Wilmington: Joe Biden, Präsidentschaftskandidat der Demokraten, und Ehefrau Jill Biden geben sich siegesgewiss.
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Wilmington: Joe Biden, Präsidentschaftskandidat der Demokraten, und Ehefrau Jill Biden geben sich siegesgewiss.

US-Wahl 2020

US-Expertin Rachel Tausendfreund: „Dass Biden gewinnt, ist immer noch sehr wahrscheinlich”

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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US-Expertin Rachel Tausendfreund im Interview zu den ersten Ergebnissen der US-Wahl und warum sie denkt, dass Biden am Ende als Sieger dastehen wird.

  • Die USA haben gewählt - ein Ergebnis liegt aber noch nicht vor.
  • Rachel Tausendfreund im Gespräch: „Ein Blue Shift ist sehr wahrscheinlich“
  • Alles rund um die Wahl zum US-Präsidenten 2020 und Amtsinhaber Donald Trump.

US-Expertin Rachel Tausendfreund von der Stiftung German Marshall Fund geht davon aus, dass Joe Biden in den nächsten Stunden und Tagen noch aufholt und schließlich die Präsidentschaftswahl gewinnt - und nicht Donald Trump. Auch wenn der in manchen Teilen des Landes massiv mobilisieren konnte.

Frau Tausendfreund. Es ist 6:30 Uhr. Was hat Sie an den bisher vorliegenden Ergebnissen zur Präsidentschaftswahl in den USA überrascht?

Bisher hat mich noch nichts stark überrascht. Dass Florida an Donald Trump ging vielleicht ein bisschen, man hatte doch einen Vorsprung von Biden dort erwartet. Aber es war immer klar, dass es in Florida knapp wird. Auch dass Ohio an Trump ging, ist nicht überraschend. Die wichtigen offenen Fragen sind eher, wie North Carolina abstimmt oder Arizona. Das kann man jetzt aber noch nicht sagen.

Der konservative Sender “Fox News” hat in Arizona allerdings schon Biden zum Sieger erklärt.

Der Sender wird seine Gründe haben, aber da bisher noch niemand sonst darauf angesprungen ist, muss man da noch zurückhaltend sein.

„Trump hat ja immer schlecht von der Briefwahl gesprochen“

Es heißt ja, dass heute und in den nächsten Tagen noch mit einem sogenannten Blue Shift zu rechnen ist, also dass die Briefwähler:innen, deren Stimmen in vielen Staaten erst ganz zum Schluss ausgezählt werden, mit großer Mehrheit für Biden gestimmt haben und dass das in Staaten wie Pennsylvania den wahlentscheidenden Ausschlag geben könnte.

Ja, ein solches Szenario scheint auch mir sehr wahrscheinlich. Das wird vor allem in Bundesstaaten wie Wisconsin, Michigan und auch Pennsylvania einen großen Effekt haben. In Florida und Arizona waren die Briefwahlstimmen von Anfang an bei der Auszählung dabei - in den eben erwähnten Staaten werden sie aber, wie Sie gesagt haben, erst am Schluss gezählt. Trump hat ja immer schlecht von der Briefwahl gesprochen und man kann davon ausgehen, dass die Mehrzahl dieser Stimmen an Biden gehen werden.

Welche interessanten Veränderungen lassen sich denn - Stand jetzt am frühen Morgen - bei den Wähler:innengruppen ausmachen?

Bisher kann man sehen, dass die ländliche Trump-Wählerschaft etwa in Florida oder Pennsylvania Trump weitestgehend sehr treu geblieben zu sein scheint. Das hätte auch anders laufen können, wenn man an Covid-19 und an die wirtschaftliche Lage denkt.

„Müssen von einem harten Kampf ausgehen“

Deuten die bisherigen Zahlen darauf hin, dass die Polarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft in liberale urbane Gegenden und scharf konservative ländliche Regionen sich mit dieser Wahl noch verstärkt hat?

Mit so einer Beurteilung müssen wir auf die Endergebnisse warten. Denn auch im ländlichen Raum haben ja wahrscheinlich liberalere Wähler:innen per Briefwahl gewählt. Aber: In der Tat sind die ländlichen Wählerinnen und Wähler der Republikanischen Partei treu geblieben.

Wenn Trump verliert - wird er die Niederlage anerkennen?

Ich denke, das wird er müssen - zumindest dann, wenn die Ergebnisse eindeutig genug sind. Wenn es eng wird und zum Beispiel eine Nachzählung in Florida oder in einem anderen “Battleground State” durchgeführt werden muss, dann wird es schon schwierig. Wenn es eng wird mit den Stimmen, müssen wir von einem sehr harten Kampf ausgehen.

„Die Stimmen zählen“

Es laufen ja schon juristische Anfechtungen. Etwa von Briefwahlzetteln, die angeblich zu früh ausgezählt wurden. Welche Chancen haben solche Vorstöße, die ja oft von republikanischer - also von Trumps - Seite kommen?

Das wird jeweils davon abhängen, wie die nächsten Instanzen über diese Fälle entscheiden. Die Tage gab es zum Beispiel in Texas eine Entscheidung über Wahlunterlagen, die vor dem Wahltag in aufgestellte Wahlboxen geworfen wurden. Von republikanischer Seite wurde kritisiert, dass Genehmigungen für diese Boxen fehlten. Die Republikaner hätten die dort eingeworfenen Stimmen also gerne von der Auszählung ausgeschlossen. Aber der Richter - ein konservativer Mann, der von George W. Bush ernannt wurde - hat das anders gesehen. Die Stimmen zählen. Das Beispiel zeigt, dass man eben nie wissen kann, wie die Entscheidungen ausfallen werden.

Ich verstehe Sie so, dass Sie es als realistisch einschätzen, dass Biden die Wahl gewinnt - auch ohne Florida und Ohio.

Ich halte das für realistisch, eine sichere Sache ist es aber noch nicht. Arizona zum Beispiel, wo Joe Biden derzeit führt, ist sehr wichtig für Trump. Er hat nur sehr wenige Möglichkeiten, zu gewinnen, wenn er Arizona verliert. Er müsste dann zusätzlich zu Florida und Ohio auch Pennsylvania, Michigan und Wisconsin gewinnen und. Und das wird schwierig. Für Biden hingeggen stehen noch viele Wege mehr offen als für Trump.

„Trump scheint seine Kernwählerschaft gut mobilisiert zu haben“

Können Sie noch einmal kurz erklären, warum Arizona auf einmal ein “Swing State” ist - während er das vor den Wahlen vor vier Jahren ja noch nicht war.

Das liegt daran, dass der jüngere und nicht-weiße Anteil an der Bevölkerung in Arizona ständig wächst. Dazu kommt, dass eine höhere Wahlbeteiligung - und das ist bei dieser Wahl der Fall - meist auch bedeutet, dass mehr jüngere und nicht-weiße Menschen gewählt haben. Das scheint dort der Schlüssel für ein besseres Ergebnis der Demokraten als noch 2016 gewesen zu sein. Und natürlich wächst in Arizona auch der Anteil der zu den Demokraten tendierenden Latino-Wählerinnen und Wähler und anderer Minderheiten. Und auch die Städte sind gewachsen, mit liberal gesinnten Bevölkerungsschichten. All das führt dazu, dass sich die politischen Mehrheiten dort verändern. Das sehen wir auch in Texas, aber in Arizona ist dieser Prozess schon weiter vorangeschritten.

Die Zahlen deuten aber doch auch darauf hin, dass Trump seine Kernwählerschaft sehr gut mobilisieren konnte, oder? Wir hatten die Tage ein Gespräch mit einer 69-Jährigen aus South Carolina im Blatt, die 2020 zum ersten Mal in ihrem Leben gewählt hat - weil die unbedingt wollte, dass Trump Präsident bleibt...

Ja, das stimmt. Trump scheint seine Kernwählerschaft gut mobilisiert zu haben. Ich denke da gerade an einen Landkreis in Wyoming, der totales Trump-Territorium ist und in dem meine Cousine lebt. In diesem Kreis war die Wahlbeteiligung bei dieser Wahl ebenfalls sehr hoch. Und dort ist, wie Sie gesagt haben, davon auszugehen, dass die allermeisten Leute für Trump gestimmt haben. Seine Anhängerinnen und Anhänger waren sehr motiviert. Aber auch da müssen wir auf die finalen Zahlen abwarten, um mehr dazu sagen zu können. (Das Interview führte FR-Redakteur Fabian Scheuermann)

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