Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

60 JAHRE DANACH

In die Wälder

Albinas Kentra, Jahrgang 1929, war 16, als er sich zu den Freiheitskämpfern in die Wälder schlug. Seine drei älteren Brüder fielen in diesem Kampf, die Mutter blieb am Leben, bis zu ihrem Tod 1960 lebte sie "illegal". Er selbst wurde 1946 verletzt, gefangen genommen und nach Sibirien verbannt, von wo er erst 1955 zurückkehrte.

Als die Alliierten des Zweiten Weltkrieges am 8. und 9. Mai 1945 den Sieg feierten, war bei uns in Litauen schon ein "Krieg nach dem Kriege" im Gange, der etwa zehn Jahre dauern sollte. Im Sommer 1944, als die Rote Armee nahte, deren Terror Litauen schon 1940/41 erfahren hatte, musste unsere Familie, vier Brüder, zwei Schwestern und die Mutter, eine von drei Möglichkeiten wählen: zusammen mit der sich zurückziehenden deutschen Wehrmacht nach dem Westen zu ziehen, in Litauen zu bleiben und den Zwang sowie die Erniedrigung der sowjetischen Okkupanten über sich ergehen zu lassen, oder zu bleiben und das Land mit Wort, Schrift und wenn nötig auch mit Waffen zu verteidigen.

Unsere Familie entschloss sich, in Litauen zu bleiben und richtete in ihrem Hof im Dorf Gubriai ihren ersten Bunker ein. Nur kurz konnten wir ihn benutzen. Mitte April 1945 erfuhren wir, dass russische Soldaten auf dem Weg waren, um unsere ganze Familie nach Sibirien zu deportieren. Wir ließen alles liegen, flohen und versteckten uns bis zur Nacht in einem in der Nähe liegenden Wäldchen. Wir schafften in der Eile nicht einmal, unseren Hund von der Kette loszulassen. Er verteidigte unseren Hof so lange, bis die Soldaten ihn totschlugen. Ich denke, er hat ein Denkmal verdient.

Von dieser Zeit an wurden die Wälder, Bunker, im Winter nass und kalt, oder Verstecke in Bauernhöfen unter dem Fußboden oder zwischen zwei Wänden zu unserem Zuhause. Damit alle in Litauen und im Ausland wissen sollten, dass die Freiheitskämpfer rechtmäßige Soldaten des okkupierten Litauen waren, nähten Dorfschneider uns geheim die Uniformen der Armee des ehemaligen unabhängigen Litauen.

Unser Kampf für die Freiheit war ein Unikum. Ein ganzes Jahrzehnt kämpften die "Waldbrüder", wie uns die litauische Bevölkerung nannte, ohne jede Unterstützung von außen. Unter ungünstigsten Bedingungen verteidigten sie sich gegen die Gewalttätigkeiten des mächtigsten totalitären Staates, dessen Armee von den Alliierten reichlich mit Waffen, Technik und Lebensmitteln versorgt worden war.

Die Kampfmethoden der sowjetischen repressiven Strukturen unterschieden sich wie Tag und Nacht von denen der litauischen Freiheitskämpfer. Getötete Waldbrüder wurden in den Dörfern auf die Straßen geworfen und lange liegen gelassen, um sie zu erniedrigen und die Bevölkerung einzuschüchtern. Danach wurden sie irgendwo verscharrt oder in nicht mehr benutzte Brunnen geworfen. Die Gefangenen wurden grausam gequält, weshalb die Freiheitskämpfer die letzte Kugel für sich selbst behielten. Sie hielten sich an die Bestimmung, den Feind nicht in den Rücken zu schießen, weil sie überzeugt waren, dass ein Teil der russischen Soldaten zwangsweise eingezogene Opfer des Sowjetregimes war.

Das Ziel unserer gut organisierten Untergrundarmee war, mit eigenen Kräften die Unabhängigkeit Litauens wiederherzustellen, sobald die Alliierten die Entscheidung für die Freiheit der baltischen Länder trafen. Doch dazu fehlte es ihnen an gutem Willen. Sie haben es nicht getan. Der letzte Soldat der sowjetischen Okkupationsarmee verließ Litauen erst am 31. August 1993. Zwischen 1940 und 1990 haben die Truppen von NKVD, KGB und ihre Komplizen über 350 000 Litauer getötet, gefangen genommen oder deportiert, aus einem Volk von drei Millionen Menschen. Die russischen Behörden sollten endlich die geheim gehaltenen Informationen preisgeben, wo getötete Freiheitskämpfer liegen, damit wir sie gebührend begraben und ihre Gräber pflegen können.

Albinas Kentra, Vilnius/Litauen

Aufgezeichnet von Jonas Kilius und Hannes Gamillscheg

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten von den letzten Wochen des Krieges im Dossier 60 Jahre Kriegsende

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare