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Black-Lives-Matter-Proteste, wie hier in Berlin, weisen auf ein lange verdrängtes Problem hin.
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Black-Lives-Matter-Proteste, wie hier in Berlin, weisen auf ein lange verdrängtes Problem hin.

Ressismus

Vorurteile verlernen

Der Duisburger Verein „Aric“ hilft, Rassismus zu überwinden

Manchmal hilft ein Spiel: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Kurses gegen Rassismus stellen sich in einer Reihe auf. Sie bekommen verschiedene Rollen zugewiesen: Jemand muss sich gedanklich in die Situation eines Geflüchteten versetzen, jemandem wird gesagt, er sei Schwarz, ein Teilnehmer muss sich in eine Abiturientin mit einem Kopftuch eindenken, eine andere Teilnehmerin ist ein weißer Mann. Dann hört die Gruppe Fragen, und wer sie mit einem Ja beantworten kann, macht einen Schritt nach vorn.

„Könnt ihr wählen?“

Der Geflüchtete bleibt zurück.

„Könnt ihr sicher sein, dass ihr von der Polizei nicht aufgrund eures Aussehens, eurer Hautfarbe kontrolliert werdet?“

Die Schwarze Person bleibt zurück.

„Kannst du sicher sein, dass Menschen deiner Gruppe nicht als Terroristen dargestellt werden?“

Die junge Frau mit dem Kopftuch bleibt stehen.

So geht es weiter. Am Ende stehen vorne nur sehr wenige Menschen, ein weißer Mann ist immer dabei.

Aktionswochen

Der 21. März wird seit 1979 als Internationaler Tag gegen Rassismus begangen, das Datum geht auf das Jahr 1960 zurück, als am damaligen 21. März viele Tausende Menschen im südafrikanischen Sharpeville gegen Diskriminierung protestiert hatten. Die Polizei schoss scharf auf die Demonstrierenden und tötete dabei fast 70 Menschen.

„Solidarität. Grenzenlos.“ So lautet der Titel der diesjährigen „UN-Wochen gegen Rassismus“. Sie dauern noch bis zum 28. März an. In vielen Städten haben Engagierte Veranstaltungen dazu organisiert, die je nach Lage und Angebot virtuell stattfinden. Zahlreiche Termine hat die Stiftung gegen Rassismus zusammengestellt: /stiftung-gegen-rassismus.de/veranstaltungskalender

Viele Städte und Kommunen bieten auch eigene Programme an, so etwa München, Nürnberg, Heidelberg, Karlsruhe, Lüneburg. Vielerorts beteiligen sich auch Gewerkschaften, Kirchen, muslimische und jüdische Gemeinden. Infos dazu findet man im Internet. FR

„Für viele ist das dann ein Erkenntnismoment“, erzählt Lisa Rüther, „wer ganz vorne steht, kann nicht sehen, was hinter ihm passiert, was die Menschen erleben, wovon sie ausgeschlossen sind. Und wenn ich eine Rolle annehme, dann muss ich auch darüber nachdenken, welche Bilder ich über die jeweiligen Gruppen im Kopf habe.“

Die Ausgrenzung, die Benachteiligung, die Diskriminierung anderer – der strukturelle Rassismus in Deutschland – darauf macht der Verein „Aric“ aus Duisburg aufmerksam. Lisa Rüther arbeitet für den Verein und gibt mit Kolleginnen und Kollegen Kurse an Schulen, in Behörden und „zunehmend auch Unternehmen“, um die Menschen für ein Alltagsproblem in Deutschland zu sensibilisieren.

Einer ihrer Kollegen ist Maurice Soulié. Neben den Sensibilisierungskursen gibt es auch Seminare im Empowerment, also der Stärkung von Menschen in kritischen Situationen. Geeignet seien die Seminare für alle, berichtet Soulié. Eines falle ihm aber auf: „Menschen, die etwas älter sind, erleben das manchmal intensiver. Manche erkennen, dass sie unbewusst und unterbewusst destruktive Überlebensstrategien angewendet haben. Sie haben versucht, sich unsichtbar zu machen, sie haben den Rassismus, den sie erlebt haben, nicht sehen wollen oder können, haben über etwas hinweggelacht.“

Schmerzhaft, aber befreiend

Das zu erkennen, sei manchmal schmerzhaft. Soulié weiß aber auch: „Je mehr ich über Rassismus lerne, desto besser kann ich etwas rückwirkend einordnen. Das kann traurig machen, aber auch befreien“, sagt Soulié.

Im Gespräch mit der FR geht es mehrfach um die Definition von Rassismus. Das Engagement des Vereins dient „Menschen, die negativ vom Rassismus betroffen sind“, konkretisiert Rüther, der Zusatz „negativ“ sei wichtig. Denn es gebe Menschen, die vom Rassismus auch profitierten, die seien „positiv“ betroffen.

Die Perspektive anderer nachvollziehbar zu machen – das ist nur eine Methode von Aric. In der Zeit seines Bestehens hat der Verein seinen Werkzeugkasten ausgeweitet. „Manche Menschen verstehen und lernen besser kognitiv, bei ihnen hilft Wissen, das sie nicht haben, andere brauchen affektive Erfahrungen, um besser zu verstehen“, sagt Rüther. In den jetzt laufenden UN-Wochen gegen Rassismus hält Aric zehn Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen ab, zum Beispiel in Kooperation mit der Stadt Duisburg.

Aric existiert seit 1993. Der Verein entstand nach den tödlichen Anschlägen auf Geflüchtete und Zuwander:innen in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen. Und bis heute ist Hasskriminalität Alltag in Deutschland. Die polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2019 nennt 8585 Fälle von Hasskriminalität, darunter fallen „fremdenfeindliche und antisemitische Straftaten und Unterthemen“.

Doch um rein physische, rassistisch motivierte Gewalt geht es dem Verein schon lange nicht mehr, betonen Rüther und Soulié. Die Sensibilisierung für das Problem in der Gesellschaft wachse. „Es gibt mehr und mehr Anfragen auch von Unternehmen, die Beschäftigten zu dem Thema zu schulen“, sagt Rüther. Nicht nur soziale und pädagogische Einrichtungen würden nun Kurse buchen, sondern auch Behörden, Ministerien, Firmen. Gerade letzteres stimme optimistisch, ergänzt Soulié. „Ich bekomme gute Rückmeldungen, manchmal trifft man die Menschen später wieder und sie erzählen von den eigenen Veränderungen. Das motiviert.“ Denn manchmal gibt es auch frustrierende Momente, berichtet Soulié. Im Alltag. „Im Radio, Fernsehen, in der Politik – wenn ich sehe und höre, was noch gesagt wird, kann das schon pessimistisch stimmen. Aber der Optimismus überwiegt, sonst würde ich diesen Job nicht machen.“

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