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T.C. Boyle gilt als einer der herausragenden Romanciers der USA.

T.C. Boyle im Interview

"Wählt mich!"

Der US-Schriftsteller T.C. Boyle über den eskalierenden Kampf zwischen Obama und Clinton, ein gemischtes Doppel im Weißen Haus und warum er selbst der beste Präsident wäre.

Mr. Boyle, reden wir ein bisschen über die Kraft von Metaphern in Wahlkampf-Zeiten.

Oh Gott!

Das US-Online Magazin Slate schreibt nach den jüngsten Vorwahl-Erfolgen von Hillary Clinton: "Ihre Kampagne wirkte zuletzt nicht gerade wie eine Achterbahnfahrt, eher wie der Orkan-Flug von Lufthansa-Maschine 044, die erst im letzten nervenaufreibenden Moment vorm Absturz bewahrt werden konnte." Der Satz könnte fast von Ihnen sein.

Ha ha ha, nicht wirklich. Dazu wird dieser Satz selbst zu sehr von Turbulenzen durchgeschüttelt.

So schlimm ist es auch nicht. In Ihrer neuen Kurzgeschichte "Windsbraut" sind Sie selbst wieder turbulent am Fabulieren. Da wird ein fetter Kater von einer Orkan-Böe vom Kirchendach gefegt und fliegt dann "wie eine wärmegesteuerte Rakete" auf sein Ziel zu - direkt ins Gesicht einer Vogelforscherin.

Also gut, ich will nicht allzu hart über Ihre Kollegen urteilen. Obwohl mir die Zeitungslektüre gegenwärtig immer weniger Vergnügen bereitet: Jeden Tag finde ich neue Schnitzer in den Schlagzeilen, es ist zum Heulen. Am liebsten würde ich Leserbriefe schreiben: "Wie wär's, wenn ihr euch mal wieder auf die Grundlagen der Satzkonstruktion besinnen würdet?" Aber das wäre vermutlich nur Zeitverschwendung. Aber ich beneide euch Journalisten wirklich nicht. Ihr seid in diesen Tagen unter enormem Druck, müsst den Aberwitz dieser Vorwahlen jeden Tag aufs Neue kommentieren, die Zeilen am besten noch zeitgleich zu den Ereignissen absondern. Wobei die Metapher vom Beinah-Absturz ja grundsätzlich eine gute ist. Ich weiß, wovon ich spreche, denn mir ist es selbst mal fast so ergangen wie den Passagieren in der Lufthansa-Maschine. Ein guter Freund von mir ist Amateur-Pilot, ich bin oft mit ihm geflogen. Einmal wurden wir beim Landeanflug von schweren Böen durchgeschüttelt...

Fangen Sie jetzt wieder an zu fabulieren?

Nein, das ist eine wahre Geschichte: Kurz bevor wir aufsetzten, hat eine der Tragflächen beinahe den Boden berührt. Was dann passiert wäre, möchte selbst ich mir nicht vorstellen. Wir hätten uns vermutlich überschlagen und ich würde heute nicht hier sitzen und mit Ihnen reden. Der Pilot ist immer noch mein Freund, aber ich bin seitdem nie mehr mit ihm geflogen.

Um noch mal auf die Metaphern in der Politik zurückzukommen: Der Titel Ihres neuen Buchs "Zähne und Klauen" würde auch gut zu den aggressiven Seitenhieben von Hillary Clinton auf ihren Rivalen Obama passen.

Ich mag Hillary. Ich mag auch Obama. Sehen Sie: Ich war ein vehementer Gegner von Bush, und zwar von dem Moment an, als er auf der politischen Bühne erschien. Ich habe ihn kritisiert, wann immer sich die Gelegenheit bot. So gesehen ist es mir egal, wer von diesen beiden Kandidaten das Rennen macht. Denn beide stehen für einen grundlegenden Wechsel, sie werden eine ganz andere Art von Politik machen als den furchtbaren Mist, den Bush und seine Rowdys uns und dem Rest der Welt eingebrockt haben. Ich applaudiere beiden, aber ich klatsche lauter für Hillary.

Mit Ihren Sympathien für Clinton sind Sie zurzeit eher in der Minderheit. Obama scheint nach den jüngsten Vorwahlen immer noch vorn zu liegen, und die ehemalige First Lady steht wieder als Trickserin da, als kühle, berechnende Strippenzieherin, die um jeden Preis Präsidentin werden will.

Diese Debatten mit ihren täglichen neuen Wasserstandsmeldungen sind unglaublich öde. Reden wir doch mal nicht über diese vorgegebenen Gegensätze "Jung gegen Alt", "Aufbruch gegen Establishment". Reden wir über Inhalte. Als Hillarys Mann 1993 erstmals Präsident wurde, übernahm sie den Vorsitz einer Task Force, die das marode Gesundheitswesen in den USA reformieren sollte. Sie scheiterte nicht zuletzt an den Widerständen der Republikaner. Das war schon damals kein Thema mit Sex-Appeal, mit dem man sich profilieren konnte. Rückblickend kann man sich fragen, warum sie das damals gemacht hat. Aus purem Machthunger? Ich glaube, sie hat es gemacht, weil ihr das Thema wichtig war, weil sie daran geglaubt hat - ebenso wie an die Menschen- und Frauenrechte, für die sie sich weltweit eingesetzt hat. Und womit sie oft angeeckt ist. Im Gegensatz zu vielen anderen habe ich das nicht vergessen. Sie hat eine Überzeugung, das rechne ich ihr hoch an.

Politische Beobachter monieren, Sie würde ihren Kampf um die Kandidatur immer härter und verbissener führen und dabei neben ihrem Rivalen auch die eigene Partei schädigen.

Das kann passieren. Zurzeit ist dieses Szenario vor allem eine Medien-Hysterie. Das kann man auch alles anders sehen. Nehmen Sie beispielsweise Jimmy Carter, der ist 1976 nicht zuletzt deshalb nach vorne geschnellt, weil die US-Wähler von Gerald Ford und vor allem von der Politik seines Vorgängers Nixon die Nase voll hatten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt würde jeder gewählt, den die Demokraten aufstellen. Alles ist besser als Bush.

Unmittelbar nach den jüngsten Vorwahlen ist Hillary Clinton mit dem kühnen Vorschlag vorgeprescht, mit Obama als Vize-Präsident in den Wahlkampf zu ziehen. Nehmen Sie ihr das ab oder ist das nur ein weiterer dreister Schachzug, um den populären Rivalen zu zermürben?

Die beiden wären das Dream-Team. Ich weiß nur nicht, ob Obama sich darauf einlassen wird. Aber er wäre gut beraten, das Angebot anzunehmen. So könnte er Erfahrung sammeln, die er bisher noch nicht hat und vielleicht bei den nächsten Wahlen zum Präsidenten aufsteigen.

Würden Sie ihm das wirklich empfehlen? Als junger Vize wäre er doch vom ersten Arbeitstag an eine "lame duck", denn neben ihm wäre da ja noch Bill Clinton. Der hat bereits angekündigt, im Fall eines Wahlsieges seiner Frau und der Regierung beratend zur Seite zu stehen.

Dann hätten wir eine Art "menage à trois" im Weißen Haus - in dem Fall würde Politik sich wirklich mal für eine Short Story empfehlen. Nein, im Ernst: Ich kann die ständige Häme, Bill Clinton sei auch nur altes Establishment, nicht nachvollziehen. Auch in der Hinsicht empfiehlt es sich, mal die Inhalte seiner Politik Revue passieren zu lassen. Mal abgesehen von der Zeit mit der wirklich bizarren Lewinsky-Affäre, als selbst Leute wie ich in Talk-Shows zum Penis des Präsidenten befragt wurden, hat Bill Clinton in seiner Amtszeit das gemacht, was ich von meinem Präsidenten erwarte. Er stand für eine multilaterale, weltoffene Politik - er war das Gegenteil von Bush. Deshalb stehe ich hinter Hillary. Und wenn sie es nicht schafft, unterstütze ich Obama.

Klingt seltsam zurückhaltend für jemanden, der die Kunst der Performance durchaus zu schätzen weiß und stolz darauf ist, in seinen Lesungen die Wucht von Rock-Konzerten zu entfesseln. Ist die Obama-Mania für Sie nur heiße Luft?

Er wird gerne als guter Redner und Performer dargestellt. Das ist auch so eine Medien-Mär, die deshalb nicht wahrer wird, weil es der eine vom anderen abschreibt. Ich finde, dass Obama genauso oberflächlich, hohl und hölzern wirkt wie alle anderen Kandidaten auch. Ich bin nicht besonders beeindruckt von ihm. Aber das hat mit meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber bestimmten Politikbereichen zu tun. Ich hasse Wahlkampfreden, all die Plattitüden, den ganzen Scheiß, den die Politiker in diesem Vor-Wahlkampf durchstehen müssen, in der Hoffnung irgendwann ans Ziel zu gelangen. Ich wünschte, der ganze Mist wäre vorbei und es würde endlich zur Sache gehen. Seit 13 Monaten dauert dieses Theater schon an. Im Grunde sind Politiker heute wie Geschäftsleute, sie können nicht mehr sagen, was sie denken, woran sie glauben, denn dann, Gott bewahre, würden sie ja einige Wähler verprellen. Sie sind schon deshalb von vornherein geschwächt, weil sie ihre Kampagnen mit Geld von Interessengruppen finanzieren, die sie auch nicht verprellen dürfen.

Klingt politikverdrossen - aber welche Alternativen sehen Sie denn zu den verhassten Berufspolitikern?

Das Beste wäre, wenn ich Präsident würde.

Sehr witzig - wie würde denn Ihr Programm aussehen?

Als Erstes würde ich strikt verbieten, dass irgendjemand, irgendeinem Politiker Geld für seine Kampagne gibt. Wer es ohne Finanzspritzen ins Finale schafft, bekommt 100 Millionen Dollar aus dem Regierungstopf.

Nicht übel. Haben Sie noch mehr solcher Ideen?

Allerdings. Ich würde zum Beispiel ein Verbot erlassen: Fünf Jahre lang dürften keine fossilen Brennstoffe mehr verwendet werden. Jedes Fahrzeug, jedes Kraftwerk würde nur mit Wasserstoff betrieben. Die Technologie existiert bereits, es gab nur keine ernsthaften Anstrengungen, sie zum Einsatz zu bringen. Damit würden die Kriege um Öl sofort beendet und die Umwelt besser geschützt.

Sehr schön. Aber auch in der realen Politik gibt es doch Fortschritte: Erstmals nach 220 Jahren schickt eine US-Partei nicht einen weißen Mann ins Rennen.

Aber dann beginnen diese Kandidaten, sich gegenseitig zu zerfleischen. Das ist genau der Grund, weshalb ich die Schnauze voll habe von dem ganzen Theater. Die einen schwärmen von einem Fest der Demokratie, die anderen sehen eine Seifenoper. Man kann es auch weniger aufgeregt sehen: Die Kandidatenkür ist nur eine Nebenvorstellung. Ich klebe nicht an den Umfragewerten, die sich ständig ändern und sowieso nie eintreffen.

Gehen wir zurück ins Jahr 1968, das Jahr, in dem Sie Ihr Studium abschlossen. Damals, nach der Ermordung des Kandidaten Robert Kennedy, boten die Demokraten ebenfalls ein Bild der Zerrissenheit. Auf einem chaotischen Partei-Konvent wurde der Vietnam-Krieg-Befürworter Hubert Humphrey nominiert, der letztlich gegen Nixon unterlag. Haben Sie keine Sorgen, dass sich die Geschichte wiederholen könnte?

Das lässt sich so nicht vergleichen. Nixon hatte diese Wahl zwar gewonnen, dafür galt er jahrelang unangefochten als der schlimmste Präsident der US-Geschichte. Den Titel hat ihm erst Bush abgetrotzt. Die Wachablösung durch Jimmy Carter trifft die Situation besser. Ich bin mir sicher, dass diesmal ein Demokrat ins Weiße Haus einzieht - ob nun Obama oder Hillary oder ob es beide zusammen sein werden.

Aber der Widersacher ist diesmal kein Falke, sondern der vergleichsweise liberale Konservative John McCain, der schon jetzt als Kandidat feststeht und eine Rückkehr zur multilateralen Politik in Aussicht stellt. Was machen Sie, wenn er von dem Dauerstreit zwischen den Demokraten profitiert und Präsident wird? Beißen Sie dann in den Tisch?

Das wird nicht passieren. Da mache ich mir keine Sorgen. Und wenn es passiert - dann passiert es eben. Dann beiße ich auch nicht in den Tisch. Alles ist besser als Bush. Selbst John McCain.

Mr. Boyle, Sie haben drei erwachsene Kinder. Stehen die eher auf der Seite des jungen Hoffnungsträgers Obama?

Sie sind jung und optimistisch, hoffen das Beste, wie wir alle, und machen sich noch keine Gedanken über die Schrecken, die die Zukunft für sie bereithält. Und die werden kommen, egal, wer ins Weiße Haus einzieht.

Jetzt klingen Sie wieder politikverdrossen.

Realistisch betrachtet, wird alles nur noch schlimmer. Nehmen Sie das vergangene Jahr - da konnten sie vorübergehend den Eindruck gewinnen, dass in vielen Bundesstaaten grüne Politik an erste Stelle gesetzt wird. Alle haben ihr Öko-Bewusstsein vor sich hergetragen. Bis die Benzinpreise um zehn Cent stiegen - da wurden alle Vorsätze und Versprechen wieder aus dem Fenster geworfen. Sicher ist es toll, dass immer wieder mal alle grün sein wollen, es zumindest versuchen. Aber jetzt liegt die US-Wirtschaft darnieder - haben Sie von irgendeinem Kandidaten etwas zum Umweltschutz, zum Klima-Crash gehört? Ich nicht. Aber so ist das nun mal. Am Ende dreht sich alles eben immer ums Geld. Nicht ums Geld sparen, die meisten wollen immer mehr Geld. Geld ist alles. Und weil das so ist, wird es mit unserer Spezies dann doch irgendwann den Bach runter gehen.

Keine Hoffnung?

Noch ist es ja nicht so weit. Ich kann in meinen Geschichten meiner Lust am Untergang frönen, versuchen dem Chaos einen Sinn zu geben - und hoffen, dass es dann doch nicht ganz so schlimm kommt.

Interview: Martin Scholz

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