+
Braune Blätter machen ihm Sorgen: Michael-Egidius Luthardt, Förster in Eberswalde.

Wald-Gipfel

Wald-Gipfel: Revolution im Forst

  • schließen

Die deutschen Bäume darben – gerade jetzt, wo sie das Klima retten sollen. Kann der Wald sich selbst retten?

Jetzt trifft es auch noch die Buche. Braun und trocken hängen die Blätter an dem Zweig herab, den Michael-Egidius Luthardt zu sich heranzieht. Braun ist auch in der Krone des stattlichen Baums im Stadtwald von Eberswalde in Brandenburg zu erkennen. Die braunen Blätter, die Luthardt sieht, sind nicht der beginnende Herbst. Es sind Todeszeichen. Trockenstress nach zwei Dürresommern. Ebenso wie die Bucheckern, die den Boden bedecken. Die meisten sind taub, notreif. Bäume, die ihr Ende spüren, versuchen noch schnell viele Samen in die Welt zu bringen.

Luthardt, 61, leitet das Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde. Er lässt den trockenen Buchenzweig los und sagt: „Das habe ich in 40 Jahren noch nicht gesehen. Und dabei sollte die Buche uns gerade helfen, mit dem Klimawandel klarzukommen. Das ist eine völlig neue Stufe der Eskalation.“ Die Rotbuche galt als Hoffnungsträgerin in den Wäldern, sie sollte sie bunter machen. Vor den Buchen aber trockneten schon die Kiefern aus, viele starben ab. In den Mittelgebirgen sind es die Fichten, die als erste litten – und leichte Beute für den Borkenkäfer wurden. In Sachsen kämpft jetzt schon die Bundeswehr gegen die Schädlinge in den Forsten des Erzgebirges.

Der deutsche Wald stirbt. Von den 11,4 Millionen Hektar sind bereits 110 000 vertrocknet. Gut 70 Millionen Festmeter Schadholz liegen in den Wäldern, vom Sturm geknickt, von Waldbränden verkohlt, von Schädlingen befallen. Für den heutigen Mittwoch hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zum Wald-Gipfel geladen. Es geht um viel Geld. 2,3 Milliarden Euro fordert der Waldbesitzerverband.

Doch es geht noch um viel mehr. Der Wald muss sich verändern, um überleben zu können. Gerade jetzt sind die Hoffnungen und Erwartungen an ihn so groß wie nie. Er soll der wichtigste Verbündete des Menschen im Kampf gegen den Klimawandel sein. Im Sommer, als die Kronen der Buchen und die Zweige der Kiefern in Deutschland gerade reihenweise braun wurden, veröffentlichten Forscher aus Zürich eine Studie, die weltweit Wellen schlug: Neue Wälder könnten ein Drittel der CO2-Emissionen unschädlich machen. Dafür müssten 900 Millionen Hektar weltweit neu bepflanzt werden. Parallel dazu muss der bestehende Wald erst einmal gerettet werden. Oder er muss sich selbst retten – indem er daran mitarbeitet, dass der Klimawandel sich mindert. Auf deutscher Wipfelhöhe heißt das: Was das Klimakabinett in Berlin nicht schafft, muss der Stadtforst Eberswalde leisten. Aber wie?

Es braucht dafür nicht weniger als eine Waldrevolution. Und da im Wald alles langsamer geht als draußen, ist es beruhigend zu wissen, dass diese Revolution schon seit mehreren Jahrzehnten im Gange ist. Jetzt aber bekommt sie notgedrungen eine ganz neue Dynamik. An den Schalthebeln dieser Revolution, bescheiden „Waldumbau“ genannt, sitzen Menschen wie Luthardt.

Mit Lederhose, Joppe, Hornbrille und einem winzigen Zopf am Hinterkopf sieht Luthardt aus wie eine Mischung aus Förster und Hipster. Er ist ein vorsichtiger Revolutionär. Im Wald werden alle Prozesse in Generationen gemessen, da wäre es fatal, übereilte Entscheidungen zu fällen. Radikal waren die Generationen vor ihm. In der DDR galt die Bodenreinertragslehre, da kam es auf schnellen Wuchs und gut vermarktbares Holz an. Es entstanden die Kiefernplantagen. 30 heimische Arten gibt es in Brandenburg, die meisten spielen nur eine Nischenrolle. Linde, Ahorn und Hainbuche etwa scheinen mit Trockenstress viel besser umgehen zu können als Kiefer und Rotbuche.

Die Waldrevolution ist nach Luthardts Vorstellungen eher eine behutsame Waldreform. Es könne nicht darum gehen, die Kiefer zu ersetzen, sondern die Monokulturen aufzulockern und unter den hohen Stämmen Laubbäume anzupflanzen. Dadurch wird der Waldboden besser beschattet, die Temperatur im Wald sinkt, die Brandgefahr geht zurück und auch das Schädlingsrisiko.

Eine Stunde südöstlich von Eberswalde geht ein großer schlanker Mann in brauner Gutsherren-Trachtenjacke durch seinen Wald. 100 Hektar besitzt Hans-Georg von der Marwitz auf den Seelower Höhen und drumherum. Die älteren Bäume, sagt er, könne er nicht verkaufen, weil sie voller Granatsplitter steckten. Hier tobte im Frühjahr 1945 die Schlacht um Berlin. Der Wald hat eben auch ein Gedächtnis, das lange zurückreicht. Die jüngeren Bäume aber könne er nicht verkaufen, weil sie von Schädlingen zernagt werden, sagt von der Marwitz und bricht ein Stück Rinde von einer toten Kiefer. Das Holz darunter zerbröselt staubig. Bis zu 30 Prozent Verluste verzeichnet von der Marwitz in seinen Wäldern. Der 58-Jährige ist nicht nur Landwirt und Waldbesitzer, sondern seit zehn Jahren CDU-Bundestagsabgeordneter und seit diesem Jahr auch Präsident des Waldbesitzerverbandes.

In dieser Funktion als Cheflobbyist der Waldeigentümer fordert er nicht nur die 2,3 Milliarden Euro Soforthilfen, sondern auch dauerhafte Förderung für den Klimaspeicher Wald. „Wir wollen keine Subventionen“, stellt er klar, „wir wollen für unsere Leistung eine Gegenleistung. Wir wollen wenigstens plus minus Null bei der Aufarbeitung des Waldes herauskommen.“

Der Holzmarkt ist durch das Überangebot zusammengebrochen. Dass sich auch sein Wald ändern, dass er bunter und durchmischter werden muss, ist von der Marwitz klar. Dass Wälder in Zukunft nur noch fürs Klima und nicht für den Ertrag da sind, will er hingegen nicht akzeptieren. Ein junger, ökologisch betriebener Wirtschaftswald binde mehr CO2 als ein alter Wald, sagt er. Es muss also etwas passieren. Aber wo anfangen – und vor allem wann? Noch sind die Böden viel zu trocken, vermutlich muss erst ein feuchter Winter durch die Wälder ziehen, bevor neu gepflanzt werden kann. Aber was – und von wem, wenn kaum Forstarbeiter zu finden sind?

Michael Luthardt hat vielleicht eine Antwort. In seinem Büro in Eberswalde zeigt er Karten von Langzeitversuchen. Vor fast 20 Jahren brannte eine Fläche Kiefernforst ab. Statt aufzuforsten, wurde sie sich selbst überlassen. Die Forstarbeiter bereiteten sie unterschiedlich vor: Einige Stellen zäunten sie ein, andere nicht, die verbrannten Stämme wurden mal herausgeschafft, mal blieben sie liegen. Zunächst wuchsen auf den Flächen Birken an, dann folgten Kiefern und Espen, eine Pappelart. Andere Baumarten kamen hinzu. Heute wächst dort wieder ein frischer, grüner Wald – ohne dass ein Forstarbeiter auch nur einen einzigen Setzling in die Erde gepflanzt hätte. „Lasst die Natur einfach machen“, sagt er, „dann können wir unterstützend dazupflanzen.“ Die Waldrevolution beginnt sehr langsam. Als kleiner grüner Keim.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion