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Julia Wladimirowna will den amtierenden Präsidenten Poroschenko ablösen.

Ukraine

Komiker und Korruptionäre

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Der ukrainische Präsidentschaftswahlkampf startet als Jahrmarkt der Eitelkeiten.

Da bewirbt sich ein Juri Wladimirowitsch Timoschenko, offenbar mit dem einzigen Ziel, bei der Stimmabgabe am 31. März die Wähler der Mitfavoritin Julia Wladimirowna Timoschenko zu verwirren. Während sich die prorussische Opposition nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen konnte: Alexander Wilkul, dem offiziellen Amtsanwärter des „Oppositionsblocks“ machen die gleichgesinnten Parlamentarier Juri Boiko und Jewgeni Murajew die Stimmen der ostukrainischen Putin-Sympathisanten streitig. Insgesamt haben sich 90 Kandidaten beworben, 30 hat die Zentrale Wahlkommission bisher anerkannt. Das ist schon jetzt ukrainischer Rekord, die endgültige Liste der Teilnehmer wird am Samstag veröffentlicht.

„Die Auflagen für die Kandidaten sind minimal“, erklärt der Kiewer Politologe Oleksandr Solontai. „Wer umgerechnet 5000 Euro bezahlt, kann bei den Präsidentschaftswahlen antreten.“ Und viele betuchte Ukrainer mit politischen Ambitionen nutzten diese Gelegenheit, um öffentlich bekannt zu werden und ihre Chancen für spätere Abstimmungen zu erhöhen, etwa für die Parlamentswahlen im Oktober. Ernsthafte Kandidaten aber finanzierten gleich zwei, drei „technische Bewerber“ mit, die ihren Stäben etwa zusätzliche Plätze auf den Wahlbeobachterlisten sicherten. „Außerdem unterstützen viele ukrainische Wirtschaftsoligarchen gleich mehrere Kandidaten aus verschiedenen politischen Lagern, um ihren Einfluss breit abzusichern.“

So soll etwa der ostukrainische Magnat Igor Kolomoiski die populistische Exregierungschefin Julia Timoschenko finanzieren, aber auch den TV-Komiker Wladimir Selenski. Bisher sehr erfolgreiche Investitionen, in den jüngsten Wahlumfragen liegt Timoschenko mit 18,2 Prozent auf Platz zwei, Selenski aber führt überraschend mit 19 Prozent. Amtsinhaber Petro Poroschenko, mit Kolomoiski in heftiger Fehde, folgt mit 15,1 Prozent nur auf dem dritten Platz. Siegchancen räumen die Politologen außerdem dem prorussischen Boiko mit 10 Prozent ein, dem Liberalen Anatoli Grizenko mit 8,5 Prozent und dem Rechtspopulisten Oleg Ljaschko mit 7 Prozent.

Populistisch sind die Parolen fast aller Kandidaten. Präsident Poroschenko kündigt an, 2023 die Aufnahme der Ukraine in NATO und EU zu starten. Obwohl bekannt ist, dass beide Organisationen eine ukrainische Mitgliedschaft in absehbarer Zukunft ausschließen. Timoschenko verspricht, den Durchschnittslohn um 350 Prozent auf polnisches Niveau zu heben. Und Selenski redet von einer „Ukraine der Träume“, wo die Bürger künftig keine Arbeit mehr im Ausland suchen müssen, korrupte Beamte im Gefängnis landen, junge Familien aber in Vorstadteigenheimen.

Selenski, 41, hat bisher keine politische Erfahrung, wenn man von der TV-Serie „Volksdiener“ absieht. Dort spielt er einen Geschichtslehrer, der zum ersten ehrlichen Präsidenten der Ukraine gewählt wird.

Selenski: Nur ein Clown?

Kritiker verspotten Selenski als Clown oder Trump-Verschnitt. Aber im Gegensatz zu den Exoligarchen Timoschenko und Poroschenko hängen ihm keine Korruptionsskandale an, keine Gaspreiserhöhungen oder gebrochene Wahlversprechen. „Die Ukraine gehört zu Europa und folgt europäischen Trends“, sagt Solontai. „Auch in Italien oder Slowenien haben die Wähler für Komiker gestimmt.“ Und jeder ukrainische Fernsehzuschauer kennt Selenski, er hat Charisma und bietet einfache Lösungen an. So schlägt er vor, über Krim und Donbas direkt und öffentlich mit Wladimir Putin zu verhandeln und die Ergebnisse dem Volk zur Abstimmung vorzulegen. „Eine Komödie oder eine Ohrfeige für die Politik“, rätselt BBC über seine Popularitätsrate.

Viele Beobachter zweifeln, ob es Selenski wirklich ernst meint mit seiner Kandidatur. Angesichts von 40 Prozent Wählern, die sich bisher für keinen Kandidaten entschieden haben, halten Soziologen die Umfrageergebnisse nicht für aussagekräftig. „Noch ist alles offen“, sagt der Politologe Solontai. „Auch die Oligarchen haben sich noch auf keinen Favoriten geeinigt.“ Der einzige Oligarch, der sich festgelegt habe, heiße Poroschenko und wolle Präsident bleiben.

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