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Selfie mit dem Kandidaten: Thanathorn Juangroongruangkit mit einer Anhängerin im Wahlkampf in Bangkok.

Thailand

Ein Multimilliardär mit linken Ideen

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Mit seinem Wahlkampf gegen die Militärs will ein Politneuling nicht nur Thailands Erstwähler begeistern.

Abend für Abend steht der 80-jährige Su Cha mit einem Rechen und einem Müllsack auf dem Sandstrand vor seinem Haus nahe dem Dorf Ban Maphrao und sammelt Plastikmüll ein. „Solange ich stehen kann, wird man mich jeden Tag hier finden“, erzählt der schwerhörige Greis bei jeder Begegnung. In diesen Tagen schiebt er nun jedes Mal seine persönliche Wahlbotschaft hinterher. „Nicht vergessen“, sagt Su Cha und richtet seinen mageren Oberkörper zum Abschied etwas auf, „Anakot Mai (Vorwärts in die Zukunft) wählen.“

Fast fünf Jahre wartete der alte Mann in dem kleinen Dorf am Golf von Thailand rund 90 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Chumphon mit 50 Millionen Wahlberechtigten auf den ersten Urnengang seit dem Putsch 2014. Vier Mal verschoben die Generäle, die damals die Macht übernahmen, den Termin. Jetzt zeichnet sich nicht nur eine hohe Wahlbeteiligung ab. Die Thailänder haben genug von der Militärregierung. Su Cha hat eine klare Meinung: „Die Militärs haben abgewirtschaftet.“

Seine Hoffnungen ruhen auf einem Mann, der öffentlich keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Thailands 1400 Generälen macht und sich anschickt, alle Wahlprognosen über den Haufen zu werfen: Thanathorn Juangroongruangkit, einem 40-jährigen Vater von vier Kindern ohne jede politischen Erfahrung und mit schier unermesslichem Reichtum. Der drahtige Politikneuling marschierte knapp 600 Kilometer zu Fuß durch die Arktis und läuft Marathon. Der Milliardär, dessen Familie mit dem Unternehmen Thai Summit Group seit 1977 Milliarden mit der Produktion von Autozubehör scheffelte und den US-Konzern Tesla beliefert, steht jenseits der klassischen Kluft zwischen „Rothemden“ um den Ex-Premierminister Thaksin Shinawatra und den royalistischen „Gelbhemden“. Er bewundert die spanische Podemos-Bewegung und Griechenlands Syriza.

Zu den Wahlen in Thailand: Die Generäle geben sich gelassen

In Thailand werden schwerreiche Persönlichkeiten angehimmelt. Der jugendlich wirkende Thanathorn mit seinem linken Anspruch mausert sich derzeit zum Liebling der 7,4 Millionen Erstwähler unter den 50 Millionen Wahlberechtigten des Königreichs. „Ich stamme aus dem Kreis der Privilegierten, die ein Prozent der Gesellschaft ausmachen, aber ich stehe für die anderen 99 Prozent der Gesellschaft“, gibt sich der Tycoon als Mann des Volkes. Spaßvögel tauften Thanathorn prompt zum „Zehn-Milliarden-Prai“. Der Begriff „Prai“ dient als abschätzige Beschreibung der unterprivilegierten Bevölkerungsmehrheit in der politischen Auseinandersetzung mit der „Amart“, dem Oberbegriff für die Elite aus hohen Bürokraten, Generälen und der wirtschaftlichen Elite des 70 Millionen Volkes.

Der Unternehmerzögling, der sich in der Familienfirma als knallharter Kapitalist profilierte, traf mit seiner Forderung, das Militärbudget zu kürzen und den politischen Einfluss der Offiziere zu begrenzen, einen Nerv der generalsmüden Thailänder.

Denn die Bilanz der fünfjährigen Militärherrschaft fällt ziemlich durchwachsen aus. Das Bruttoinlandsprodukt des Königreichs nahm zwar zu, aber die Arbeitslosigkeit stieg auf neue Rekordhöhe. Thailands private Haushalte sind bei einem Durchschnittseinkommen von 27 000 Baht (750 Euro) im Durchschnitt mit 180 000 Baht verschuldet. Die Reisbauern im Norden des Landes klagen, weil sie gegenwärtig nur 170 Euro pro Tonne erhalten. Der Preis ist mehr als doppelt so niedrig wie die Bestpreise, die vor 2014 dank massiver Subventionen von der Yingluck-Regierung flossen. Vor allem aber deckt er die Kosten nicht.

Selbst die Kautschukpreise – Thailand ist der weltgrößte Produzent und Exporteur – liegen mit 1,10 Euro pro Kilo um 50 Prozent unter den Preisen von 2014. Männer wie der 80-jährige Su Cha, der Dank Dutzender Kokospalmen im Garten einen nettes Zubrot verdiente, verdient nur noch drei Baht pro Nuss, vor einem Jahr waren es 18.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist inzwischen in den Mittelpunkt des Wahlkampfs gerückt. Laut dem Credit Suisse Global Wealth Databook 2018 besaß im Jahr 2016 ein Prozent der Thailänder (das sind etwa 500 000 Personen) 58 Prozent des Wohlstands in dem Königreich. Im Jahr 2018 hatte der kleine Kreis seinen Besitz auf 66,9 Prozent erhöht. „Thailand überholte Russland, wo der Besitz des einen Prozent von 78 auf 57,1 Prozent sank“, rückt Banyong Pongpanich, Chef der Kiatnakin Pjatra Financial Group, das Königreich in die Nähe einer Oligarchie.

Die Militärs, die sich während der vergangenen fünf Jahren auf Mittel und Wege konzentrierten, eine Rückkehr des im Exil lebenden, im Jahr 2006 gestürzten gewählten Premierministers Thaksin Shinawatra oder seiner 2014 gestürzten jüngsten Schwester Yingluck zu verhindern, verstehen angesichts der neuen Konkurrenz keinen Spass. Vorsichtshalber leitete die Junta bereits ein Gerichtsverfahren gegen die Partei Anakot Mai ein.

Der erste Verhandlungstag soll nach der Wahl stattfinden. Beobachter glauben, dass die zuständigen Richter im Sinne der Generäle entscheiden werden. Sollte Anakot Mai zu stark werden, könnte aus dem Parteivorhaben, Thailand „Vorwärts in die Zukunft“ zu führen, schnell ein Marsch ab in die Verbannung werden – samt Gefängnisstrafen für die Führung.

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