche, Eiche und Weißtanne. Letztere gilt als guter Ersatz für die Fichte, da sie aufgrund ihrer tiefen Verwurzelung sturmfest und besser an Trockenperioden angepasst ist. Auch holzwirtschaftlich ist sie interessant, sie wächst wie die Fichte schnell und kann als Bauholz genutzt werden.

Umstritten ist, ob auch wärmetolerante Baumarten aus anderen Weltregionen eingebracht werden sollten, zum Beispiel die Douglasie, die aus Nordamerika stammt und heute bereits drei Prozent der deutschen Forste ausmacht. Umweltverbände wie Greenpeace sehen damit neue Risiken entstehen. So sei die Douglasie nicht ausreichend tolerant gegen Trockenheit. 

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