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Malu Dreyer (von li.) im Gespräch mit der SPD-Kandidatin zur Landtagswahl Ruth Greb und Moderatorin Alina Hanss.
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Malu Dreyer (von li.) im Gespräch mit der SPD-Kandidatin zur Landtagswahl Ruth Greb und Moderatorin Alina Hanss.

Corona-Pandemie

Experte zu Wahlkampf im Corona-Jahr: „Dorothee Bär, Lars Klingbeil, Kevin Kühnert sind im Vorteil“

  • Peter Riesbeck
    vonPeter Riesbeck
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Ob Kommunalwahl in Hessen, Landtagswahlen oder Bundestagswahl: Die Parteien kämpfen im Corona-Jahr vor allem digital um die Wählerinnen und Wähler.

  • Im Jahr 2021 stehen insgesamt zehn Wahlen an - von der Kommunalwahl in Hessen über Landtagswahlen bis zur Bundestagswahl.
  • Wegen der Corona-Pandemie kann der Wahlkampf weniger als üblich auf der Straße stattfinden. Parteien nutzen stattdessen Clubhouse, Facebook oder Instagram.
  • Kommunalwahl-News: Alle Informationen und Neuigkeiten zur Kommunalwahl in Hessen finden Sie auf unserer Themenseite.

Berlin – „Ich habe definitiv immer lieber Online-Wahlkampf gemacht“, sagt Julia Reda. Überraschend ist das nicht: Fünf Jahre lang saß die Netzexpertin bis 2019 für die Piratenpartei im Europaparlament. Heute arbeitet sie für die „Gesellschaft für Freiheitsrechte“, einen Berliner Verein zur Wahrung der Grundrechte im Netzzeitalter. Aber auch die ehemalige Politikerin schätzt die Vorzüge des Straßenwahlkampfs. Der Frust der Wählerinnen und Wähler „lässt sich im direkten Gespräch viel besser einfangen“, erinnert sich Reda.

Direkte Gespräche am Infostand gibt es derzeit wegen der Pandemie so gut wie nicht. Am 14. März wählen Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg neue Landesparlamente, und in Hessen sind an dem Sonntag Kommunalwahlen. Der Höhepunkt des Superwahljahrs mit insgesamt zehn Abstimmungen ist die Bundestagswahl am 26. September.

Mehr Wahlkampf im Netz durch Corona-Pandemie

Die Pandemie zwingt die Parteien zum Wahlkampf im Netz. Statt kurzer Gespräche an Infoständen und Marktplätzen heißt es jetzt Chats und Streaming.

Daniel Stich - Drei-Tage-Bart, weißes Hemd – kennt sich aus mit den Neuerungen. Stich ist Generalsekretär der rheinland-pfälzischen SPD. Als solcher musste er Ende vergangenen Jahres das Landestreffen seiner Partei als reine Onlineveranstaltung auf die Bühne bringen. Bundesweit war das Treffen der erste rein digitale Parteitag. „Uns ging es darum, Formate zu digitalisieren, aber mit echter Beteiligung“, sagt Stich und mag sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: „Anders als die CDU in Rheinland-Pfalz.“

Corona-Wahlkampf für die Landtagswahl: „Verschiedene Szenarien vorbereitet“

In Umfragen liegen Union und die SPD von Ministerpräsidentin Malu Dreyer gleichauf. Stich hat Politik und Jura studiert, seine Examensarbeit hat er über den Landtagswahlkampf 2001 verfasst. Doch dieses Mal, in Corona-Zeiten, ist alles anders. „Wir haben von Anfang an verschiedene Szenarien vorbereitet: einmal komplett digital, einmal hybrid mit Onlineformaten und klassisch Straßenwahlkampf. Stand jetzt wird die Kampagne digital ablaufen“, sagt Stich.

Das bedeutet, Malu Dreyer zieht vorwiegend online durchs Land. „Digitales Wohnzimmer“ heißt das Format. Im Wahlkampfstudio mit Sofa und Lounge-Ecke plauscht die Ministerpräsidentin mit Landtagskandidaten ihrer Partei. Dabei geht es viel um Politik. Aber noch mehr um andere Themen. Kandidatin Rebecca Wendel etwa spricht mit Dreyer über Honig aus eigenem Anbau. Mehrere Zehntausend Menschen klicken Dreyers Videorunde an. Dazu muss man in der analogen Welt lange Festhallen bespielen.

Corona-Pandemie: Wahlkampf über Social Media

„Das eigentliche Erfolgsrezept auf Social Media ist, Politiker menschlicher zu machen. Die Politikerinnen, die auf Social Media gut rüberkommen, sind die, die auch authentisch wirken“, sagt die ehemalige Piratin Julia Reda und fügt hinzu: „Mir ist die politische Kommunikation im Netz noch zu twitterlastig.“

Der Kurznachrichtendienst polarisiert zu sehr. Manche Politiker wie Grünen-Chef Robert Habeck haben sich entnervt freiwillig verabschiedet. Andere wie Donald Trump mussten zwangsweihe gehen. Die Onlinegemeinde ist ohnehin längst weitergezogen. Vorbei sind die Zeiten wie im Europawahlkampf 2019, als Rezo mit blauem Haar und einem einzigen Video die „Zerstörung der CDU“ verkündete und den etablierten Politbetrieb schockte.

Die Plattformen

Clubhouse: Die neue Welle in der sozialen Medienwelt, auf Einladung basierender Debattierclub, verbindet neue Hörformate der Podcastwelt mit der Mitmachkultur im Netz. Nicht alles bleibt indes im „Club“-Raum, wie mancher Politiker erfahren musste. Läuft im Testbetrieb nur auf den iOS-Betriebssystemen von Apple.

Facebook: Ursprünglich ein Studierendennetzwerk, von Mark Zuckerberg als weltweiter Datenpool ausgebaut, erlaubt es Privatpersonen und Firmen, sich zu vernetzen. Eher in der Altersgruppe beliebt, die auch AOL-E-MailAdressen hat. Wegen der Reichweite immer noch geschätzt, wegen des mangelnden Datenschutzes kritisiert.

Instagram: Die Facebook-Tochter bietet mit Instagram Live Streamingformate. Im Gegensatz zu Facebook oder Twitter muss ein Bild zwingend gepostet werden. Ursprünglich war Instagram vor allem eine Bild-Plattform.

Jodel: Eine Art WhatsApp, vornehmlich für Studierende. User können anonymisierte Beiträge (Jodel) hochladen. Wäre für Parteien im Wahlkampf durchaus einen Versuch wert.

LinkedIn: Wie Xing ursprünglich ein Jobportal, längst auch als lukrativ-elitärer Nachrichtenumschlagplatz beliebt.

TikTok: Wegen der kätzchenliebenden Bildbearbeitung lange als Kinderkram abgetan, ist das Portal aber längst den Kinderschuhen entwachsen.

Tinder: Datingplattform im Netz für eher zwanglose Treffen. Wegen der Zwanglosigkeit von der um Seriosität bemühten Politik eher gemieden. Spaßparteien könnten einen Test wagen.

Twitch: Streamingportal, vorwiegend unter Videospielenthusiasten beliebt.

Twitter: Kurznachrichtendienst für 280 Zeichen. Nicht erst seit Donald Trump ein wenig ins Abseits geraten. Gehört für viele aber noch in die Netzwelt wie Kuchen zum Sonntag.

WhatsApp: Noch ein Kind des Facebook-Konzerns. Kostenloser Mitteilungsdienst im Netz, wobei kostenlos immer bedeutet, dass der Nutzer mit Daten bezahlt. Sensiblere Nutzer sind deshalb längst umgezogen auf ähnliche Dienste wie Signal. rp

Die Parteien versuchen, das Netz zu erobern. Der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken, 35, gewann zuerst auf Youtube eine parteiübergreifende Fangemeinde, nun hat er auch Twitch für sich entdeckt, ein Portal der Gamerszene.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger ist 71 Jahre alt. Im Parlament eher – pardon – ein Hinterbänkler, begeistert Sattelberger auf Tiktok die Massen. Mal spielt er im Korbsessel mit dem Klischee-Image von Politikern („Was denkt ihr, warum ich Politiker wurde?!“), mal posiert er in Boxpose und silbernen Raumfahrerklamotten. Millionen klicken das an. „Normale Menschen müssen in ihr Leben Humor einbauen, damit die Spaßquote höher ist“, beschreibt Sattelberger im Netz sein Erfolgsrezept.

Wahlkampf in Corona-Zeiten: CSU-Digitalministerin setzt auf Podcasts

CSU-Digitalministerin Dorothee Bär setzt auf Podcasts. Und Instagram liefert mit seinem Liveformat die neue digitale Agora.

Für jede Zielgruppe einen anderen Kanal – die Parteien reagieren auf die Gesellschaft der Singularitäten. „Das ist das eigentliche Geheimnis von Internet-Wahlkampf: die Ausweitung der politischen Arena weit über den politischen Raum hinaus“, sagt Martin Fuchs. Der Mann aus Hamburg ist Blogger, Digitalexperte und eine Autorität der politischen Kommunikation im Netz.

Corona-Wahlkampf: Wer schon lange im Netz aktiv ist, profitiert

Von der CDU bis zur Linkspartei suchen viele seinen Rat. Zum Zoom-Interview wählt er als Fototapete den Parkplatz einer Landschaftsgärtnerei in Pennsylvania, auf den Donald Trump versehentlich seinen Anwalt Rudy Giuliani zu einer Pressekonferenz schickte. Ein legendärer Reinfall – „Fail“ im Netzjargon. „Es geht um Community-Building. Das ist etwas, was nicht in den sechs bis acht Wochen der heißen Wahlkampfphase geschieht, sondern schon lange davor“, sagt Fuchs über den Online-Wahlkampf.

„Dorothee Bär, Lars Klingbeil, Kevin Kühnert sind schon seit Jahren im digitalen Raum unterwegs und haben belastbare digitale Beziehungen aufgebaut. Die müssen nicht plötzlich schnell Follower generieren. Die haben eine konstant hohe Zahl an Unterstützern, die sie jeweils ihren Freunden und Bekannten in deren Timeline spielen“, erläutert Fuchs und ergänzt: „Das Netz ist da nachhaltiger angelegt, als viele glauben.“ Sprich: Dauerhaftes Engagement wird belohnt, ganz so wie in der analogen Welt. Auch im Netz geht es ums Netzwerk.

Corona-Wahlkampf online: „Facebook wurde häufig totgesagt“

Daniel Stich kennt das. „Es gibt Formate, etwa auf Tiktok, die erzeugen nur Hype. Aber uns geht es um die Reichweite“, sagt der SPD-Wahlkampfmanager aus Rheinland-Pfalz. „Facebook wurde häufig totgesagt, aber allein Malu Dreyer hat mehr als 70 000 Abonnenten in dem sozialen Netzwerk“, sagt Stich.

Er setzt in seiner Kampagne auf eine breite Welle: „Wichtiger als der Faktor Alter ist es, diejenigen zu erreichen, die zwischen Wahl und Nichtwahl schwanken. Dabei setzen wir auf einen Medienmix: den klassischen Haustürwahlkampf, wenn auch in veränderter Form wie etwa durch Gartenzaungespräche. Dann setzen wir verstärkt auf Plakate und ein gedrucktes Wahlkampfmagazin.“ Auch die digitalisierte Welt schätzt das Analoge. Und so kleben nicht nur die Sozialdemokraten in Rheinland-Pfalz kräftig Plakate. „Print is not dead“, sagt Stich.

Digitaler Wahlkampf: „Das Netzt verleiht ganz andere Möglichkeiten“

Was bleibt vom ersten Digital-First-Wahlkampf der Republik? Netzaktivistin Julia Reda glaubt an die positive Kraft des Internets. „Das Netz verleiht demokratischen Bewegungen ganz andere Möglichkeiten“, sagt sie. „Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matter hätte es ohne das Internet und seine mobilisierende Kraft in dieser Form wohl nicht gegeben.“

Kommunikationsexperte Martin Fuchs sieht einen Wandel im politischen Stil. „Der digitale Raum funktioniert anders“, sagt er und erläutert: „Eine größere Kritikfähigkeit, Kontrollverlust zulassen, flachere Hierarchien, die Fähigkeit zur Selbstironie und eine eigene Fehlerkultur, die Bereitschaft, sich zu entschuldigen.“

Das Netz verändert die politische Kommunikation. „Die digitalen Formate sind raus aus der Nische“, bilanziert Stich, der Mainzer Wahlkampfmanager. Doch hat er vorgebaut, sollte der Lockdown noch vor der Wahl am 14. März wackeln: „Wir sind jederzeit in der Lage, innerhalb von 48 Stunden in ganz Rheinland-Pfalz eine klassische Wahlkampfveranstaltung auf die Beine zu stellen.“ (Peter Riesbeck)

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