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Schon 2013 mussten Dogon in Mali vor Islamisten fliehen.

Afrika

Wachsende Brutalität in Mali

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Der Konflikt zwischen Viehhütern und Ackerbauern eskaliert erneut: Massaker an Dorfbewohnern mit mindestens 95 Toten.

Malis Präsident Ibrahim Boubacar Keïta nimmt kein Blatt mehr vor den Mund. Das Überleben seiner Heimat stehe auf dem Spiel, sagt der Präsident des westafrikanischen Staats während eines Besuchs in Genf. Mali drohe von der Gewalt in den Abgrund gestürzt zu werden. Soeben hat der 74-jährige Staatschef von einem neuen Massaker in seiner Heimat erfahren: Angehörige des Fulani-Volkes hatten in der Nacht zum Montag ein Dorf der Dogon im Zentrum des Landes überfallen und mindestens 95 Menschen getötet. Rund 50 schwerbewaffnete Männer seien in den frühen Morgenstunden auf Motorrädern und Pick-ups angebraust und hätten das Dorf Sobame Da umstellt, berichtet ein Augenzeuge der afp. Sie hätten auf alles geschossen und anschließend die Behausungen angezündet. Viele der Opfer seien lebendig verbrannt.

Das Massaker ist bereits das zweite in der Region seit weniger als drei Monaten. Ende März hatten Männer das ebenfalls östlich von Mopti gelegene Dorf Ogossagou überfallen und mehr als 150 Menschen niedergemetzelt. Damals waren Fulani die Opfer und die Täter Dogon. Selbst diese Gewalttat, die zum Rücktritt der gesamten malischen Regierung führte, war nicht die erste des Jahres. Schon am 1. Januar war das Dorf Koulogon ebenfalls im östlichen Zentrum des Landes überfallen und 39 Menschen getötet worden. Auch in diesem Fall waren die Toten Fulani, die Angreifer Dogon. UN-Blauhelme zählten allein in diesem Jahr 92 Zwischenfälle, die den Spannungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen zuzuschreiben seien. Innerhalb der vergangenen drei Jahre kamen nach Angaben der örtlichen Nichtregierungsorganisation Acled mehr als 2700 Menschen ums Leben.

Mahamat Saleh Annadif, Sonderbeauftragter der UN für Mali, spricht von einem „nationalen Notstand“: Die „Grenze des Erträglichen“ sei längst überschritten. Die Konflikte zwischen den Fulani-Viehhütern und den Ackerbau betreibenden Dogon überschatten Mali schon seit vielen Jahrzehnten: Doch die Brutalität, mit der sie ausgetragen werden, ist neu. Beobachter machen dafür sowohl den Klimawandel wie die Verfügbarkeit automatischer Waffen, die Schwäche des angeschlagenen Staates sowie die Umtriebe islamistischer Extremisten verantwortlichen: ein Cocktail, der Mali tatsächlich – wie von Präsident Keïta befürchtet – wieder einmal in den Abgrund stürzen könnte.

Der einstige Vorzeigestaat war vor sieben Jahren schon einmal zum Tummelplatz extremistischer Islamisten geworden. Ein Schicksal, das die gegenwärtig im Land stationierten 14 000 Blauhelme – darunter mehr als 1000 Bundeswehrsoldaten – eigentlich verhindern sollten.

Beim Streit zwischen den Dogon und Fulani ging es ursprünglich vor allem um Ressourcen. Durch die Ausbreitung der Sahelzone wurden die Fulani-Viehzüchter immer weiter gen Süden gedrängt – ein Trend, der durch die Klimaerwärmung noch beschleunigt wird. Nach der Desintegration Libyens kommt noch die Verfügbarkeit automatischer Schnellfeuergewehre hinzu. Statt sich wie bisher mit Macheten oder alten Jagdflinten zu bekämpfen, mähen Angreifer mit ihren Kalaschnikows inzwischen ganze Dorfgemeinschaften nieder. Auch die Präsenz von mindestens vier verschiedenen Terrororganisationen auf malischem Boden ließ den Konflikt weiter eskalieren:

Die Islamisten nützen die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen aus, um neue Kämpfer zu rekrutieren und die Staatsorgane zu schwächen. Letztere sollten nach der Befreiung des Landes durch eine französische Interventionstruppe eigentlich wieder gestärkt werden: Doch trotz des Trainings malischer Soldaten unter anderem durch 180 Bundeswehrsoldaten ist die Armee noch immer nicht in der Lage, weite Teile des Staatsgebiets unter ihre Kontrolle zu bringen. Stattdessen führt die zunehmende Militarisierung der malischen Konflikte zu immer blutigeren Zusammenstößen. Ein Ende der Gewaltspirale ist deshalb nicht abzusehen.

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