Karlheinz Schreiber

Die Waffen gestreckt

Mal handelte er mit Pasta, mal mit Panzern. Wie der findige Geschäftemacher Karlheinz Schreiber zur Schlüsselfigur in einem der größten deutschen Politikskandale wurde. Von Jörg Schindler

Von Jörg Schindler

Am 2. Mai 2009 schreibt Karlheinz Schreiber einen Brief an den kanadischen Premier Stephen Harper. Er ist, typisch für den Deutsch-Kanadier, gespickt mit vagen Drohungen und Andeutungen über politische Skandale und vermeintliche Schweigekartelle und endet fast unterwürfig mit der Frage.

"Lieber Premierminister, können Sie mir bitte erklären, welche politischen Gründe es dafür gibt, dass die kanadische Regierung einen kanadischen Staatsbürger auszuliefern gedenkt?" Eine Antwort wird der 75-jährige wohl nicht erhalten.

Am Montagmorgen, gegen 9.25 Uhr, endete die Flucht des Karlheinz Schreiber nach zehn Jahren am Flughafen von München. Eine Limousine des BKA brachte ihn von dort direkt ins Gefängnis nach Augsburg, wo er sogleich eine Zelle im Trakt für Untersuchungshäftlinge bezog. Am heutigen Dienstag wird er vom Landgericht Augsburg erstmals angehört werden. Ein Prozess wegen Steuerhinterziehung, Betrugs und Bestechung wird folgen. Bis auf weiteres ist der Kaufmann aus Ottawa derjenige, von dem man sich Antworten erwartet.

Dass die deutsche Justiz tatsächlich noch einmal Schreibers habhaft werden würde, hatte zuletzt vermutlich nur noch die Staatsanwaltschaft Augsburg geglaubt. Seit er im März 1999 nach Kanada floh, war der Mann, der zeitlebens mal mit Pasta, mal mit Panzern handelte, ein ums andere Mal seiner Auslieferung entgangen. Mit Hilfe seiner Anwälte klagte er sich quer durch alle Instanzen, um seiner alten Heimat fernbleiben zu dürfen.

Einer der besten Verkäufer der Welt"

Nachdem er am Sonntag ans Ende seines Rechtsweges gelangt war, wandte er sich noch einmal persönlich an Premier Harper und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Seine Auslieferung, so der alte Mann schlitzohrig, werde vor allem der SPD nutzen. Die habe "schon drei Wahlen mit meinem Fall gewonnen". Es half nichts. Jetzt ist Schreiber wieder da und mit ihm - je nach Perspektive - die Angst oder die Hoffnung, dass auf die verschattete CDU-Spendenaffäre um Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble vielleicht doch noch etwas Licht fällt. Und womöglich auf einiges mehr.

Zweifellos spielte der Polsterersohn Schreiber, der von sich selbst sagt, er sei "einer der besten Verkäufer der Welt", in den 80er und 90er Jahren eine zentrale Rolle bei allerhand Waffenschiebereien und Bestechungsaffären. Wie genau er dazu kam, ist bis heute ungeklärt.

Sicher ist, dass Schreiber schon in jungen Jahren einen erstaunlichen Geschäftssinn entwickelte und diesen scheinbar wahllos in diversen Wirtschaftsbranchen erprobte. Er war Chef einer Teppich- und einer Straßenmarkierungsfirma, gründete in den 70er Jahren ein Unternehmen nach dem anderen, expandierte nach Russland, Kanada, ins europäische Ausland. Zudem wurde Schreiber früh einer der Wortführer im Wirtschaftsbeirat der CSU.

So fiel er Franz Josef Strauß auf, einem Mann mit ähnlich gutem Gespür fürs Geschäftliche. Es war der Beginn einer wunderbaren Männerfreundschaft. Danach handelte Schreiber vorzugsweise mit Panzern, Flugzeugen, Hubschraubern und Waffen - und half mit Geld nach, wenn es haperte. Auf seiner Internetseite brüstet sich Schreiber - dessen Ego in keinem Verhältnis zur Körpergröße von 1,70 Meter steht - bis heute mit seinen zahllosen "Berater"-Tätigkeiten für Unternehmen und Regierungen. Darunter Messerschmitt-Bölkow-Blohm, Airbus oder auch Thyssen.

Eine Million für den Schatzmeister der CDU

Für den Rüstungskonzern sollte Schreiber von 1985 an auf der kanadischen Halbinsel Bear Head eine Panzerfabrik aufbauen, von wo aus man verschwiegene Geschäfte auch mit Embargo-Staaten zu tätigen gedachte. Trotz der fürsorglichen Umtriebigkeit des Kaufmanns, der gern auch mal mit Koffern voller Geld um die Welt flog, wurde nichts aus der Fabrik. Sein Engagement für Thyssen aber war es, das Schreiber zum Verhängnis wurde. Ein vergrätzter Kompagnon brachte die Ermittler auf die Fährte des ökonomischen Tausendsassas.

Die Augsburger Staatsanwaltschaft wirft Schreiber heute vor, dass er bis 1995 allein von Thyssen rund 15 Millionen Euro für allerlei Rüstungsprojekte zugeschanzt bekam. Über ausländische Tarnfirmen und Schweizer Nummernkonten soll er das Geld großzügig an Unternehmer und Politiker verteilt haben. Danach liefen die Geschäfte für gewöhnlich wie geschmiert.

Eine Million soll er 1991 auf einem Schweizer Parkplatz bar an Walther Leisler Kiep übergeben haben. Der war seinerzeit Schatzmeister der CDU. Die Sache wurde ruchbar und stürzte die Partei in eine Spendenaffäre ohnegleichen. Es war das Ende von Helmut Kohl, beinahe das Ende von Wolfgang Schäuble, der ebenfalls Geld von Schreiber bekommen hatte - und es war der Anfang der verblüffenden Karriere von Angela Merkel.

Die Aufarbeitung dieses Skandals ist bis heute lückenhaft. Schreiber, mutmaßten die Ermittler schon früh, könnte womöglich Abhilfe schaffen. Aber dem tüchtigen Händler war nicht danach. Im Oktober 1995 setzte er sich zunächst in seine Schweizer Villa ab, dreieinhalb Jahre später dann nach Ottawa. Darüber, dass er so leicht entkommen konnte, wunderte sich später sogar Schreibers Advokat. Im kanadischen Asyl nahm sich der Mann, dessen Vermögen auf runde 150 Millionen Euro geschätzt wird, die besten Anwälte, narrte fortan die Justiz und sandte in schöner Regelmäßigkeit unfreundliche Grüße nach Deutschland.

Sollte er ausgeliefert werden, so Schreiber, werde das politische Theater erst richtig losgehen. "Ich sitze wie die Katze auf der Kiste mit den Mäusen und überlege mir, welche ich als erste fresse." Am Ende hätten nur noch "Grüne und die PDS" etwas zu lachen.

Schreiber ist wieder da

Die Drohungen galten dem Bundesnachrichtendienst, mit dem Schreiber immer wieder in Verbindung gebracht wird. Sie galten der CSU. Sie galten Edmund Stoiber und Max Strauß, den die Bekanntschaft zu Schreiber auch schon vor Gericht brachte. Sie galten dem ehemaligen Verteidigungsstaatssekretär Holger Pfahls, der nach jahrelanger Flucht 2005 vergleichsweise milde verurteilt wurde.

Und sie galten dem kanadischen Staat, mit dem Schreiber über Jahre hinweg offenbar überaus gedeihliche Geschäfte abschloss. Hinreichend konkret wurde der Deutsch-Kanadier indes selten. Als der deutsche Parteispenden-Untersuchungsausschuss ihn 2002 in Toronto aufsuchte, wurde er von dem runden Mann mit den Altersflecken und der dunklen Brille barsch belehrt: "Ich bin doch nicht hergekommen, um etwas zu beweisen." Damals freilich war die Drohung noch sein Faustpfand.

Jetzt ist sie es nicht mehr. Jetzt ist Schreiber wieder da. In seiner Augsburger Zelle wird er darüber grübeln, wie ein Leben mit weltumspannenden Kontakten auf neun Quadratmeter schrumpfen konnte. Und draußen werden sie sich fragen, ob Schreiber nur bellt. Oder ob er auch beißen kann.

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