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#blackouttuesday

Rassismus in den USA

Die Wut wächst

  • vonThomas Spang
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In den USA demonstrieren Hunderttausende gegen rassistische Polizeigewalt, die dort zum Alltag schwarzer Menschen gehört. 

Schweren Schrittes bewegt sich Terrence Floyd auf das überlebensgroße Gemälde zu Ehren seines Bruders George zu, das ein Straßenkünstler an die Wand eines Supermarktes in Minneapolis gemalt hat. Das Bildnis umgeben die Namen anderer Schwarzer, die ebenfalls Opfer von Polizeigewalt wurden. Davor haben Menschen Blumen abgelegt, Andenken hinterlassen und Schilder, auf denen „Black Lives Matter“ steht.

Dann bleibt Terrence stehen. Er neigt sich nahe der Stelle, an der George vor einer Woche unter dem Knie eines weißen Polizisten qualvoll erstickte. Das ist nun amtlich, seit ein Autopsie-Bericht am Montag offiziell den Tod in Zeitlupe bestätigte. Ursache sei ein Herz-Kreislauf-Stillstand infolge von „Druck auf den Nacken“ während eines Polizeieinsatzes gewesen. Der Polizist Derek Michael C. sitzt in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess.

Eindringlich fleht Terrence die Menge an, nicht in die Falle der Gewalt zu tappen. „Sie wollen, dass wir uns selbst zerstören“, mahnt er zu friedlichem Protest. „Hört auf zu plündern, macht das Friedenszeichen.“

Hafsa Islam, 18 Jahre alt, versteht, wie schwer das vor allem den jungen Menschen fällt, die von dem Rassismus im Alltag zutiefst desillusioniert sind. Selbst in einer progressiven Stadt wie Minneapolis machen Schwarze 60 Prozent der Opfer von Polizeigewalt der vergangenen zehn Jahre aus, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung nur bei 20 Prozent liegt.

Hafsa verfolgte von ihrem Auto aus zufällig, wie die Polizei George Floyd aus dem Supermarkt zerrte. „Diesen Gesichtsausdruck werde ich nie vergessen,“ beschreibt sie die Situation in der „Washington Post“, um dann die Geschichte ihrer Familie zu erzählen: Ihr Vater bot an, sein wegen der Corona-Pandemie geschlossenes Restaurant „Gandhi Mahal“ zu einer Erste-Hilfe-Station umzufunktionieren. Am Wochenende war es dann nach den Ausschreitungen niedergebrannt.

Erst habe sie sich geärgert, erzählt Hafsa. Doch dann habe sie gehört, wie ihr Vater Verständnis zeigte und sagte: „Lass mein Gebäude brennen. Das kann man wieder aufbauen.“ Da habe sie verstanden, dass es diesmal um mehr ginge: „Wenn so etwas geschehen muss, damit wir Gerechtigkeit bekommen, ist es das wert“.

Was der Tod George Floyds ausgelöst hat, geht weit über die Grenzen Minneapolis hinaus. Es ist ein Flächenbrand wie 1968 nach dem Mord an Martin Luther King, der Millionenstädte von Küste zu Küste erfasst hat. In mehr als zwei Dutzend Städten herrscht der Ausnahmezustand, es gibt Tote und Verletzte sowie Tausende Festnahmen. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

In Washington lösten am Montagabend Sicherheitskräfte eine Demonstration auf dem Lafayette-Platz vor dem Weißen Haus mit Tränengas und Gummigeschossen auf. Kurz darauf kündigte US-Präsident Donald Trump an, die Unruhen notfalls mit dem Militär niederzuschlagen. „So etwas haben die Leute noch nie gesehen“, drohte er.

Zeichen der Solidarität: Polizisten in Atlanta knien vor Demonstranten nieder.

Trump unternahm in seiner kurzen „Rede an die Nation“ nicht einmal den Versuch, an die Einheit der US-Amerikaner zu appellieren. Stattdessen wollte er sich als „Präsident von Recht und Ordnung“ verkaufen. Gleich zweimal benutzte er diesen Begriff. Den Gouverneuren aus den 50 Bundesstaaten hatte er zuvor empfohlen, nicht zu zimperlich vorzugehen. Sie müssten die Demonstranten „dominieren“ und dürften sich nicht zu „Narren“ machen.

Dann ging Trump noch einen Schritt weiter. „Bürgermeister und Gouverneure müssen eine übermächtige Vollstreckungspräsenz schaffen, bis die Gewalt bezwungen ist.“ Ansonsten werde er das Militär in ihren Bundesstaaten einsetzen „und das Problem schnell für sie lösen“.

Ob der Präsident gegen den Willen der Gouverneure Truppen schicken kann, ist rechtlich umstritten. In der Regel darf das Militär im Inneren nicht eingesetzt werden. Die Ausnahme regelt der „Insurrection Act“ von 1807, der die Mobilisierung von Bundessoldaten zur Unterdrückung von „Aufständen“ und „Rebellionen“ erlaubt.

In New York, dem Epizentrum der Covid-19-Pandemie, verhängten Gouverneur Andrew Cuomo und Bürgermeister Bill de Blasio eine Ausgangsperre. Beide sorgen sich darum, dass das Virus durch die fehlende soziale Distanz der Demonstranten zurückkommt. „Ich stehe hinter den Demonstranten und ihren Zielen“, sagte Cuomo, aber er fürchte „Hunderte und Hunderte neuer Infektionen“. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere hat mit der Intensität der Wut zu tun, die die Sicherheitskräfte am Wochenende die Kontrolle über Stadt verlieren ließ.

Chaos herrscht auch in Atlanta, wo der Tod des Schwarzen Ahmaud Arbery noch in Erinnerung ist, den bewaffnete Weiße getötet hatten. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich für die Anwesenheit der Nationalgarde dankbar bin“, sagt Bürgerrechtler Timothy McDonald. Er glaubt, dass die Randalierer von außen kamen. „Das waren keine Leute von hier.“ Diesen Verdacht gibt es überall in den Metropolen. Er richtet sich vor allem gegen das Netzwerk weißer Nationalisten und Suprematisten, die im Internet kein Geheimnis daraus machen, einen Rassenkrieg anzetteln zu wollen.

Auch die Gewalt gegen Journalisten nimmt bei den Unruhen zu. In Minneapolis verhaftete die Polizei einen schwarzen CNN-Reporter vor laufender Kamera, in New York wurde ein Reporter des „Wall Street Journal“ von Beamten geschlagen, in Los Angeles warf ein Polizist die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Fotografin Barbara Davidson gegen einen Feuerhydranten. Insgesamt hat der „US Press Freedom Tracker“ bereits mehr als hundert Fälle von Gewalt gegen Journalisten dokumentiert, die über die Unruhen berichteten.

Zugleich gibt es auch ermutigende Zeichen von Zivilcourage. Polizisten, die spontan auf ein Knie gehen, um sich mit den Demonstranten zu solidarisieren. Oder Christopher R. Swanson, Sheriff in Michigan, der am vergangenen Wochenende seinen Helm und Knüppel ablegte. „Ich möchte das hier zu einer Parade machen“, versprach er der demonstrierenden Menge, die „Geh mit uns“ skandierte. Swanson tat, was er sagte, und setzte sich an die Spitze des Marschzugs: „Ich liebe euch, Leute. Die Polizei liebt euch!“

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