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Gestenreicher Schwadroneur: Vox-Führer Santiago Abascal.

Vox-Chef Santiago Abascal

Forsch, laut, rückwärtsgewandt

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Erstmals seit der Franco-Diktatur werden wohl Rechtsradikale in Spaniens Parlament einziehen. Vox-Chef Santiago Abascal spielt auf der nationalistischen Klaviatur - ein Porträt.

Keiner beherrscht die Massen so wie Santiago Abascal. Natürlich hätte der Vox-Chef diese Woche auch gern an den beiden Fernsehdebatten der Spitzenkandidaten für die Wahl am kommenden Sonntag teilgenommen, aber man ließ ihn nicht, weil Vox im Moment noch außerparlamentarisch ist. Ein schöner Anlass, über die „nutzlose Parteienherrschaft“ – die der anderen Parteien – zu schimpfen. Und sich stattdessen von 4000 Anhängern in Sevilla feiern zu lassen. Da ist er in seinem Element. „Verdammt noch mal, in Spanien konnte man nichts machen und nichts sagen,“ schimpft er. Schuld daran sei die „dictadura progre“ gewesen, die „Diktatur der Fortschrittlichen“. Die hat er jetzt gebrochen. „Und ihr Andalusier seid die Vorhut der Reconquista gewesen.“

Reconquista heißt Rückeroberung und ist der Name, den man heute der mühsamen, sich über mehr als sieben Jahrhunderte hinziehenden Vertreibung der Araber und Berber von der Iberischen Halbinsel – bis zur Einnahme Granadas 1492 – gibt. Abascal will Spanien nicht von den Arabern, sondern von den „progres“ zurückerobern. Die erste Schlacht auf diesem Feldzug gewann er im Dezember vergangenen Jahres, als Vox mit elf Prozent der Stimmen ins andalusische Regionalparlament einzog und dort einen Regierungswechsel ermöglichte. Der soll jetzt Modell für ganz Spanien sein: Nach den meisten Umfragen wird Vox an diesem Sonntag auch ins nationale Parlament mit zweistelligem Ergebnis einziehen und könnte möglicherweise eine rechte Koalitionsregierung von Volkspartei und Ciudadanos unterstützen. Das steht noch dahin, aber sicher ist: Erstmals seit dem Ende der Franco-Diktatur spielt in der spanischen Politik wieder eine starke rechtsextreme Kraft mit.

„Was genau ist Vox?“, fragte Abascal rhetorisch bei einem Auftritt in einem Madrider Debattenclub Anfang des Jahres. Seine erste Antwort: „Vox ist die Stimme derer, die vor allen anderen wollen, dass die Einheit ihres Vaterlandes Spaniens erhalten bleibt, derer, die seit Oktober 2017 praktisch nicht mehr schlafen konnten.“

Er weiß, wovon er spricht

Im Oktober 2017 versuchten die in Katalonien regierenden Separatisten ihre Region nach einem rechtswidrigen Referendum vom Rest Spaniens zu lösen. Sie scheiterten, etliche von ihnen flohen ins Ausland, anderen wird gerade vor dem Obersten Gerichtshof in Madrid der Prozess gemacht. Vox, sagt Abascal, ist die Stimme derer, die als Antwort auf die katalanische Herausforderung „auf dem Balkon ihres Hauses eine spanische Fahne aufgehängt haben“ – und das sind ziemlich viele. Der Aufstieg von Vox, die bei der letzten Wahl im Juni 2016 noch mit 0,2 Prozent der Stimmen vorliebnehmen musste, ist ohne Katalonien nicht zu erklären.

Die Einheit Spaniens verteidigen auch die anderen großen Parteien, aber niemand mit so viel Fahnengeschwenke und patriotischen Gesängen wie Vox. Ihr 43- jähriger Vorsitzender Abascal war schon in seiner baskischen Heimat ein Kämpfer für die spanische Nation, dort als Mitglied des Regionalparlaments für die konservative Volkspartei. Heute will er alle Regionalparlamente und gleich alle Autonomen Regionen in Spanien abschaffen, die nur dazu dienten, „Freunde auf Posten ohne jeden Nutzen unterzubringen“.

Er weiß, wovon er spricht: Er selbst wurde von seiner politischen Freundin Esperanza Aguirre, der langjährigen Madrider Regionalpräsidenten, über etliche Jahre mit gut dotierten und offensichtlich nutzlosen Posten versorgt, auf denen er mehr verdiente als der spanische Regierungschef. Er kehrte seiner alten Partei dann trotzdem den Rücken und gründete Anfang 2014 mit Gleichgesinnten Vox. Die nahm lange keiner ernst. Bis zur katalanischen Krise Ende 2017.

Orban als Vorbild

Die von Abascal immer wieder beschworene „dictadura progre“, gegen die er nun ankämpft, ist gar keine. In Spanien hat es nie an lautstarken rechten Stimmen gefehlt. Abascal ist noch ein paar Dezibel lauter. Er findet, dass die Angehörigen jener, die im Spanischen Bürgerkrieg auf „nationaler Seite“ (also auf der Francos) kämpften, dafür keinesfalls um Entschuldigung zu bitten hätten. Die „größten Feinde Europas“ seien „Regierende wie Angela Merkel, die zur massiven Immigration aufgerufen haben und zur Zerstörung der christlichen Wurzeln Europas“. Abascals großes Vorbild ist Viktor Orban; Donald Trump gefällt ihm auch, weil der „die Diktatur der politischen Korrektheit“ herausgefordert hat. Diktatur überall, und Abascal ist der Befreier, auf den offenbar viele Spanier gewartet haben. Am Sonntag wird sich zeigen, wie viele.

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