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Das letzte Wort werden die Wähler haben.

Wahl in der Ukraine

Die Kandidaten der Oligarchen

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Ein TV-Komiker geht als Favorit in die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine. Ein Oligarch finanziert gleich zwei aussichtsreiche Kandidaten.

Der Maidan hat andere Sorgen als diesen Wahlkampf. Im Shcherbenko Art Centre in einem Hinterhof nahe des zentralen Kiewer Platzes stellt Oleksandr Rojtburd aus. Auf wandfüllenden Gemälden lieben sich surreale Nackte ohne Gesichter. Der Künstler Rojtburd, 57, stammt aus Odessa, gilt als Star der ukrainischen „Transavantgarde“. Ein Teil des Publikums ist halb so alt wie er, viele Besucher tragen teure Markenklamotten.

Das Leben sei kaum schlechter oder besser geworden unter Präsident Petro Poroschenko, sagt Rojtburd: „Ich mag ihm widersprechen, ihn kritisieren, weil er es verdient hat. Aber zumindest ist mir dieser Staatschef nicht mehr peinlich.“ Rojtburd sympathisiert mit dem Präsidenten, wie viele hier. Die Bohème der Ukraine hat sich eingerichtet in Poroschenkos halbwegs liberalem Status quo, trotz des Reformstaus, des endlosen Kleinkriegs im Donbas und achtfach gestiegener Gaspreise. Viele Intellektuelle verspüren sichtliches Unbehagen, weil der Amtsinhaber nach den jüngsten Umfragen mit 17,1 Prozent weit hinter dem TV-Komiker Wladimir Selenski mit nun 32,1 Prozent zurückliegt. Er läuft sogar Gefahr, den zweiten Platz in der möglichen Stichwahl an die Populistin Julia Timoschenko zu verlieren, sie kommt derzeit auf 12,5 Prozent.

Rojtburd, im vergangenen Jahr zum Direktor des Kunstmuseums Odessa ernannt, hält nicht viel von dem Komödianten Selenski. Sicher, hinter Selenski stehe der Oligarch Ihor Kolomoiski, und Kolomoiski spiele gut Schach. „Es ist nicht in seinem Interesse, die Ukraine Putin auszuliefern“, überlegt Rojtburd. „Aber ich habe Angst vor Selenskis Dilettantismus, davor, was geschieht, wenn Kolomoiski ihn bei den entscheidenden Verhandlungen allein lässt.“

Machtkämpfe auch im prowestlichen Lager

Schon 20 Jahre vor der Kandidatur Selenskis verglichen Politologen den ukrainischen Parlamentarismus mit einer Seifenoper. Aber in diesem Wahlkampf voller Intrigen, Enthüllungen, falscher Schwüre und Tränen scheint die Wirklichkeit alle TV-Serien zu übertreffen. Eines tröstet jedoch: Knapp zwei Wochen vor dem ersten Wahlgang am 31. März ist der Ausgang völlig offen. Das letzte Wort werden die Wähler haben.

Wahlleiterin Tatjana Slipatchuk zeigt die Liste der Präsidentschaftskandidaten.

44 Kandidaten sind gestartet, 39 noch im Rennen. Es ist ein wirrer Haufen, in dem scheinbar jeder jeden bekriegt. Selbst der jahrzehntelang kleinste gemeinsame Nenner der ukrainischen Politik funktioniert nicht mehr: Weder die russlandfreundlichen Kräfte des ukrainischen Ostens noch die proeuropäischen des Westens halten zusammen. Da stellte der russophile „Oppositionsblock“ Exvizepremier Alexander Wilkul als Kandidat auf. Aber auch dessen früherer Fraktionskollege Juri Boiko, ebenfalls prorussisch, sowie der Jungparlamentarier und Putin-Fan Jewgeni Murajew bewarben sich. Boiko ist mit knapp zehn Prozent in den Umfragen der Populärste von ihnen. Aber Anfang März zog Murajew seine Kandidatur nicht für ihn zurück, sondern für Wilkul, der mit 1,5 Prozent noch aussichtsloser im Hintertreffen liegt als Murajew mit 2,5 Prozent.

Experten vermuten dahinter Zwietracht in den luxuriösen Hinterzimmern der ukrainischen Politik. Der im Wiener Exil sitzende Multimillionär Dmytro Firtasch soll Boiko finanzieren, der Milliardär Rinat Achmetow aber Wilkul. Jetzt wird spekuliert, warum sich Achmetow und Firtasch nicht auf einen Kandidaten einigen konnten. Boikos und Wilkuls Mannen aber werfen einander vor, gemeinsame Sache mit Poroschenko zu machen.

Dagegen zogen die demokratischen Oppositionspolitiker Andrij Sadowyj, Dmytro Gnap und Dmytro Dobrodomow Anfang März ihre Kandidaturen zurück, um den besser platzierten Gesinnungsgenossen Anatoli Grizenko zu unterstützen. Er kletterte danach auf 10,3 Prozent, manche Politologen geben dem ehemaligen Verteidigungsminister sogar Chancen auf die Stichwahl. Aber Solidarität ist die Ausnahme, auch im prowestlichen Lager. So predigen die Favoriten Selenski, Timoschenko und Poroschenko europäische Integration und Nato-Beitritt, gleichzeitig aber drohen Timoschenko und Selenski dem Amtsinhaber Gefängnis an. Dessen Anhang beschimpft sie wiederum als U-Boote des Kremls.

Viele ukrainische Beobachter freut der allgemeine Zank. „Im Gegensatz zum autokratischen Russland haben unsere Wähler eine echte Wahl zwischen ganz unterschiedlichen Konkurrenten“, sagt der Politologe Oleksandr Solontai. Zwar stünde hinter den wichtigsten Kandidaten die Oligarchie mit ihrem Geld. Aber sie sei keineswegs monolithisch, enthülle jetzt die Korruptionsskandale ihrer Gegner.

Besonders trifft es Amtsinhaber Poroschenko. Dem früheren Schokofabrikanten wird vorgeworfen, er habe sein Amt vor allem als Profit-Center gesehen. Und er rutschte zwischenzeitlich auf den dritten Platz ab, als bekannt wurde, ein alter Kumpel Poroschenkos habe zu Wucherpreisen aus Russland eingeschmuggelte Ersatzteile an die Armee verkauft.

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Einerseits wirkt dieser Wahlkampf wie eine träge Imitation. In den meisten Städten sind Wahlhelfer rar, bis auf dicke Frauen in braunen Kitteln. Sie sollen für Präsident Poroschenko Propaganda machen, tratschen aber untereinander. Fast scheint es, als habe mancher Stabschef die Wahlkampfgelder schon selbst eingesteckt.

Anderseits brüllt der Wahlkampf. Auf den Wahlplakaten in Kiew recken gescheiterte Gouverneure, parlamentarische Hinterbänkler oder völlig unbekannte Unternehmer das Kinn. Aus Eitelkeit, Kalkül vor den Parlamentswahlen im Oktober oder als „Spoiler“ der Favoriten. Und fast alle versprechen Glück und Geld.

So verkündet der Blogger Wladimir Petrow Straffreiheit für Lebensmitteldiebstähle bis 30 Euro und die Abschaffung der Polizei. Aber auch Julia Timoschenko nimmt den Mund voller den je, verheißt europäisches Lohnniveau. Und sie behauptet, sie werde zurücktreten, wenn es ihr nicht gelingt, das alte System in hundert Tagen zu zerbrechen.

Tatsächlich weiß aber jeder im politischen Kiew, dass ihr bis zu den Oktoberwahlen auf jeden Fall die Mehrheit im Parlament für den großen Umbruch fehlen wird.

Doch all das verblasst vor Selenskis Performance. Der smarte Schauspieler ist in die Rolle seines berühmtesten Helden geschlüpft, des Geschichtslehrers Goloborodko, der in der TV-Serie „Diener des Volkes“ zum ersten ehrlichen Präsidenten der Ukraine aufsteigt. Ein netter Kerl von nebenan, der aber Korruption auf den Tod nicht ausstehen kann. „Du hast das Beste getan, was du fürs Land tun konntest. Du bist gestorben“, erklärt Goloborodko in einer Grabrede auf einen Parlamentarier, der Millionen Staats-, Schmier- und Schutzgelder kassiert hat. „Aber sei nicht traurig, bald folgen dir all deine Kollegen.“

Selenskis Trumpf ist seine Rolle in einer TV-Serie

Der Komiker tritt nicht vor den Wählern auf, gibt keine Pressekonferenzen, nimmt die Konkurrenz lieber von Bildschirmen und Konzertbühnen ins Visier.

Hinter diesem halb virtuellen Wahlkampf steht, das gilt in Kiew als offenes Geheimnis, der ostukrainische Oligarch Ihor Kolomoiski. Noch ein Milliardär und Machtmensch. Er liegt mit Poroschenko in ärgster Fehde, seit dieser 2016 Kolomoiskis „Privatbank“ verstaatlichen ließ.

Kolomoiski, der im vergangenen Jahr nach Genf ins Exil ging, geht offenbar aufs Ganze. Er finanziert angeblich auch Julia Timoschenko.. Und so schon wird bereits spekuliert, ob Timoschenko womöglich Premierministerin unter Präsident Selenski wird. „Aber egal, ob Kolomoiskis Kandidaten siegen oder Poroschenko“, sagt Politologe Solontai, „unter dem neuen Präsidenten wird sich in den Bereichen Oligarchie und Korruption kaum etwas ändern.“ Der Status quo scheint zementiert.

Im Hinterhof am Maidan ist der ukrainische Generalstaatsanwalt aufgetaucht, Juri Luzenko, ebenfalls korruptionsumwittert, auch ihn wollen einige Oppositionskandidaten einsperren. Aber sein einziger Bodyguard wirkt gelangweilt. Der Künstler Rojtburd zeigt Luzenko die Bilder. Der Rotwein ist inzwischen ausgegangen, aber es taucht neuer auf. Ein krimtatarischer Blogger verwickelt Luzenko in ein Gespräch, Rojtburd aber redet wieder über die Wahlen. Auch er glaubt, danach werde sich nicht viel ändern, die Ukrainer wollten einfach keine Reformen. „Das Volk wünscht keine legalen Prozeduren, keinen verständlichen Gesellschaftsvertrag“, Rojtburd grinst, „wir wollen Korruption und Anarchie, wir wollen einen Saustall.“

Was die Kunst angeht, sich über sich selbst lustig zu machen, ist die ukrainische Demokratie schon jetzt ziemlich führend.

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