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Der Präsident und der Comedian: Petro Poroschenko (links) und Herausforderer Wolodymyr Selenski. 

Präsidentenwahl in der Ukraine

Finale Wahlkampfdebatte in Kiew: Kampf der Polemiker

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Vor der Präsidentenwahl in der Ukraine treten Herausforderer Wolodymyr Selenski und der amtierende Präsident Petro Poroschenko in der finalen Debatte gegeneinander an - Argumente tauschen sie kaum aus. 

Es begann mit einer Überraschung. Eigentlich hätten die Kontrahenten im Kiewer Olympiastadion auf zwei verschiedenen Bühnen stehen müssen. Aber der ukrainische Präsident Petro Poroschenko marschierte unter dem Jubel seiner Anhänger nicht zu seiner Plattform, sondern zu der seines Herausforderers Wolodymyr Selenski und stellte sich neben ihm auf – Poroschenko setzte also auf Nahkampf.

In der mit Spannung in der Ukraine erwarteten Debatte griff Poroschenko Selenski verbal heftig an: Er erinnerte seinen Widersacher und das Publikum mehrfach daran, dass der sich vor dem Kriegsdienst gedrückt habe. Selenski konterte, Poroschenko habe ihm nie einen Einberufungsbefehl ausgehändigt. Beide polemisierten mehr, als dass sie argumentierten.

Die Stadion-Debatte galt als der End- und Höhepunkt des Präsidentenwahlkampfs. Allerdings war das 70 000 Zuschauer fassende Olympiastadion mit etwa 22.000 Menschen nicht einmal zu einem Drittel gefüllt. Wobei die für Poroschenkos Anhänger reservierte Hälfte deutlich voller war. Offenbar hatte der Stab des Präsidenten seine administrativen Reserven genutzt, hinter dem Stadion standen viele Autobusse aus der Provinz.

Selenski liegt in Umfragen klar vor Poroschenko

Angesichts der jüngsten Umfragen, laut denen Selenski mit 73 Prozent vor Poroschenko mit 27 Prozent liegt, suchte der Amtsinhaber die Offensive. Er bezeichnete Selenski als „Sack voller Katzen“ und als „Bonbonpapier ohne Inhalt“. Selenski seinerseits beschuldigte Poroschenko, er habe den Ukrainern fünf Jahre Zeit gestohlen. Dass er jetzt gegen ihn kandidiere, sei das Resultat des Versagens Poroschenkos. „Ich bin nicht Ihr Gegner, ich bin Ihr Schuldspruch.“

Der Präsident verwandte wiederholt postsowjetisches Vokabular, wie man es eigentlich eher von Wladimir Putin gewöhnt ist, redete von „fünfter Kolonne“ oder davon, „unser Land zu verlieren.“ Bei Selenski wiederum haperte es mehrfach mit den Fakten, so warf er Poroschenko vor, der habe seinen Reichtum als Präsident 82 Mal vergrößert. Tatsächlich waren nur die offiziellen Einnahmen Poroschenkos im vergangenen Jahr gegenüber 2017 um das 82-fache gestiegen.

„Ich glaube, dass Selenski diese Debatte gewonnen hat. Seine Argumente waren nicht unbedingt überzeugender“, kommentiert der Kiewer Politologe Vadim Karasjew. „Aber sein Benehmen wirkte ruhiger, während Poroschenko sich manchmal am Rand zur Hysterie bewegte und sich am Ende sichtlich unwohl fühlte.“

Poroschenko warf seinem 13 Jahre jüngeren Gegner auch dessen Zitat vor, er wäre bereit, vor Wladimir Putin auf die Knie zu gehen. Die Worte seien aus dem Kontext gerissen, antwortete Selenski. Er habe Putin verkündet, er werde niederknien um den Krieg zu beenden, aber Putin dürfe nie versuchen, dass ukrainische Volk auf die Knie zu zwingen.

Dann griff Selenski an. „Ich bin bereit, vor jeder Mutter niederzuknien, die ihren Sohn, vor jeder Frau, die ihren Mann an der Front verloren hat. Und ich will, dass Sie auch auf die Knie gehen.“

Selenski kniete nieder, mit dem Gesicht zum Publikum, Poroschenko ging auch in die Knie, aber in Richtung der uniformierten Kriegsveteranen, die sich hinter ihm postiert hatten. Selenski hatte wieder das letzte Wort: „Sehen sie, wie einfach es ist, ein Mensch zu sein.“

Nach einer Internetumfrage des Portals liga.net sahen 47,6 Prozent der Zuschauer Selenski als Sieger, 40,6 Prozent Poroschenko. Der Präsident fuhr nach dem Schlagabtausch ins Studio des öffentlichen TV-Senders Suspilny und forderte Selenski auf, die Diskussion dort fortzusetzen. Vergeblich, Selenski scheint sich seines Sieges am Wahlsonntag bereits sicher zu sein.

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