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Israel und Gaza: Wacklige Waffenruhe – möglicher „Beginn einer längeren Gewaltspirale“

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Von: Maria Sterkl

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Palästinenser durchsuchen die Trümmer eines Gebäudes, das am 6. August bei einem israelischen Luftangriff getroffen wurde. Israel hat nach der vereinbarten Waffenruhe mit dem Islamischen Dschihad seine Grenzübergänge zum Gazastreifen wieder geöffnet.
Palästinenser durchsuchen die Trümmer eines Gebäudes, das am 6. August bei einem israelischen Luftangriff getroffen wurde. © Hatem Moussa/dpa

Fachleute rechnen mit weiteren Gewaltausbrüchen in Israel und Gaza. Die nächsten Tage seien entscheidend für den weiteren Verlauf des Nahost-Konflikts.

Tel Aviv – Nach der 56 Stunden anhaltenden militärischen Eskalation zwischen Israel und dem Gazastreifen fragen sich viele, was wohl das Ziel des israelischen Einsatzes war – und vor allem ob er dazu dienen wird, für anhaltende Ruhe in dem Gebiet zu sorgen. 43 Menschen kamen in nicht einmal drei Tagen ums Leben, alle im Gazastreifen.

Israel war zwar massivem Raketenbeschuss durch die Terrorgruppen in Gaza ausgesetzt, der „Iron Dome“ konnte aber 97 Prozent der Geschütze abwehren. Die einzigen Todesopfer, die auf das Konto der Terrorgruppe in Gaza gehen, gab es aber im Gazastreifen selbst: Bei Fehlabwürfen in dicht besiedeltem Wohngebiet im Norden starben mehrere Menschen, darunter auch Kinder. Im Gazastreifen macht man dafür Israel verantwortlich

Hamas hatte sich gegenüber Israel lange ungewohnt friedlich gezeigt

Dem Einsatz war eine ungewöhnlich lange Ruhephase vorausgegangen. Die im Gazastreifen regierende Hamas hatte sich in den vergangenen 15 Monaten lange ungewohnt friedlich gezeigt; wenn schon nicht gegenüber den Menschen in Gaza, dann gegenüber Israel. Es gab praktisch keinen Raketenbeschuss und keine Brandattacken auf israelische Felder. Mitgeholfen haben dabei wohl zwei Faktoren: Herbe Materialschäden infolge des letzten militärischen Konflikts im Mai 2021, von denen sich der militärische Flügel der Hamas erst erholen muss.

Aber auch die Tatsache, dass Israels Regierung seither eine große Zahl von Arbeitskräften aus Gaza ins Land gelassen hat und diese Quote demnächst um weitere 5000 Personen erhöhen will, spielt eine wichtige Rolle. Für den Gazastreifen, der einer strengen Blockade durch Israel und Ägypten unterliegt, sind das wichtige Einnahmen. Hamas will dieses Versprechen Israels nicht gefährden. So lässt sich erklären, warum Hamas in der aktuellen Eskalation so passiv war: Keine einzige der rund 800 abgeschossenen Raketen kam von Hamas-Truppen, alle waren der wesentlich kleineren Terrorgruppe Palästinensischer Islamischer Dschihad (PIJ) zuzurechnen.

Israel und Gaza: Warum kam es zur Eskalation?

Warum aber kam es ausgerechnet jetzt zur Eskalation? Die Festnahme eines hochrangigen PIJ-Führers im von Israel besetzten Westjordanland hatte die PIJ in Gaza konkrete Rachepläne schmieden lassen. Israelische Geheimdienste lieferten eindeutige Hinweise auf eine drohende Attacke auf grenznahes israelisches Gebiet. Die Regierung verhängte daher einen De Facto-Lockdown nahe der Grenze, Straßen und Bahnstrecken waren gesperrt.

Da man diesen Zustand nicht länger aufrecht erhalten konnte, ein Ende des Lockdowns aber Menschenleben gefährdet hätte, entschloss sich die Armeeführung zum Präventivschlag gegen militärische Infrastruktur und führte gezielte Tötungen durch.

Israel und Gaza: Was Israels Militäraktion gebracht hat, ist umstritten.

Israel hätte sich von der im Gazastreifen regierenden Hamas erwartet, dass sie die viel kleinere Terrororganisation PIJ in Schach hält, um die von Israel zugesagte Grenzöffnung für 5000 Arbeitskräfte aus Gaza nicht zu gefährden. „Das ist eine Art ungeschriebene Vereinbarung, doch Hamas hat sich nicht daran gehalten“, erklärt Michael Milstein, Palästina-Forscher am Mosche Dayan Zentrum für Nahoststudien. Daher gab Israels Regierung grünes Licht für einen Präventivschlag.

Wie erfolgreich der Einsatz war, ist umstritten. Die Tötung der zwei wichtigsten Kommandanten in Gaza wird als taktischer Erfolg gewertet. Aus strategischer Sicht sei die Operation jedoch äußerst ungünstig verlaufen, analysiert Milstein. „Der Einsatz hatte ein offenes Ende“, sagt er. Die Gefahr sei groß, dass es bald zu einer neuerlichen Eskalation kommt – vielleicht schon nächste Woche.

Dass es demnächst neue Gewaltausbrüche geben könnte, hält auch Tamir Heyman für möglich. Der Militärstratege, der bis vor kurzem Leiter des israelischen Militärgeheimdienstes war, hält „die nächsten Tage für entscheidend“. Sollte PIJ auf die Freilassung des im Westjordanland festgenommenen Kommandanten bestehen, worauf Israel unmöglich eingehen kann, dann werde die Waffenruhe nur von kurzer Dauer sein. Milstein hält es sogar für denkbar, dass der gegenwärtige Zeitpunkt den „Beginn einer längeren Gewaltspirale“ markieren könnte. (Maria Sterkl)

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