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Der Wald im Trauntal im Hunsrück gilt als weitgehend intakt.

Interview

„Überleben geht vor Holzgeschäft“

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Forstexperte Lutz Fähser fordert einen naturnahen Waldbau als Antwort auf die Klimakrise. Und sieht im Sterben einiger Bäume auch eine Chance.

Lutz Fähser ist Leitender Forstdirektor im Ruhestand. Seit 2000 arbeitet er als Berater bei der GIZ.

Herr Fähser, wie geht es dem Wald in Deutschland? 
Schlecht! Schon seit der Zeit des „sauren Regens“ in den 1980er Jahren ist der Wald geschwächt. Das wird im Moment verstärkt durch die deutliche Veränderung des Klimas.

Sie haben als Forstdirektor in Lübeck eine naturnahe Waldbewirtschaftung entwickelt. Sind diese Wälder besser mit der Hitze zurechtgekommen? 
Wir haben den Wäldern von Lübeck ermöglicht, ihre Natürlichkeit zu erhöhen. Sie sind jetzt wesentlich dichter, dadurch feuchter, kühler und weniger anfällig für Stürme. Der Anteil der hier nicht heimischen Fichten, Kiefern, Lärchen und Douglasien wurde verringert. Die Holzernte erfolgt behutsam, ohne große Harvester-Maschinen, um den Waldboden so wenig wie möglich in seinen wichtigen Funktionen zu beeinträchtigen. Tatsächlich stellen wir bei den heimischen Baumarten wie Buchen, Eichen und Ahorn im Moment noch keine vermehrten Schäden fest. Aber die eingeführten Nadelhölzer wie die Fichten sterben auch hier ab. In Zukunft werden vermutlich auch heimische Bäume einzeln absterben. Das ist der Anpassungsprozess, der mit natürlicher Ansamung besser angepasster Bäume fortgesetzt wird.

Lutz Fähser.

Könnte ein naturnaher Wald auch mit einem noch weiter erwärmten Klima auskommen? 
Natürliche Wälder sind das Ergebnis von dauernder Anpassung an sich ständig verändernde Lebensbedingungen. Verändert sich das Klima, dann reagiert das System darauf mit allen Elementen bis hin zu den Mikroorganismen. Manche Baumarten behaupten sich dann stärker als vorher, hitzetolerante Sämlinge dominieren in der natürlichen Erneuerung und die Samenproduktion wird durch die größere Sonnenenergie gesteigert. Das System ändert sich mit evolutionär eingeübter Überlebensstrategie. Das ist mit dem Sterben einiger Bäume und Baumarten verbunden und erschreckt uns. Wir erkennen es nicht als „Anpassung“.

Müssen wir in Deutschland nicht doch auf besser an Wärme angepasste Bäume umsteigen? 
Führen wir Holzarten aus anderen, wärmeren Regionen ein, dann ersetzen wir diesen organischen Anpassungsprozess eines flexiblen Ökosystems durch eine künstliche Ansammlung von Bäumen. Dabei wird auch das wichtige, sehr lebendige Bodensystem durch Flächenräumung, Befahrung, Aufgraben und Austrocknung massiv beeinträchtigt und in dieser Phase zu einer klimaschädlichen CO2-Quelle. Die deutschen Forsten bestehen zu rund 50 Prozent aus nicht standortgemäßen Nadelhölzern, die in den nächsten Jahrzehnten vermutlich ausscheiden werden. Wir sollten diese große Unnatürlichkeit in den Wäldern nicht durch neue Einfuhren von Bäumen aufrechterhalten oder noch steigern.

Eine naturnahe Forstwirtschaft liefert weniger Holz. Muss man sich vom Forst als Renditebringer verabschieden? 
Eine naturnahe Waldnutzung erfordert in den meisten Forsten eine Übergangszeit von einigen Jahrzehnten. Dazu gehört, dass der Wald dichter wird und auch viel CO2 speichert. In dieser Zeit kann nicht der volle Zuwachs an Holz geerntet werden. Danach aber liefern naturnahe Wälder deutlich mehr Holzvolumen als klassische Betriebe, denn: Holz wächst an Holz. Besonders öffentliche Wälder, die die Hälfte der Waldfläche Deutschlands ausmachen, sind primär für die Daseinsvorsorge und für Ökosystemleistungen wie sauberes Grundwasser, frische Luft, gesundes Klima und natürliche Biodiversität vorgesehen. Angesichts der fundamentalen Bedrohung durch Klimawandel darf finanzielle Rendite nicht mehr im Vordergrund stehen.

Was sollte der Waldgipfel beschließen? 
Die Beschlüsse sollten primär darauf ausgerichtet sein, das Überleben der Wälder zu sichern. Das bedeutet, die Naturnähe und damit die Anpassungsfähigkeit zu verbessern. Absterbende Bäume, die nicht mehr infektiös sind, sollten weitgehend stehen und liegen gelassen werden, um Schatten, Windruhe, Humus, Feuchtigkeit und Biodiversität zu schaffen. Die Jagd auf Wildtiere wie Rehe und Hirsche, die Jungpflanzen fressen, muss begleitend intensiviert werden. Für öffentliche Wälder sollte ein Moratorium des Holzeinschlags von gesunden Bäume beschlossen werden. Denn: Überleben geht vor Holzgeschäft!

Wie könnte ein Ausgleich für Waldbesitzer aussehen? 
Private Waldbesitzer sollten für entsprechende Leistungen entlohnt werden. Zudem sollten neue Forstmaschinen und -verfahren gefordert und gefördert werden, die Wald und Waldboden schonen. Forschung und Lehre müssen Anreize zu ökologischen Inhalten erhalten, wozu der Aufbau einer neuen Studienrichtung „Ökosystem-orientierte Waldnutzung“ in Theorie und Praxis gehört. Die Holzindustrie muss Anreize und Unterstützung für den mittelfristig unvermeidbaren Übergang von Nadelholz- in Laubholzverwertung erhalten.

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