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Was nützt der Umwelt wirklich? Eine Windkraftanlage und einige Strommasten stehen nahe dem Kraftwerk Rommerskirchen bei Köln .

Vorsicht bei ethischen Geldanlagen

Viele Nachhaltigkeitsfonds sind moralisch gar nicht so unangreifbar, wie es bisweilen auf den ersten Blick erscheint / Von Carsten KrebsIn Deutschland wächst das Begehr, Geld in Fonds zu stecken, die moralischen Kriterien gerecht werden. Anlagen also, die keine Waffenschmieden finanzieren oder Tabakfabriken. Doch man muss genau hinschauen, um nicht nur auf Imagewerbung hereinzufallen.

Das Volumen der im deutschsprachigen Raum zum Vertrieb zugelassenen Nachhaltigkeitsfonds hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Waren es laut Sustainable Business Institute (SBI) an der European Business School EBS in Oestrich-Winkel 1996 gerade einmal 300 Millionen, Ende 2002 rund 2,5 Milliarden, stieg das Volumen Anfang 2006 auf immerhin mehr als 9,2 Milliarden Euro an. Für das Wachstum der Volumina gibt es drei Gründe: die Zulassung neuer Fonds, die bereits Volumen mitbringen; die Performance, also der Wertzuwachs der Fonds; sowie der Nettozufluss durch neues Geld von privat- und institutionellen Anlegern. Im gleichen Zeitraum wuchs auch die Zahl der zugelassenen Fonds: Statt 80 können die Anleger nun zwischen 116 Fonds auswählen - und immer mehr tun es. Zumal diverse Studien ergeben haben, dass das Investment in Nachhaltigkeitsfonds keineswegs zu weniger Performance führt.

Aber Vorsicht vor zu großer Euphorie: Denn letztlich befindet sich das Volumen auf einem erschreckend niedrigen Niveau. Denn allein der bekannte Vermögensbildungsfonds I, ein weltweit aktiver Aktienfonds der Fondsgesellschaft DWS, liegt bei einem Volumen von deutlich mehr als sieben Milliarden Euro. Zudem liegen rund 40 Prozent aller Nachhaltigkeitsfonds unter der kritischen Schwelle von 20 Millionen Euro. Diese Fonds werden vor allem aus Gründen des Erfahrungsgewinns und des Images durch die Geldinstitute aufrechterhalten. Kein Wunder also, dass von 2000 an bis heute immerhin neun Nachhaltigkeitsfonds mangels Volumen eingestellt wurden. Und dies, obwohl grundsätzlich ein großes Interesse an nachhaltigen Fonds in Deutschland besteht. Eine Umfrage des Bundesumweltministeriums und des Meinungsforschungsinstituts Emnid bestätigte dies: 83 Prozent der Deutschen wollen, dass ihre Ersparnisse für die Altersvorsorge in Unternehmen investiert werden, die weder umweltschädliche Produkte erzeugen noch die Menschenrechte missachten.

Das Maß der Dinge auf den internationalen Kapitalmärkten bei nachhaltigen Geldanlagen bleibt die USA. Die nach Kriterien des dort so genannten - Socially Responsible Investment (SRI) - angelegten Kapitalanlagen bewegen sich nach europäischen Maßstäben in schwindelerregender Höhe. Elf Prozent aller professionellen Investments in den USA werden nach einer dort gängigen SRI-Anlagepolitik veranlagt. Dies entspricht einem SRI-Anlagevolumen von mindestens 2180 Milliarden US-Dollar. Die moralische Geldanlage hat in den USA eine lange Tradition. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es vor allem Methodisten und Quäker, die aus religiösen Gründen kein Geld in Alkohol-, Tabak- oder Rüstungs-Unternehmen investierten. Den Nachhaltigkeitsfonds zum Durchbruch verhalfen die US-Pensionsfonds, die einen Teil ihrer Gelder in ethisch korrekte Fonds steckten.

Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass ein erheblicher Teil dieser Gelder jedoch weniger nach umfassenden Nachhaltigkeitskriterien verwaltet wird, sondern Unternehmen mit bestimmten, aus ethischen oder religiösen Motiven als unakzeptabel geltenden Geschäftsfeldern vom Investment ausgeschlossen werden, wie zum Beispiel Alkohol- oder Tabak-Herstellung oder auch das Geschäft mit Pornographie oder Glücksspiel. Nichtsdestoweniger belegt auch dies "ein hohes Bewusstsein für ein zielgerichtetes, den eigenen Wertvorstellungen folgendes Investment", heißt es in der neuen Studie "Pensionskassen und Nachhaltiges Investment" der Research-Agentur Scoris.

Nicht alles "öko"

Genau an diesem Punkt ist der Schatten des (verhältnismäßig kleinen) Booms in Deutschland unübersehbar. Die hehren Ansprüche mancher "nachhaltigen" Anlagekonzepte werden dem Ziel, ökologische, soziale und ethisch vertretbare Aktien im Portfolio zu haben, nicht immer gerecht. (?)

Begriffe wie "eco", "sustainable", "ökologisch", "sozial" und "nachhaltig" werden mittlerweile fast inflationär verwendet. Sie werden häufig als Deckmäntelchen von Fonds genutzt, die sich in Wahrheit immer stärker konventionellen Aktienfonds angleichen. Aus Sicht der Bank- und Fondsvertriebe sind die öko-gelabelten Produkte interessant - vor allem als Marketingkonzept. Mit "Nachhaltigkeit" ist es möglich, neue, zusätzliche Geldtöpfe zu erschließen. Im Vordergrund der Vermarktungsstrategie steht das Nachhaltigkeits-Label, die tatsächlichen Inhalte, spricht die Aktien im Fondsdepot, werden dann von den Anlegern vielfach nicht mehr genau untersucht. Die Strategie ist klar: Ein Teil der Fondsstrategen hat auf die Befürchtung reagiert, einen Teil der Anleger zu verlieren. Der Konflikt, Geld nicht mehr nur als unpolitisch und neutral zu klassifizieren, und stattdessen zum wertorientierten, politischen Kapital zu machen, könnte durch geschicktes Labelling minimiert werden - so die Hoffnung mancher Marketingstrategen.

Deshalb: Ein genauer Blick auf die Fondsangebote ist für Anleger dringend ratsam - nicht nur im Blick auf die Rendite. Denn auch bei den Auswahlkriterien der Fondsmanager sollten sie ganz genau hinschauen. Denn so ethisch unangreifbar wie es bisweilen klingt, sind viele Nachhaltigkeitsfonds eben nicht. Auch bei vermeintlich "grünen" Portfolios tauchen immer wieder Aktien von Energie-, Rüstungs- oder Chemiekonzernen auf, die viele Anleger aus Umwelt- und Sozialaspekten lieber meiden würden. Das Grundproblem: Den Nachhaltigkeitsanspruch der Fonds bringt dies nicht einmal ins Wanken. Denn viele Fondsanbieter bestimmen die Zusammensetzung des Aktienportfolios anhand der so genannten "Best-in-class"-Methode. Sie suchen in den einzelnen Branchen lediglich nach den "ökologisch und ethisch besten" Vertretern - ohne dabei einzelne Branchen generell auszuschließen. Was Nachhaltigkeit bei dieser Selektion tatsächlich meint, definiert jeder Fondsanbieter selbst. Folge: Manche rücken die Umweltpolitik der Konzerne in den Vordergrund, andere leiten Nachhaltigkeit vor allem aus der Haltung der Konzerne gegenüber Mitarbeitern und Zulieferern ab.

Wer als Anleger die Zusammensetzung eines Fonds besser kontrollieren möchte, wählt Angebote, die mit Negativkriterien arbeiten. Sie schließen bestimmte Branchen oder Unternehmen wie Atomkonzerne, Rüstungshersteller, Gentechniknutzer oder Glücksspielanbieter von vornherein aus. Aber auch hier ist eine genaue Beobachtung ratsam. Denn manche Fonds wenden Negativkriterien erst ab bestimmten Schwellenwerten an. So könnte ein Unternehmen beispielsweise bis zu zehn Prozent seines Umsatzes mit Waffengeschäften erwirtschaften, ohne aus dem Fonds zu fliegen. Auch die Reichweite der Negativkriterien divergiert: Manche Fondsanbieter betrachten lediglich das Unternehmen selbst, andere (aber noch immer zu wenige) beziehen auch Tochterunternehmen und Beteiligungen mit in die Bewertung ein. (?)

Rechenschaftsberichte lesen

Es bleibt die Kernfrage: Nützt das Investment überhaupt der Umwelt? Denn Kritiker bemängeln nicht zu Unrecht, dass eine Finanzanlage in Nachhaltigkeitsfonds keine direkte Finanzierungsfunktion für ökologisch orientierte Unternehmen hat. Richtig ist, dass nur bei einer Neuemission, wenn also ein Unternehmen neu an die Börse geht, oder bei einer Kapitalerhöhung durch die Ausgabe neuer Aktien dem Unternehmen frisches Kapital zufließt.

Denn sind die Aktien erst einmal auf dem Markt, erhält bekanntermaßen nur der Vorbesitzer Geld. Das Unternehmen, dessen Aktie den Besitzer wechselt, hat davon keinen direkten Vorteil. Dennoch: Auch wenn der Aktienhandel mit ethischeren Unternehmen zunächst kein zusätzliches Kapital beschert, gibt es zahlreiche gute ökologisch-soziale Gründe im Sinne eines ethischen Investments Aktien oder Fonds zu kaufen. Denn die Nachfrage nach Aktien eines Unternehmens hat zahlreiche positive Effekte, wobei der psychologische Aspekt nicht zu unterschätzen ist.

Der Erfolg oder Misserfolg für Unternehmen entscheidet sich über Angebot und Nachfrage seiner Aktien. (?)

- Da ethische Fonds kein Geld direkt in die Unternehmen pumpen, profitieren die Firmen von der Aufnahme in einen ethischen Fonds - denn die soziale und ökologische Strategie wird somit positiv bewertet. Auch das bringt einen Imagegewinn und erhöht die Glaubwürdigkeit.

- Aber auch das Gegenteil ist der Fall: Denn öffentliche Negativ-Schlagzeilen um ein Unternehmen führen zu Imageschäden, der sich unmittelbar in den Absatzzahlen und im Aktienkurs niederschlagen kann. Unternehmen, die stark von ethischen Fonds nachgefragt werden, haben folglich ein Interesse daran, ihren Platz zu behaupten.

- Je besser sich der Kurs einer Aktie in der zurückliegenden Zeit entwickelt hat, umso leichter ist es für Unternehmen, Fremdmittel wie Kredite einzuwerben.

- Andere Firmen können durch den Erfolg eines umweltorientierten und sozialambitionierten Unternehmens zur Nachahmung animiert werden. Denn es wird auch finanziell spürbar, dass sich ethisches Verhalten auszahlt.

- Eine positive Kursentwicklung im Umweltbereich lenkt das Interesse der Öffentlichkeit auf den Gedanken, dass Umweltschutz und nachhaltiges Wirtschaften auch in ökonomischer Hinsicht sinnvoll sind. (?)

Wer darüber nachdenkt, einen ökologisch-nachhaltigen Fonds zu kaufen, sollte unbedingt einen Rechenschaftsbericht lesen, um nicht später festzustellen, dass zwar "öko" drauf steht, aber nicht wirklich drin ist. Letztlich muss der Anleger eine Entscheidung treffen, die den ganz persönlichen Wertvorstellungen entspricht. Hilfreich für Internet-Nutzer kann dabei die Plattform "nachhaltiges-investment.org" sein. Sie dient der öffentlichen Transparenz sowie dem Dialog über nachhaltiges Investment in Publikumsfonds und Aktien. Dort sind (nur) die zehn größten Unternehmen, in die die Fonds aktuell investiert sind, zusammengetragen. Das heißt aber, schon die elftgrößte Position in den Fonds kann ein Unternehmen sein, dass - dem best-in-class-Ansatz folgend - ein Automobil- oder heikles Energieversorgungsunternehmen ist.

Dennoch: Auf der genannten Homepage kann jeder Anlage-Interessierte seine Wertmaßstäbe in Form von Negativkriterien einstellen und einzelne Branchen, aber auch Einzelunternehmen ausschließen. In Windeseile wirft die Plattform just die Fonds aus, die den eigenen Vorstellungen am ehesten entsprechen. Somit ist die Internetplattform eine wichtige Hilfe, das Lesen eines Rechenschaftsberichts bleibt aber dennoch Pflicht. Als weitere Leitlinie sollte für ökologisch-orientierte Anleger gelten, dass nur Fonds in Frage kommen, die mit Negativkriterien arbeiten und nicht allein dem best-in-class-Ansatz folgen. Als Plus sollte es einen unabhängigen, mit Umwelt- und Sozialexperten besetzten Anlageausschuss geben, der über ein Mitspracherecht verfügt. (?)

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