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Bundeswehr in Afghanistan.

Interview

„Es wäre gut, die Truppen in Afghanistan zu reduzieren“

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„Das strategische Patt, von dem jetzt alle reden, bedeutet nicht, dass alles friedlich ist“ -Bundeswehrverbandschef André Wüstner spricht über die Lage im Land.

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, André Wüstner, plädiert dafür, die internationalen Truppen in Afghanistan baldmöglichst zu reduzieren. In diesem Fall könnten die Bundeswehrstandorte in Masar-i-Sharif und Kundus aufgegeben werden. Voraussetzung seien erfolgreiche Friedensgespräche.

Herr Wüstner, der internationale Einsatz in Afghanistan hat 2002 begonnen – vor 17 Jahren. Ergibt er noch Sinn?

Ja, aber es wäre gut, wenn wir nach fast 20 Jahren eine Reduzierung einleiten könnten. Nicht nur in den USA, sondern überall gibt es das Interesse, die eigenen Truppen wieder nach Hause zu holen. Das bedeutet nicht, dass die Truppen in den nächsten Jahren komplett abziehen. Zumindest Teile der internationalen Gemeinschaft werden noch länger in Afghanistan bleiben – möglicherweise unter einem anderen Mandat.

Wovon hängt eine solche Reduzierung ab?

André Wüstner setzt auf erfolgreiche Verhandlungen mit den Taliban.

Alles hängt von den Friedensverhandlungen ab. Alle Partnernationen hoffen, dass diese erfolgreich sind. Dann wäre auch der Grundansatz der Militärmission erfüllt: Das Militär gewinnt lediglich Zeit und schafft damit die Voraussetzungen für einen politischen Prozess. Man darf nicht vergessen: Das strategische Patt, von dem jetzt alle reden, bedeutet nicht, dass alles friedlich ist. Lokal herrscht in weiten Teilen des Landes noch Krieg. Alle versuchen aus einer idealen Position die Friedensverhandlungen zu gestalten.

Wann könnte es denn soweit sein?

Wenn die Friedensverhandlungen gut laufen, heißt das, dass wir nach 20 Jahren eine Reduzierung einleiten könnten – also vielleicht im Jahr 2021.

Was würde eine Reduzierung bedeuten?

Das würde heißen, dass die internationalen Truppen sich in einem weiteren Schritt auf Kabul konzentrieren. Man würde also sozusagen die Speichen einklappen. Für die Bundeswehr hieße das, dass sie die Standorte Masar-i-Sharif und Kundus aufgeben würden. Dort würden die afghanischen Sicherheitskräfte dann künftig selbst für Sicherheit sorgen.

Aber würde das nicht zwangsläufig in das nächste Chaos führen?

Natürlich müsste so eine Reduzierung gut geplant werden. Es darf keinen „rush to exit“ geben, keinen hektischen Abzug. Alles muss gut koordiniert ablaufen.

Und die afghanischen Sicherheitskräfte können so einfach übernehmen?

Erstens werden sie dafür von den internationalen Truppen ausgebildet. Und zweitens laufen die Friedensverhandlungen ja unter Einbeziehung der Taliban. Wenn also künftig afghanische Truppen und Taliban gegen den Islamischen Staat und Al-Kaida kämpfen, kann das funktionieren. Anfangs wird dazu sicher noch US-Luftunterstützung notwendig sein. Die Taliban haben ja gezeigt, dass sie sich ihrer eigenen Haut erwehren können – und für die afghanischen Sicherheitskräfte gilt das mittlerweile auch. Ob politisch oder für die Sicherheitsarchitektur – wir müssen für diese Region einfach andere Maßstäbe anlegen.

Eigentlich hat die internationale Gemeinschaft ja auch mal die Taliban bekämpft. Die sind nicht nur für Anschläge verantwortlich, sondern zum Beispiel auch für die Unterdrückung von Frauen.

Es waren hehre Ziele in den ersten Jahren, in Afghanistan eine Westminster-Demokratie einzuführen und westliche Werte zu vermitteln. Aber das lässt sich auf diese Kultur nicht innerhalb einer Generation übertragen. Das haben mittlerweile wohl alle erkannt. Deswegen wird ja auch mit mittlerweile gemäßigten Taliban verhandelt.

Interview: Daniela Vates

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