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Boris Johnson besorgt schon mal Weihnachtspapier für all die Geschenke, die er den Briten versprochen hat. Stefan Rousseau/dpa

Großbritannien

Wahlkampf am Gefrierpunkt: Heute stimmen die Briten ab

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Die Briten stimmen am Donnerstag über Brexit, Boris und Britanniens Fortbestand ab. Ein Sieg Johnsons scheint ausgemachte Sache - so man den unzuverlässigen Prognosen folgt.

Für Boris Johnson begann der Morgen des Grande Finale im Wahlkampf fröstelig. Im Norden Englands wollte er um die letzten Stimmen kämpfen, doch als ein Journalist ihn zu einem Interview zu überreden versuchte, verschwand der Premierminister schnell im Kühllager eines Milchlieferanten. Prima Versteck, Fragen unerwünscht. Details zu seinen großen Versprechen ans Volk gibt es nicht.

So geht das seit Wochen. Trotzdem deutet alles darauf hin, dass der 55-Jährige die Torys bei der heutigen Parlamentswahl im Königreich zu einer absoluten Mehrheit führen wird. Weil seit Tagen jedoch sein Vorsprung schrumpft, startete Johnson eine letzte Offensive in jenen Regionen, die am Ende Zünglein an der Waage sein könnten. Die hart umkämpften Bezirke befinden sich vor allem in Wales und im Norden, wo rote Bergarbeiter-Häuschen sowie aufgegebene Zechen und Fabriken traurige Zeugnisse einstiger Industriemacht von Stahl und Eisen abgeben. Die letzten arbeitenden Betriebe dort fielen schon vor Jahrzehnten der Privatisierungswut von Margaret Thatcher zum Opfer, Trostlosigkeit zog in die Vorgärten der Siedlungen ein. Viele Briten aus der Arbeiterschicht haben hier 2016 für den Brexit gestimmt, aus Protest gegen Westminster, aus Verzweiflung über den jahrelangen Sparkurs, der die Gegend nochmal so hart getroffen hat wie kaum eine andere Region. Sie fühlen sich vergessen von der Politik, im Stich gelassen von Labour. Obwohl diese Gegenden als „das“ britisch-sozialistische Kernland gelten, werden dieses Mal viele ihr Kreuz bei den Konservativen setzen. Johnson kommt mit seiner einfachen Botschaft „Lasst uns den Brexit durchziehen“ an. Die Leute sind des Themas müde. In Bolsover etwa muss der 87-jährige Dennis Skinner, der als das „Biest von Bolsover“ bekannt ist und seit 1970 für den Bezirk Derbyshire im Parlament sitzt, um seinen Wiedereinzug zittern. Parteiloyalität zählt nur noch bedingt. Dass Skinner wie viele seiner Wähler einst Minenarbeiter in Familientradition war, verfängt nicht mehr automatisch. Das liegt vor allem am Brexit, der das Land tief gespalten hat. Die Sozialdemokraten stoßen mit ihrer Forderung nach einem zweiten Referendum auf taube Ohren. Labour-Chef Jeremy Corbyn war am Mittwoch in Middlesbrough unterwegs, auch ein wackeliger Wahlkreis zwischen Labour und Torys. Es dürfte sehr knapp werden.

Dabei geht es laut Umfragen ohnehin nur noch darum, ob Johnson absolut regieren wird können oder ob es abermals zu einer Hängepartie im Parlament kommt. Ohne deutliche Mehrheiten könnte Labour ein Bündnis schmieden mit den pro-europäischen Liberaldemokraten und der Scottish National Party, die auf einen Erdrutschsieg im hohen Norden hoffen darf. Mit einer Minderheitsregierung unter Corbyn, so ihr Versprechen, gibt es eine erneute Volksabstimmung.

Die Umfragen überstürzen sich, aber das britische System macht Prognosen schwierig: Die Direktwahl der Abgeordneten in den insgesamt 650 Wahlkreisen sorgt dafür, dass der jeweilige Gewinner nur eine Stimme mehr benötigt als der Zweitplatzierte, getreu dem Motto „The winner takes all“. Stimmen für unterlegene Kandidaten zählen gar nichts. Deshalb bestand zunächst bei den Pro-Europäern die Hoffnung, dass sich die Anti-Brexit-Parteien in umkämpften Kreisen auf einen Kandidaten einigen würden. Es wurde nichts draus.

Seit Wochen bitten deshalb Aktivisten, Ex-Politiker wie der frühere Labour-Premier Tony Blair oder auch Schauspieler wie Hugh Grant die Briten darum, „taktisch“ zu wählen. Wer kann in welchem Wahlkreis den dort antretenden Tory besiegen und so den Brexit zum 31. Januar 2020 abwenden?

Experten – auch diese nicht per se unfehlbar – denken, die Strategie der Brexit-Gegner werde kaum einen Unterschied machen. „Taktisches Wählen ist ein Zeichen für die Schwäche der Remain-Seite, weil ihr Votum geteilt wird“, sagt John Curtice, Politologe an der Uni Strathclyde und Umfrage-Guru der Nation. Vor allem wollen sich etliche Wähler beim Urnengang eben nicht „die Nase zuhalten“, wie oft gefordert wird. Beide Kandidaten, Johnson und Corbyn, sind unbeliebt, nur wird Corbyn von vielen als noch größeres Übel betrachtet als der Brexit-Cheerleader Johnson.

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