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 Wahlplakate verschiedener Parteien zur Landtagswahl in Baden-Württemberg am 14. März 2021.
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Meinungsumfragen sind in vor einer Wahl ebenso präsent wie Plakate der Parteien (Symbolbild).

Wahlen 2021

Wahl-Umfragen: Feine Unterschiede haben große Auswirkungen auf die Ergebnisse

  • VonJoel Schmidt
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Nicht nur wegen Fehlerquoten sind Wahlumfragen mit Vorsicht zu genießen. Meinungsforschungsinstitute stehen politischen Lagern nahe: von der SPD über die CDU bis zur AfD.

Berlin – Wahlumfragen werden regelmäßig von verschiedenen Meinungsforschungsinstituten durchgeführt und bilden aktuelle politische Zustimmungswerte ab. Sie können Anknüpfungspunkte bei der Themensetzung, Hilfestellung bei der Einordnung politischer Fragen sowie Orientierung bei der Wahlentscheidung sein. Bei einer üblichen Fehlerquote von drei Prozent können diese Umfragen je nach Anbieter aber auch durchaus unterschiedlich ausfallen – und damit neben der reinen Abbildung politischer Zustimmungswerte ebenso Meinungen und Wahlverhalten beeinflussen.

Auf den ersten Blick mögen die farbenfrohen Kreis- und Säulendiagramme, die sich regelmäßig in sämtlichen Medien finden, alle gleich aussehen. Beim genaueren Hinsehen fällt jedoch auf, dass diese sowohl von verschiedenen Meinungsforschungsinstituten durchgeführt als auch von verschiedenen Medien in Auftrag gegeben werden. Obwohl die Ergebnisse immer davon abhängig sind, wer zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort befragt wird, gelten die Wahlumfragen gemeinhin als repräsentativ. Im Nachgang der Bundestagswahl 2017 haben Forschende der Universität Hohenheim anhand repräsentativer Wahlumfragen die Wirkung veröffentlichter Umfrageergebnisse auf die Wähler:innen untersucht und ihre Ergebnisse in einer Studie veröffentlicht.

Wahlumfragen: Tausend Befragte bilden die Stimmung eines ganzen Landes ab

Um zu ihren Ergebnissen zu gelangen, befragen die großen Meinungsforschungsinstitute in Deutschland in der Regel nur zwischen 1.000 und 2.000 wahlberechtigte Menschen. Während „Forsa“, die „Forschungsgruppe Wahlen“ und „Infratest Dimap“ für ihre stichprobenartige Erhebung zum Großteil ausschließlich auf Festnetznummern anrufen, setzt das „Institut für Demoskopie Allensbach“ auf die persönliche Wähler:innen-Befragung, „YouGov“ und „Civey“ führen diese ausschließlich online durch.

Laut dem Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider, der an der Studie der Universität Hohenheim beteiligt war, hat sich die Wahrnehmung von Wahlumfragen in Deutschland im Laufe der Jahrzehnte um ein Vielfaches erhöht. Von 17 Prozent im Jahr 1952 auf 75 Prozent im Jahr 2002. Und obwohl Wahlumfragen mittlerweile von fast allen Wähler:innen wahrgenommen würden, stießen sie dennoch bei politisch interessierten Menschen auf die größte Resonanz. Zu dem Ergebnis gelangten die Forschenden um Brettschneider in ihrer Studie, für welche sie repräsentative Wahlumfragen zur Bundestagswahl im Zeitraum von 1980 bis 2002 untersuchten.

Studie zur Auswirkung von Wahlumfragen: Forschende äußern Vermutungen über Effekte

Bezüglich der Auswirkungen von Wahlumfragen auf die spätere Wahlbeteiligung äußerten die Forschenden die Vermutung, dass die Wahlberechtigten bei einem ungewissen Ausgang zur Wahlteilnahme angespornt werden und es somit zu einem Mobilisierungseffekt komme. Wenn die Umfragen im Vorfeld einer Wahl jedoch bereits einen sicheren Ausgang prognostizierten, könnte dies auch bestimmte Wähler:innengruppen von der Stimmabgabe abhalten. Dieser könnte bei Anhänger:innen des vermeintlichen Wahlverlierers als ein „Defätismuseffekt“, bei denen des Wahlsiegers als ein „Lethargieeffekt“ und bei den Unentschlossenen als ein „Bequemlichkeitseffekt“ bezeichnet werden. Bei der Präsentation ihrer Ergebnisse wiesen die Forschenden allerdings ausdrücklich darauf hin, dass es sich dabei lediglich um Vermutungen anhand der von ihnen untersuchten Daten, nicht um nachgewiesene Effekte handele.

Zur Frage nach Beeinflussung der Stimmabgabe durch Wahlumfragen nennen die Forschenden um Brettschneider zwei weitere Vermutungen, die ebenfalls nicht nachgewiesen sind. Den „Bandwagon“- oder „Mitläufer:innen“-Effekt sowie den „Underdog“- beziehungsweise „Mitleidseffekt“. Erster besagt, dass die Wähler:innen auf der Sieger:innenseite stehen wollen und ihre Stimme dementsprechend für die in Umfragen führende Partei abgeben. Bei letztgenannten ist es genau umgekehrt und die Wähler:innen schlagen sich auf die Seite der zurückliegenden Partei.

Noch farbenfroher als die Säulen- und Tortendiagramme der Wahlumfragen: Wahlplakate.

Wie Wahlumfragen die Stimmabgabe beeinflussen können: Das taktische Wählen

Als plausibel stuft die Studie hingegen den „Fallbeileffekt“ ein. Demnach würden Wähler:innen einer von ihnen bevorzugten Partei nur dann ihre Stimme geben, wenn diese auch Chancen auf Einzug in den Bundestag habe. Eine Partei könnte somit etwa an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, da ihre potenziellen Wähler:innen aufgrund von vorherigen Wahlumfragen annehmen, „sie würde den Einzug in den Bundestag nicht schaffen“, so die Forschenden. Hinweise gibt die Studie auch auf das sogenannte taktische Wählen und das Koalitionswählen, welches die Forschenden insbesondere bei Wähler:innen mit großem politischem Interesse festgestellt haben. Hierbei erhält eine andere Partei als die eigentlich bevorzugte die Stimme, um somit etwa möglichen Koalitionspartner:innen ins Parlament zu verhelfen.

Auch wenn sich wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Beeinflussung des Wahlverhaltens durch im Vorfeld veröffentlichte Umfragen nur schwer treffen lassen, vermitteln die Vermutungen der Forschenden dennoch einen Eindruck über mögliche Effekte durch Wahlumfragen. Sie sensibilisieren außerdem dafür bei der nächsten Darstellung der Frage „Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre...“, einmal genauer hinzuschauen und sich zu vergegenwärtigen, dass diese Frage nicht allen 60,4 Millionen zur Bundestagswahl 2021* berechtigen Deutschen gestellt wurde, sondern lediglich einem verschwindend geringem Prozentsatz.

Meinungsforschungsinstitute in Deutschland: Zugehörigkeit zu politischen Lagern

Nicht Schaden kann bei der nächsten Betrachtung der farbenfrohen Kreis- und Säulendiagramme auch im Hinterkopf zu haben, dass manche Meinungsforschungsinstitute eine gewisse Nähe zu politischen Lagern aufweisen. So gilt etwa das „Institut für Demoskopie Allensbach“ als dem konservativen Spektrum zugehörig, „Forsa“ werden wiederum Sympathien mit der SPD nachgesagt. Während im Auftrag der ARD das Meinungsforschungsinstitut „Infratest dimap“ den „Deutschlandtrend“ erhebt, an Wahlabenden Prognosen und Hochrechnungen bekannt gibt und auch von vielen Tageszeitungen genutzt wird, haftet der vor allem im ZDF präsenten „Forschungsgruppe Wahlen“ der Ruf an, CDU-nah zu sein.

Civey“ wiederum sah sich 2018 mit dem Vorwurf, nicht-repräsentative Ergebnisse veröffentlicht zu haben, konfrontiert, woraufhin mehrere deutsche Meinungsforschungsinstitute Beschwerde beim Presserat einreichten. Vergangenen Sommer untersagte das Landgericht Köln dem Unternehmen zudem die Behauptung, „Civey“ schneide bei Wahlumfragen überdurchschnittlich gut ab und bezeichnete die Eigenwerbung als „irreführend“. Bei dem auch in Deutschland tätigen „YouGov“ handelt es sich wiederum um ein börsennotiertes Markt- und Meinungsforschungsinstitut aus Großbritannien, zu deren größten Aktionären die umstrittene Investmentgesellschaft „BlackRock“ gehört. Als einziges deutsches Institut bezieht „INSA-Consulere“ seine Daten sowohl aus eigenen Telefonbefragungen als auch von den „YouGov“-Umfragedaten.

Die offene Flanke zur extremen Rechten: Das Forschungsinstitut „INSA“ und die AfD

Dem „INSA“-Meinungsforschungsinstitut, welches unter anderem wöchentlich den Meinungstrend für den „BILD“-Wahlcheck ermittelt, wird eine Nähe zur extremen Rechten nachgesagt. So führte das Institut im Auftrag der AfD im Jahr 2014 nicht nur Befragungen durch und erhob Meinungstrends für die Partei, wie aus internen Unterlagen hervorgeht, die „Zeit Online“ einsehen konnte. Das Unternehmen „DO Dienstleistungsoffice“, an dem „INSA“-Geschäftsführer Hermann Binkert damals beteiligt war, verfasste zur selben Zeit ebenfalls Reden und Pressemitteilungen für die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag um den Faschisten Björn Höcke, wie „Spiegel Online“ berichtete. Im Namen von „DO Dienstleistungsoffice“ machte Binkert selbst der Fraktion am 27. Oktober 2014 ein Angebot über die Ausarbeitung von Redeentwürfen, die von dieser wenig später angenommen wurde.

Aus weiteren Unterlagen, die „Spiegel Online“ ebenfalls einsehen konnte, geht zudem hervor, dass das Unternehmen im November und Dezember 2014 der AfD im Thüringer Landtag monatliche Dienstleistungshonorare in Rechnung stellte, die von dieser auch beglichen wurden. Bereits im Herbst 2013 ging nach Informationen von „Zeit Online“ auf einem Konto der AfD eine Überweisung von mehreren Tausend Euro des Ehepaares Binkert ein, gekennzeichnet „mit der Bitte um Sendung einer Spendenquittung“, zitiert das Portal. Wenig später, so berichtet es „Zeit Online“, folgte eine weitere Spende von Binkerts Firma „INSA-Consulere“ an die Partei. Nach einer Sitzung des Bundesvorstands der Werteunion in der CDU* in Erfurt wurde im Herbst 2019 außerdem Binkerts Mitgliedschaft in dem rechtskonservativen Verein bekannt. Dessen Grundsatz lautet: „Freiheit statt Sozialismus“. (Joel Schmidt) fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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