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Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern.

Parteiführung

Was wäre die SPD ohne diese Frauen?

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Drei Frauen werden für die Partei immer wichtiger - ohne sie sähe Parteichef Schulz alt aus.

Andrea Nahles reißt die Fäuste in die Höhe. „Wir werden verhandeln, bis es quietscht“, ruft, ja brüllt die Fraktionschefin beinahe auf dem SPD-Sonderparteitag in Bonn ins Mikrofon. Nichts sonst könne sie zusagen – schon gar nicht, dass die SPD 100 Prozent ihrer Wünsche durchsetzen könne. Dennoch lohne es, den Weg für Verhandlungen mit der Union freizumachen, mahnt sie die Delegierten.

Niemand aus der SPD-Parteiführung hat der widerwilligen Basis auf dem Parteitag am Sonntag so deutlich die Leviten gelesen wie die 47-Jährige. Niemand hat so unmissverständlich klargemacht, dass es nicht angehen könne, vor die Wähler zu treten und zu sagen: Wir regieren nur, wenn wir alles bekommen, was wir fordern. Und dennoch – trotz der harten Botschaft an die skeptische Basis – ist niemand aus der SPD-Führung für seinen Auftritt auf dem Parteitag so bejubelt worden wie Andrea Nahles. Ihr Temperament hat viele beeindruckt, mitgerissen.

Einige sagen: Einen solchen Auftritt hätte eigentlich Parteichef Martin Schulz abliefern müssen. Das ist nicht ganz fair, weil Schulz als Vorsitzender eine stärker integrative Rolle einnehmen musste. Ihm – der doch nach der Bundestagswahl lange an der Spitze der Bewegung gegen eine große Koalition stand – hätten viele einen Auftritt wie den von Nahles übelgenommen. Zugleich ist auf dem Parteitag deutlich geworden, dass neben dem Vorsitzenden Schulz drei Frauen in der SPD immer wichtiger werden: Nahles, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Ex-Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, die seit Juli in Mecklenburg Vorpommern regiert.

In den meisten Schulklassen gibt es jemanden, der jede Klassensprecherwahl gewinnen würde, weil ihn alle mögen. Der aber auch gern sagt: „Nein, ich möchte das gar nicht. Aber Stellvertreter werde ich gern.“ Diese Rolle nimmt in der SPD zurzeit Malu Dreyer ein. Im Dezember 2017 wurde sie zur Vize-SPD-Chefin gewählt – mit 97,5 Prozent.

Dreyer verdankte die enorme Zustimmung auch der Tatsache, dass sie offen mit der Idee einer Minderheitsregierung sympathisierte. In Bonn hat die 56-Jährige bewiesen, dass sie auch in der Lage ist, den Mitgliedern unangenehme Botschaften zu vermitteln – mit klaren Worten, aber ohne unsympathisch zu wirken. Sie hat Schulz einen großen Dienst erwiesen, indem sie als erste vor die Delegierten trat und ihnen mitteilte: Es gibt jetzt nur noch die Alternative Koalitionsverhandlungen oder Neuwahlen. Die SPD habe „ergebnisoffen“ verhandelt, aber mit CDU und CSU sei eben nur eine Koalition machbar, sagte sie. „Wir können nur eine Regierung tolerieren, die sich auch tolerieren lässt.“

Dreyer hat den Vorteil, dass ihr die meisten glauben, dass sie nicht Parteichefin werden möchte. Das ist bei Manuela Schwesig schon etwas anders. Der 43-Jährigen trauen viele zu, um die Nachfolge von Martin Schulz zu kämpfen – wenn sich die Frage denn zu einem für sie günstigen Zeitpunkt stellen sollte. Schwesig hat bewiesen, was sie kann: Als Bundesministerin eroberte sie das Thema Familienpolitik von der Union zurück. Sie mag mit ihrem professionellen Auftritt manchmal kühl wirken. Aber wer mit ihr im Wahlkampf unterwegs war, weiß: Sie bekommt SPD-Botschaften lächelnd und zielsicher an die Leute – ob im überfüllten Café oder auf einem Schiff, dass bei heftigen Windböen eine Rundfahrt durch den Hamburger Hafen macht.

Auch Schwesig hat für Koalitionsverhandlungen mit der Union geworben. Aber sie war es auch, die auf dem Parteitag klar sagte: „Ich glaube, zu einer ehrlichen Debatte gehört auch Selbstkritik.“ Dass man sich acht Wochen lang nicht auf den Fall des Scheiterns von Jamaika vorbereitet habe „war ein Fehler“, sagte sie unumwunden. „Den Fehler haben wir in der Parteiführung gemacht, den haben weder die Basis noch die Delegierten gemacht.“ Es sind Worte, die ihr viele in den Ortsvereinen hoch anrechnen dürften. Schwesig sammelt Kapital. Das könnte noch einmal viel wert sein.

Es ist vorstellbar, dass sich die Frage, wer die SPD nach Martin Schulz führen wird, zwischen Schwesig und Nahles entscheidet. Schwesig müsste erst mal eine Landtagswahl gewinnen. Aber die nächste in Mecklenburg-Vorpommern ist erst im Jahr 2021.

Nahles wiederum hat als Ministerin mit Fachkenntnis und Durchsetzungsvermögen Freund und Feind beeindruckt. Als Fraktionschefin muss sie aber erst noch beweisen, inwieweit sie breite Wählerschichten ansprechen kann. In der eigenen Außendarstellung lief gerade zu Beginn nicht alles optimal. Hängen blieb vor allem, dass Nahles sich nicht scheute, in öffentlichen Äußerungen auch schon mal Worte wie „Fresse“ und „Bätschi“ zu benutzen. Doch in Bonn hat sie bewiesen: Sie ist zurzeit die wichtigste Frau in der SPD.

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