+
Mary Lou McDonald hat Sinn Féin runderneuert und wird viel in der Regierung mitzureden haben.

Parlamentswahl

Wahlwirbel in Irland

Die sozialdemokratische Sinn Féin liegt mit Konservativen gleich auf.

Fast 100 Jahre lang war die Welt in Irland in Ordnung. Oder schien zumindest so. Es gab zwei mittig angesiedelte Parteien, Fine Gael und Fianna Fáil, mal liberaler, mal rechter, und diverse kleinere Parteien an den Rändern, linke, sehr rechte und ultra-nationalistische anti-britische. Zu letzteren gehörte Sinn Féin, lange als politischer Arm der in Nordirland kämpfenden IRA verfemt. Fine Gael und Fianna Fáil wechselten sich an der Macht ab und ignorierten den Rest. Bis Samstag. Seitdem stimmt nichts mehr in Irland.

Wobei: Genaues weiß man nach dem Ende der von Premier Leo Varadkar vorgezogenen Parlamentswahlen noch gar nicht. Ungenaues weiß man eigentlich auch nicht. Die Auszählung der Stimmen könnte gut bis Dienstagmittag dauern. Denn das Wahlverfahren sucht seinesgleichen in Sachen Komplexität: Die irischen Wählerinnen und Wähler entscheiden nicht über von den Parteien erstellte Kandidatenlisten für die 160 Sitze im Dáil Éireann in Dublin. Sie erstellen in der Wahlkabine ihre eigene Liste präferierter Kandidatinnen oder Kandidaten. Deshalb könnte sich alles ändern – oder alles beim Alten bleiben. Ersteres scheint etwas wahrscheinlicher.

Brexit zieht nicht

Die Irland-erfahrenen Meinungsforscher von Ipsos MRBI – ihre Fehlerquoten liegen nur so zwischen ein und zwei Prozent – haben 5000 Leute nach dem Wahlgang befragt. Ergebnis: Varadkars Fine Gael ist auf von 25,5 auf 22,4 Prozent geschrumpft, Fianna Fáil von 24,3 auf 22,2. Und die als sozialreformerische Mitte-Links-Partei von ihrer Chefin Mary Lou McDonald runderneuerte Sinn Féin ist von 13,8 Prozent auf sagenhafte 22,4 hochgeschnellt. Wenn das so bleibt, wird sich vieles in Irland ändern. Bei der Wahl 2016 dauerte die Regierungsbildung 70 Tage. In der Zeit kann einiges passieren.

Zugute kommt den Mitte-Rechts-Traditionalisten auf jeden Fall, dass Sinn Féin mangels Masse gar nicht genug Kandidaten stellen konnte, eine Drittelung der Machtverhältnisse (plus Randparteien) also rein rechnerisch bleibt. Aber Sinn Féin wird bei der Regierungsbildung einiges mitzureden haben. Oder die Irinnen und Iren werden das zumindest erwarten. Offen zugeben will das noch keiner. Fianna-Fáil-Chef Micheal Martin bekräftigte seine Ablehnung von Gesprächen mit Sinn Féin – wie auch, dass die bisherige Fine-Gael-Minderheitsregierung von Varadkar nicht mehr tolerieren werde. Experten sehen darin aber bloß Wahlrethorik.

Es scheint, Fine Gael und Fianna Fáil haben sich massiv verrechnet. Fianna Fáil baute offenbar auf den Status quo und Varadkar, erwiesener Verfechter des modernen offenen Irland, wollte mit seiner kraftvollen und souveränen Diplomatie während des Brexit-Dramas punkten. Aber das hat angeblich nur ein Prozent des Wahlvolks interessiert. Für 32 Prozent war das darbende Gesundheitssystem wichtiger. Und für 26 Prozent gab die Wohnungsbaupolitik den Ausschlag. rut mit afp

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion