Südkorea

Corona-Leugner sind für höchste Infektionszahlen seit Monaten verantwortlich - wieder einmal

  • vonFabian Kretschmer
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In Südkorea zeigt sich die Fragilität des Normalzustands: Christliche Covid-19-Leugner sind für die höchsten Infektionszahlen seit fünf Monaten verantwortlich – wieder einmal.

  • Südkorea steht vor einem gewaltigen Ausbruch des Coronavirus SARS-CoV-2.
  • Christliche Gemeinden wiedersetzen sich den Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus.
  • Südkorea verschärft nun seine Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie.

Seoul - Jun Kwang-hun ist derzeit der berüchtigste Covid-Patient Südkoreas: Noch am Samstag hat der mächtige Pastor Tausende, meist ältere Anhänger seiner „Sarang Jeil“-Kirche mobilisiert, um in der Innenstadt Seouls zu protestieren. Dabei verunglimpfte der 63-jährige Evangelikale Präsident Moon Jae-in als „nordkoreanischen Spion“, beschimpfte seine Regierung als „kommunistisch“ und verbreitete krude Corona-Verschwörungstheorien.

Zwei Tage später hat sich Jun selbst mit dem Virus angesteckt – ebenso wie bislang weit mehr als 450 Gemeindemitglieder. Noch im Krankenwagen sieht man den Pastor, wie er seinen Mundschutz demonstrativ unterm Kinn trägt.

Seuchenhotspot: Mitarbeiter der Stadt Seoul desinfizieren eine Kirche.

Südkorea kam mit Maskenpflicht und Kontaktverfolgung gut durch die Corona-Pandemie

Zurecht gilt Südkorea als Corona-Musterschüler. Kaum ein Land hat die Pandemie derart rasch unter Kontrolle bekommen: Mit aggressiver Kontaktverfolgung und strikter Maskenpflicht konnten die Koreaner bereits mehrere große Infektionswellen abwenden, und das ohne weder einen Lockdown verhängt, noch seine Grenzen vollständig geschlossen zu haben. Die täglichen Ansteckungen haben sich bei einer Bevölkerungsgröße von 51 Millionen im niedrigen zweistelligen Bereich eingependelt, bislang sind nur knapp mehr als 300 Menschen an dem Virus gestorben.

Nun jedoch steht das Land vor dem Abgrund, wenn man den Regierungsbeamten in Seoul zuhört: „Wir betrachten die derzeitige Situation als Anfangsstadium einer flächendeckenden Übertragung“, sagte Jung Eun-kyeong, Leiterin der koreanischen Behörde zur Seuchenprävention, bei einer Pressekonferenz am Montag. Wenn die derzeitige Verbreitung nicht kontrolliert werden könne, dann müsse man mit einem exponenziellen Wachstum der Infektionszahlen und infolgedessen einem Kollaps des Gesundheitssystems rechnen.

Südkorea steht vor der größten Krise seit Beginn der Corona-Pandemie

Auch Kwon Jun-wook, Leiter des nationalen Gesundheitsinstituts, nahm kein Blatt vor den Mund: Der Ausbruch in der „Sarang Jeil“-Kirche bringe das Land an den Rand der größten Krise seit Beginn des Covid-Ausbruchs, die möglicherweise im dicht besiedelten Großraum Seoul mit seinen 26 Millionen Einwohnern zu „leidvollen Szenen wie in den Vereinigten Staaten oder europäischen Ländern“ führen würde.

Wird von Evangelikalen in Südkorea oft ignoriert: Hinweisschild mit der Aufschrift „Soziale Distanz und zwei Meter Abstand halten“.

Die Zahlen selbst liefern noch keinen Grund zur Panik: Seit mehr als fünf Tagen jedoch liegen sie so hoch wie seit Anfang März nicht mehr, am Dienstag waren es zuletzt 246 Neuinfektionen. Doch wer die beengten Wohnverhältnisse in Südkoreas Hauptstadt kennt, kann die Nervosität der Behörden nachvollziehen. Zumal Monate voll harter epidemiologischer Maßnahmen nun innerhalb weniger Tage zunichte gemacht wurden. „Wir erwarten hohe Infektionszahlen für die nächste Zeit. Die Situation ist ernst“, sagte Präsident Moon Jae-in am Sonntag.

Vor allem hätte die Situation verhindert werden können: Die erste Corona-Welle hatte sich nämlich Ende Februar ebenfalls in Gotteshäusern ausgebreitet, damals innerhalb der Shincheonji-Sekte. Damals soll der 88-jährige Gründer Lee Man-hee – mittlerweile in Haft – seinen Anhängern angeordnet haben, nicht mit den Behörden zu kooperieren. Mehr als 5000 Infektionen gingen auf die Sekte zurück. Zu jenem Zeitpunkt war Südkorea das nach China am zweitschwersten vom Virus betroffene Land.

In Südkorea rufen christliche Gemeinden nach wie vor zu Großdemonstrationen auf

Einige christliche Gemeinden haben noch immer nicht aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Trotz mehrfacher Bitten des Präsidenten rufen sie weiterhin zu Großdemonstrationen auf. Sie lassen ihre Gemeindemitglieder ohne die vorgesehenen Abstandsregeln und Masken zusammen Gottesdienst feiern, gemeinsam singen und Mahlzeiten einnehmen. Auch bei der Suche nach neuen Infizierten blockieren die christlichen Covid-Leugner die Arbeit der Behörden: Laut Angaben der Polizei in Seoul wurde zwar bereits mehr als die Hälfte der 4000 Gemeindemitglieder der „Sarang Jeil“-Kirche auf das Virus getestet. Doch zumindest 800 Kirchgänger seien derzeit untergetaucht und unauffindbar.

Corona-Infektionsrate in Südkorea

In Südkorea kann sich kein Präsident leisten, die christliche Wählerbasis zu verschrecken

Bislang jedoch haben die Gemeinden für ihren Widerstand wenig Konsequenzen fürchten müssen. Das hat vor allem einen Grund: Die Megakirchen Südkoreas mit teilweise mehreren Zehntausenden Anhängern üben vor allem in konservativen Kreisen einen immensen politischen Einfluss aus. Die christliche Wählerbasis zu verschrecken, kann sich kein Präsident erlauben.

Nun jedoch richte sich das fahrlässige Verhalten einer einzelnen Gruppe gegen das Wohl der Allgemeinheit, sagte Premierminister Chung Se-kyung am Dienstag vor der Presse. Die Fußballstadien, deren Zuschauerränge bereits zu 30 Prozent besetzt werden durften, werden wieder für das Publikum gesperrt. Schulklassen müssen ihre Klassengröße mindern und notfalls auf Onlinelernen ausweichen. Und vor allem: Kirchen dürfen Gottesdienste nur streng ohne Körperkontakt abhalten.

Ob sich jedoch auch alle Gemeinden daran halten werden, darf stark bezweifelt werden. Von Fabian Kretschmer Nordkorea kämpft gegen Hungersnot: Kim Jong-un nutzt Corona-Fall für Propaganda

Rubriklistenbild: © Lee Ji-Eun/Yonhap/dpa

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