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Ein gepanzerter Streifenwagen fährt auf Patrouille in Hanoi. Im Hintergrund das Polizeihauptquartier der Hauptstadt.

Vietnam

Das wahre Gesicht des Gastgebers

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Die wirtschaftsliberale Diktatur Vietnam dient offenbar als Vorbild für Kim Jong-uns angestrebten Kurswechsel in seinem Land.

Vietnams Regime scheint fest entschlossen, sich während des zweiten Gipfeltreffens zwischen dem US-Präsidenten und Nordkoreas Diktator nicht bloß von seiner besten Seite zu zeigen, Nein, es will ganz offenbar auch sein wahres Antlitz der Welt präsentieren. Denn während in vielen westlichen Nationen das rasante Wirtschaftswunder des südostasiatischen Landes rückhaltlos bewundert wird, sieht es politisch ganz anders aus.

Der Umgang mit zwei Satirikern, die Donald Trump und Kim Jong-un ähnlich sehen und in Hanoi in den vergangenen Tagen zum gefragten Selfie-Objekt avancierten, zeigt das (siehe „Nebenbei bemerkt“ auf dieser Seite). Die vietnamesischen Kommunisten können etwaige Kritiker aber auch mit eiserner Faust in Schach halten.

Dissidenten werden eingeschüchtert. Internet-Aktivisten wandern unter fadenscheinigen Vorwürfen für Jahre hinter Gitter. Und einige Methoden der Dang Cong san Viet Nam, der Kommunistischen Partei Vietnams (KP), dürften dem Gast aus Nordkorea bekannt vorkommen. So entführten Hanois Agenten im Sommer 2017 Trinh Xuan Thanh, Ex-Chef eines staatlichen Baukonzerns, aus der Stadtmitte von Berlin zurück in die Heimat. Dort ersparten ihm die Richter – laut Eingeweihten nur nach massiven Interventionen der Bundesregierung – die Todesstrafe und verurteilten ihn wegen Korruption zu lebenslanger Haft. Ähnlich erschreckend ist das Verschwinden eines vietnamesischen Regimekritikers vergangene Woche, der in Thailands Hauptstadt Bangkok bei den Vereinten Nationen wegen Anerkennung als politischer Flüchtling vorstellig geworden war.

Während Trump und Kim über Nordkoreas Denuklearisierung diskutieren, soll die den US-Präsidenten begleitende Delegation laut US-Medien ihren nordkoreanischen Dialogpartnern „Doi Moi“ (Vietnamesisch für „Erneuerung“) schmackhaft machen. So betitelte die vietnamesische Führung die wirtschaftliche Öffnung, die das südostasiatische Land Ende der 80er Jahre vor dem Ruin rettete und in einen der attraktivsten Orte Asiens für Investitionen verwandelt hat.

Wie Nordkorea bis heute hatte auch die KP in Hanoi versucht, nach dem Ende des Kriegs gegen die USA und der Eroberung Südvietnams 1975 das Land mit einer klassischen kommunistischen Planwirtschaft zu führen. Bald gab es nur noch Reis, aber kein Gemüse mehr. Als die Sowjetunion zerfiel, entschlossen sich Vietnams Herrscher zum radikalen ökonomischen Wandel.

Viele Experten spekulieren, dass Nordkoreas Kim ein ähnlicher Kurswechsel vorschwebt. Laut südkoreanischen Medien nutzte er die Zeit seit dem Trump-Treffen in Singapur im Juni 2018, um interne Kritiker seines Öffnungskurses zu entmachten. Die mehrtägige Reise via China nach Vietnam mit seinem gepanzerten Privatzug ermöglicht Pjöngjangs starkem Mann, eine möglichst große Delegation mitzunehmen. Die soll in Hanoi ausschwärmen und sich von der Dynamik des Landes überzeugen lassen.

Die Gäste werden freilich nur gemütliche Coffeeshops in Bauten aus der französischen Kolonialzeit, glitzernde Hotelfassaden der Gegenwart, einen unfassbaren Bauboom und Hunderttausende Mopeds sehen. Bei Gesprächen mit der jungen Generation Vietnams – die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre – würden den Nordkoreanern dagegen gehörig die Ohren wackeln. Denn von einer uneingeschränkten Bewunderung für ihre Herrscher sind junge Vietnamesen weit entfernt. Hinter vorgehaltener Hand haben sie nur Verachtung für die Kommunisten übrig. „Nur die Korrupten gehen zur Partei“, sagt ein junger Vietnamese.

Nebenbei bemerkt

„Howard X“ ist nicht mehr in Vietnam. Der Mann aus Hongkong, der Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un durchaus nicht unähnlich sieht, wurde am Montag nach einem Polizeiverhör von den vietnamesischen Behörden per Linienflug abgeschoben. Sein Visum sei „ungültig“, habe man ihm beschieden, sagte „X“. Aber der „wahre Grund“ sei natürlich, „dass ich mit einem Gesicht geboren wurde, das mich wie Kim Jong-un aussehen lässt. Das ist das wahre Verbrechen.“ Der echte Kim haben eben „keinen Humor“. Zu guter Letzt rief „X“ Journalisten und Vietnamesen hinterher: „Satire ist eine mächtige Waffe gegen jede Diktatur.“ Wahrscheinlich hat das Hanois Kadern auch nicht sonderlich gefallen.

Abgeschoben: "Howard X", Doppelgänger von Kim Jong-Un.

Der stark mit Bräunungscreme geschminkte Trump-Doppelgänger Russell White darf aber in Vietnam bleiben. Obwohl er und „Howard X“ gemeinsame Auftritte in der Hauptstadt absolviert haben. White soll sich aber nicht mehr in der Öffentlichkeit wie Trump kostümieren … also mit Anzug und roter Krawatte.

Vietnam: Die Einparteien-Diktatur, die nach 35 Jahren Krieg (gegen Japaner, Franzosen und US-Amerikaner) 1975 in Vietnam installiert wurde, hat einige Wandlungen durchgemacht. Zuerst war sie mehr nationalistisch und moderat sozialistisch; erst angesichts der US-Intervention seit 1961 entwickelte sie sich unter sowjetischem und chinesischem Einfluss zur kommunistischen Kaderpartei, was sie bis ungefähr 1989 blieb. Die Kader herrschen zwar weiter, aber nur durch den Wandel zum Billiglohnland bei gleichbleibender Machtwahrung. Während der US-Präsidentschaft Barack Obamas wurde Vietnam als potenzieller Verbündeter gegen China interessant. (rut)

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