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Kameruns Präsident Paul Biya lässt wählen - unabhängig von der Sicherheit der Bevölkerung.

Afrika

Wahl ohne Wähler in Kamerun

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Machthaber Biya lässt am Sonntag abstimmen, obwohl die Menschen in den Westprovinzen Angst vor dem Urnengang haben.

Die Situation sei „nicht gerade passend für freie und faire Wahlen“, sagt Magdaline Tarkang, Regionalchefin der Frauenfriedensbewegung Kameruns – und das ist nicht nur ein wenig untertrieben. In Wahrheit weist die Lage zumindest in den beiden Westprovinzen des zentralafrikanischen Staates zwei Tage vor den Wahlen eher auf einen Waffen- als einen Urnengang hin.

Die beiden Provinzhauptstädte Bamenda und Buea sind wie ausgestorben, nur ab und zu kreuzen Militärfahrzeuge auf den gespenstisch leeren Straßen. Für die kommenden vier Tage haben die Rebellen eine totale Ausgangssperre verhängt, die sie „Ghost Town“ nennen. Wie unter diesen Umständen am Sonntag eine Abstimmung stattfinden soll, weiß auch Tarkang nicht zu sagen.

Zweimal hatte Kameruns Präsident Paul Biya die Parlaments- und Lokalwahlen wegen der prekären Situation im Land bereits verschieben lassen. Warum er den Urnengang ausgerechnet jetzt durchdrücken lässt, können sich Kenner des Landes lediglich mit finsteren Absichten des seit 38 Jahren herrschenden 86-Jährigen erklären. Nur wenn mehr als die Hälfte der gut fünf Millionen Wähler die Abstimmung boykottiert, könne der Autokrat seiner Partei, dem Rassemblement démocratique du Peuple Camerounais (RDPC), zu einer Mehrheit verhelfen, sagen die einen. Während ihm andere die absichtliche Eskalation des seit vier Jahren schwelenden Konflikts vorwerfen, um seine Soldaten endlich kurzen Prozess machen lassen zu können.

Kameruns Kalamität ist eine der merkwürdigsten in Afrika. Auf der einen Seite stehen die in den beiden Westprovinzen lebenden anglophonen Kameruner, die von den Briten kolonialisiert worden waren und heute um die Beibehaltung der Sprache, des Bildungs- und Rechtssystems ihrer Kolonialherren kämpfen.

Sie fühlen sich von der frankophonen Mehrheit (80 Prozent) der Bevölkerung an den Rand gedrängt. Diese hat fast alle Schlüsselpositionen des Staates inne und bestimmt über die Geschicke des Landes. Die bei der Unabhängigkeit vereinbarte Föderation Kameruns wurde vom frankophonen Präsidenten 1972 kurzerhand aufgehoben. Seitdem wächst der anglophone Unmut.

Im Oktober 2016 eskalierte der Streit, als englischsprachige Rechtsanwälte, Lehrer und Studenten aus Protest gegen die frankophone Dominanz auf die Straße gingen. Biya schickte seine Soldaten in die Westprovinzen. Das heizte den Konflikt weiter an und führte zur Entstehung sezessionistischer Rebellenbewegungen. Heute fühlen sich die meisten Westkameruner zwischen den „Amba Boys“ (nach „Ambasonien“, wie ihr neuer Staat heißen soll) und den Militärs eingezwängt. In ihrem brutalen Vorgehen unterscheiden sich die beiden Seiten nicht.

Als Biya im Dezember den Wahltermin bekanntgab, gingen die Amba-Boys sofort zum Angriff über. Der „Ambasonische Regierungs-Rat“ erklärte die „Teilnahme an den Wahlen, den Wahlkampf und überhaupt das Reden über die Wahlen“ zum „Verbrechen“. Dann wurde die Jagd auf Kandidaten eröffnet. Inzwischen sollen mehr als 100 „Kollaborateure“ entführt worden sein, die sich als Kandidaten aufstellen ließen. Sie würden nach der Abstimmung wieder freigelassen, heißt es. Die Amba-Boys zündeten außerdem Wahllokale an und lieferten sich Gefechte mit den Regierungssoldaten. Diese reagierten, indem sie ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachten. In dem Konflikt sollen schon mehr als 3000 Menschen getötet und rund 700 000 aus ihrer Heimat vertrieben worden sein.

Schlecht ist es vor allem um die Anhänger der Sozialdemokratischen Front (SDF) bestellt. Die Partei des Oppositionsführers John Fru Ndi tritt – wie eine Mehrheit der Westkameruner – für die Wiederherstellung der Föderation und nicht für die Unabhängigkeit Ambasoniens ein. Der 78-jährige Ndi wurde deshalb bereits mehrere Male entführt. Eigentlich wollte die SDF an den Wahlen teilnehmen, doch ein Kandidat nach dem anderen sah sich gezwungen, das Handtuch zu werfen. „Wie können wir in diesem Krieg freie und faire Wahlen haben“, fragt der SDF-Abgeordnete Njong Ndim: „Alle sind auf der Flucht. Ich kann nicht mal meinen Wahlbezirk betreten.“

Selbst Maurice Kamto, Chef des „Mouvement pour la Renaissance du Cameroun“ im frankophonen Teil des Landes, wird die Wahl boykottieren.

Er habe sich nicht gründlich genug vorbereiten können, sagte der Oppositionspolitiker, der im vergangenen Jahr neun Monate im Gefängnis saß. Der Einzige, dem dieser Urnengang gelegen kommt, ist der Dauerherrscher Biya. Auch wenn das Land um ihn herum in Flammen aufgeht.

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