Italien

„Der Wahlkampf war hart“

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Fast die Hälfte der Italiener hat die rechte Lega gewählt – Brando Benifei ist einer der wenigen linken EU-Politiker.

Seine Leidenschaft für Europa entdeckte Brando Benifei, als er 19 Jahre alt war. Da hatte er sich in seiner Heimatstadt La Spezia schon länger an Schülerprotesten gegen die Regierung Berlusconi beteiligt und war bei der „Jungen Linken“, Italiens damaliger sozialdemokratischer Parteijugend. Auslöser war eine Studienfahrt nach Brüssel mit Besichtigung des Europaparlaments. Überrascht stellte der Abiturient Benifei fest, dass der Hauptbau dieser EU-Institution nach einem Italiener benannt ist. Nach einem, von dem er noch nie gehört hatte: Altiero Spinelli, der Vordenker und einer der größten Verfechter der europäischen Einigung.

Zurück in Italien begann Brando Benifei nicht nur ein Jurastudium in Bologna, er begann auch, sich eingehender mit diesem Landsmann zu beschäftigen. Spinelli war als junger Kommunist und Antifaschist vom Mussolini-Regime verhaftet und dann auf eine kleine Mittelmeerinsel verbannt worden. Dort hatte er 1941 das „Manifest von Ventotene“ verfasst. Mitten im Zweiten Weltkrieg warb es dafür, Nationalstaaten und nationale Heere abzuschaffen. Die Länder Europas sollten sich zu einem föderalen Bund zusammenschließen – den „Vereinigten Staaten von Europa“.

Der 19-jährige Benifei war von diesen Ideen begeistert. „Spinelli war meine Inspiration“, erzählt er am Telefon. Er ist jetzt 33 Jahre alt und lebt in Brüssel. Denn dort saß er die letzten fünf Jahre als italienischer Abgeordneter im EU-Parlament, als Vertreter der früheren Mitte-Links- Regierungspartei PD. Jetzt ist er für eine zweite Amtszeit wiedergewählt worden.

Brando Benifei, 33, begeistert sich seit seinem 19. Lebensjahr für die Vision des geeinten Europa. Der Jurist ist zum zweiten Mal ins EU-Parlament gewählt worden.

Als Benifei sich vor fünf Jahren entschloss, bei der Europawahl erstmals zu kandidieren, im Wahlkreis Nordwestitalien, geschah das noch auf Drängen seiner Jugendorganisation, sagt er. Die wollte junge Politiker ins EU-Parlament bringen, wo das Durchschnittsalter bei Mitte fünfzig liegt. 40 000 Wähler schrieben damals den Namen von Brando Benifei auf den Stimmzettel. In Italien wird nämlich nach einem anderen System abgestimmt als in Deutschland, neben der Partei kann man bei der Europawahl auch einzelne Kandidaten benennen.

Leicht war es nicht, als 28-jähriger Neuling in Brüssel und Straßburg. Er habe erst einmal alle Gesetzentwürfe studieren müssen, die in der alten Legislaturperiode nicht mehr verabschiedet worden waren und von deren Inhalten er keine Ahnung hatte, erzählt Benifei. „Ich habe wahnsinnig viel gearbeitet.“ Rat fand er nicht nur bei anderen jungen Parlamentariern, die sich in fraktionsübergreifenden Netzwerken wie der Gruppe EU40 zusammengetan haben. Auch ältere Kollegen, darunter einige deutsche, hätten ihm sehr geholfen, sagt er.

Vergangenen Sonntag nun schrieben 51 000 italienische Wähler den Namen von Benifei auf den Stimmzettel – mehr als 2014. „Das zeigt, dass ich gut gearbeitet habe“, sagt er. Zu seinen Erfolgen zählt er das Europäische Solidaritäts-Korps, ein Freiwilligen-Programm, das 18- bis 30-Jährige unterstützt, die in der EU soziale Arbeit leisten. „Ich bin einer der Väter“, sagt Benifei. Außerdem habe er Erasmus Pro mit ausgearbeitet. Damit sollen ab 2021 auch Lehrlinge und Berufsschüler einen Teil ihrer Ausbildung im EU-Ausland absolvieren können.

Im Wahlkampf ist Benifei kreuz und quer durch Ligurien, Piemont und die Lombardei getourt. Es sei dieses Mal sehr hart gewesen, sagt er. Denn die Stimmung in Italien hat sich verändert. Vor fünf Jahren holte Mitte-Links noch ein Rekordergebnis von 40 Prozent, heute ist die rechtsnationale Lega stärkste Kraft in Italien. Deren Chef Matteo Salvini wettert unentwegt gegen Europa und die „Brüsseler Bürokraten“. Brando Benifei glaubt dennoch nicht, dass die Europa-Skepsis der Italiener zugenommen hat. „Ein beachtlicher Teil will eine EU, die politisch und wirtschaftlich viel stärker integriert ist.“ Genau dafür kämpfe er.

In ihrer jetzigen Form funktioniere die Union nicht, sagt Benifei. „Sie ist fragil, weil sie unvollständig ist. Ich will ein radikal verändertes Europa.“ Das heiße: eine gemeinsame Regierung, ein stärkeres EU-Parlament, gemeinsames Militär, eine vollständige Währungsunion. Spinellis europäischer Traum also. Mehr Europa sei der beste Weg um zu verhindern, um den Aufstieg von Rechtspopulisten und Nationalisten zu stoppen. Davon versucht Benifei vor allem Leute seiner Generation zu überzeugen. „Nur wenn die Jungen sich einbringen, können sich die Dinge verändern“, sagt er.

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