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Aus russischer Sicht alles nur ein Spiel: In einem Zoo im russischen Krasnojarsk sagt der Tiger Amur voraus, dass Wladimir Selenski die Wahl gewinnen wird.

Ukraine

Drogentest im Wahlkampf

Verzweifelter Poroschenko, frecher Selenski: Am Ende des Präsidentschaftswahlkampfes in der Ukraine geht es laut und unfair zu.

Der Präsident parodierte den TV-Parodisten: „Der Internationale Währungsfonds, eine räuberische Organisation, fordert von der Ukraine drei Prozent Schmiergeld“, verkündete Petro Poroschenko zu Beginn einer Rede vor ukrainischen Unternehmern. Die stutzten erst, dann lachten sie: Poroschenko imitierte die schräge Rhetorik des fiktiven Staatschefs Wassili Goloborodko, den sein Konkurrent, der Komödiant Wladimir Selenski, in der Fernsehserie „Diener des Volkes“ spielt. „Ich habe mir die Serie angesehen und war entsetzt“, schimpfte Poroschenko. „Antiwestliche Rhetorik ist leider Teil des hybriden Krieges, den Russland gegen unseren Staat führt.“

Fernsehkomiker Selenski konterte wie üblich mit einem Videoblog: „Ein Showman kann Präsident werden, aber ein Präsident, der Showman wird, ist kläglich.“

Am Sonntag wählen die Ukrainer im zweiten Durchgang den künftigen Präsidenten des Landes. In den Wochen zuvor attackierten sich die beiden verbliebenen Kandidaten heftig. Um Inhalte ging es dabei kaum. Hauptstreitpunkt ist das Rededuell, zu dem Selenski Poroschenko vor zwei Wochen herausgefordert hatte. Nach langem Hin und Her einigten sich die Kontrahenten auf eine Debatte im Kiewer Olympiastadion am Freitagabend. Aber unabhängig von deren Ausgang gilt Selenskis Sieg inzwischen als sehr wahrscheinlich.

Wahlkampf in der Ukraine: TV-Komiker Wladimir Selenski liegt vorne

Den ersten Wahlgang gewann Wladimir Selenski mit gut 30 Prozent klar vor Poroschenko mit knapp 16 Prozent. Seitdem ist Selenskis Vorsprung gewachsen: Nach den jüngsten Ergebnissen des Internationalen Soziologischen Instituts Kiew wollen 72,2 Prozent der Ukrainer, die zur Stimmabgabe entschlossen sind, für Selenski stimmen, nur 25,4 Prozent für Poroschenko. Zwar sollen Selenskis Werte nach Telefonumfragen der Meinungsforschungsagentur Edison Research am Wochenende um einige Prozentpunkte gefallen sein. Aber auch danach führt er mit 64 Prozent klar vor Poroschenko mit 36 Prozent. Auch bei den Buchmachern liegt er weit vorn, das Wettbüro „Favorit“ beziffert seine Gewinnquote auf 1,24, die des Amtsinhabers auf 3,65.

„Selenski ist nicht mehr einzuholen“, sagte der Politologe Vadim Karasjew der Frankfurter Rundschau. „Auch wenn eine Debatte mit Poroschenko schlecht für ihn enden würde.“ Aber noch ist der Wahlkampf im Gange.

Dass Poroschenko die kritischen Sprüche der Filmfigur Goloborodko gegenüber der EU oder dem Internationalen Währungsfonds Selenski anlastet, betrachten Beobachter als fragwürdig. Der Satiriker und TV-Produzent selbst hat mehrfach erklärt, er werde am Westkurs der Ukraine festhalten, auch an der Zusammenarbeit mit dem IWF. Was das Verhältnis zu Russland angeht, gibt es ebenso kaum Unterschiede zur Strategie Poroschenkos. So fordert Selenski ebenfalls von Moskau die Rückgabe der Krim und der von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiete.

Wahlkampf in der Ukraine: Rededuell im Olympiastadion in Kiew

Andererseits ging es im Wahlkampf auch beleidigend zu: Da tauchten hämische Plakate auf, auf denen nur noch Poroschenkos lockiger Hinterkopf zu sehen ist, mit dem Spruch: „Das Ende“. Selenski wurde in einer Videomontage scheinbar von einem Lastwagen überfahren, danach konsumiert jemand ein weißes Pulver, offenbar Kokain, mit einem zusammengerollten Dollarschein. Auf einem anderen Video überlebt Selenski den Lastwagen, schreitet weiter forsch voran, aber nun regnet weißes Pulver auf ihn hinab: „Ihm geht es gut“, lautet der Untertitel, „weil er bekifft ist.“ Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen, Poroschenkos Wahlkampfstab distanzierte sich. Während Medien aus dem benachbarten Russland Poroschenko immer wieder als Alkoholiker darstellen, will jemand offenbar auch Selenski Abhängigkeiten anhängen.

Um alle üblen Nachreden zu entkräften, hatte Selenski in seiner Video-Forderung zum Rededuell im Kiewer Olympiastadion verlangt, Poroschenko und er müssten sich vorher medizinisch auf Alkohol und Rauschgift testen lassen. Danach ließ Poroschenko sich von Stadionärzten Blut abnehmen, Selenski aber in einer Privatklinik. Die Proben der beiden fielen negativ aus, der Streit aber ging weiter.

Selenskis Stab hat sich auf einen Showdown im Stadion am Freitag, dem 19. April, um 19 Uhr festgelegt. Poroschenko schlug außerdem den 14. April vor, Selenski lehnte ab. Bei einer Talkshow im Fernsehkanal 1+1 gerieten die beiden zumindest per Telefon verbal aneinander. Aber sie debattierten nur Termine. Vor allem Selenski, aus Paris zugeschaltet, fiel Poroschenko dabei mehrfach ins Wort, brach am Ende das Gespräch brüsk ab: „Jetzt mache ich Schluss. 19. April im Olympiastadion. Punkt. Auf Wiedersehen.“ Widerwillig fügt sich Poroschenko nun, beide Stäbe verteilen eifrig kostenlose Eintrittskarten für die Show an ihre Anhänger.

Kritik an Selenskis inhaltsleerem Wahlkampf kommt auch von ukrainischen Journalisten, mehr als 20 führende Medien im Land verlangten in einem Brief an den Komiker, er solle noch vor Karfreitag eine Pressekonferenz abhalten. Es hätten sich viele Fragen angehäuft, weil er mit der Öffentlichkeit fast nur über Instagram oder Youtube kommuniziere. Die Wähler scheint das nicht zu stören. Nach einer Umfrage der soziologischen Gruppe „Rejting“ hat sich die Zahl der Ukrainer, die die Entwicklung des Landes positiv bewerten, seit Selenskis Sieg im ersten Wahlgang fast verdoppelt.

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