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Zu kritisch: Die feministische Punkband Pussy Riot im Gerichtssaal.

Pussy Riot

Vorhang auf für die Staatsperformance

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Vorletzter Akt im Pussy-Riot-Prozess: Die angeklagten Feministinnen halten ihr Schlusswort, das Urteil wird in einer Woche verkündet. Das Publikum beklatscht die Aktivistinnen.

Wenn der Prozess gegen die Feministinnen der Gruppe Pussy Riot irgendwelchen Gesetzen folgt, dann sind es nicht die des Strafrechts, sondern die der Kunst. Die drei jungen Aktionskünstlerinnen, die wegen „Rowdytums“ angeklagt sind, haben mit ihrer Performance in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale eine Gegen-Performance des russischen Staates ausgelöst. Und dieses Spektakel wird das Land so schnell nicht vergessen.

Am Mittwoch ist die Bühne des Gerichts vorbereitet für den vorläufigen Höhepunkt der Aufführung. Links steht der Glaskasten, in dem die Angeklagten wie im Aquarium sitzen; an der kleinen Öffnung zum Saal hängen drei Paar Handschellen. Gleich vor die Glasscheibe haben sich fünf Polizistinnen gestellt, damit auch ja kein ungestörtes Gespräch mit den Verteidigern stattfinden kann. Rechts sitzt der blonde junge Staatsanwalt, der am Vortag drei Jahre Haft gefordert hat – drei Jahre für das Singen eines Protestsongs von mutmaßlich 40 Sekunden Länge gegen Russlands Präsident Wladimir Putin.

Hinten links döst der Rottweiler der Gerichtsdiener, der immer wieder die Verteidigung angebellt hat. Er ist ein steter Quell der Angst für alle Näherstehenden und zugleich ein blendender Einfall der Regie – ebenso wie die Tür hinten rechts, auf der in großen Buchstaben der Name „Danilkin“ steht. Sie führt in das Zimmer des Gerichtsvorsitzenden, der einst in eben diesem Saal den Öl-Milliardär Michail Chodorkowski verurteilt hat, in einem ebenfalls spektakulären, skandalösen, absurden Prozess.

Der Vorhang geht an diesem Tag auf zum vorletzten Akt: Dem Schlusswort der Angeklagten. Es spricht als erste Nadeschda Tolokonnikowa, hochgewachsen und schlank, mit einem „No pasaran!“-T-Shirt und gewollt fester Stimme. Während sie redet, ragt ihr handgeschriebenes Manuskript weit aus der Luke hervor, neben der die Handschellen baumeln.

Anklage mit steinernem Blick

Es steckt viel in dem Manuskript und auch viel in Frau Tolokonnikowas Kopf, wenn es auch sehr ungeordnet wirkt – aber was soll man erwarten bei einem Prozess, der für die Angeklagten Schlafentzug bedeutete? Sie wurden früh um fünf geweckt, um nach mehreren Stunden Fahrt und zwei Leibesvisitationen im Gericht zu sitzen, dessen Verhandlungen ohne richtige Essenspause bis abends um zehn Uhr dauerten. Wenn sie zurück im Untersuchungsgefängnis waren und sich auf den nächsten Verhandlungstag vorbereiteten statt zu schlafen, war das Licht ausgeschaltet. Chodorkowski hat den schweren Häftlings-Alltag jüngst aus eigener Erfahrung beschrieben.

Die Philosophiestudentin Tolokonnikowa schlägt einen hohen Ton an. Der Mensch ist unvollkommen, sagt sie, er sucht die Weisheit und hat sie nicht, lasst uns gemeinsam Philosophen sein! Sie zitiert den Dissidenten Alexander Solschenizyn und sie verweist darauf, dass der Vorwurf der Gotteslästerung oder Kirchenfeindschaft auch in den Prozessen gegen Sokrates, Christus und Dostojewski fiel.

Steinern schaut die Anklage; vielleicht versucht sie die Dissidentin Tolokonnikowa gerade vergeblich vor dem inneren Auge mit Solschenizyn zur Deckung zu bringen – oder auch nur mit Tolokonnikowa, der Skandalkünstlerin; mit der Frau zum Beispiel, die nackt mit ihrem Mann im Biologie-Museum Sex hatte, vor einem Transparent mit der Aufschrift „Fick’ für einen Nachfolger des Bärchens!“. Mit dem Bärchen war Präsident Dmitri Medwedew gemeint, der da gerade Nachfolger Putins geworden war.

Publikum applaudiert

Die Wahrheit wird siegen, sagt Tolokonnikowa, weil sie immer über die Lüge siegt; und als Beleg führt die Angeklagte Madonna an, die am Vorabend in Moskau ihr großes Konzert hatte. Die Musikerin, die sich wie die Gottesmutter nennt und gern mit christlicher Symbolik spielt, hatte von der Bühne aus die Pussy-Riot-Frauen verteidigt, zum Jubel der Besucher. Dann stülpte sie sich eine Sturmhaube über, das Markenzeichen der Truppe, und entblößte ihren Rücken. „Pussy Riot“ stand auf darauf.

Es tritt als nächstes die Angeklagte Maria Aljochina auf, jung und blond und engelhaft. Ihre Rede ist klar und klug. Das Gefängnis, sagt sie, ist ein Abbild Russlands: Alles wird oben entschieden, Eigeninitiative unterdrückt. Sie zitiert aus dem berühmten Prozess gegen den Dichter Joseph Brodski 1964: Von „sogenannten Gedichten“ sprach damals der sowjetische Staatsanwalt, gelesen wurden sie nicht. So wird auch unsere Protestkunst nicht als solche betrachtet, sagt Aljochina. Unsere Bitte um Entschuldigung, die wir vorgetragen haben, hat man als „sogenannte Entschuldigung“ abgetan. Aljochina nennt auch diesen Prozess einen „sogenannten“, sie habe nichts zu fürchten: „Denn nehmen kann man mir nur die sogenannte Freiheit, nicht die wahre, innere“.

Ihre Rede wird vom Publikum mit Klatschen begrüßt, genau wie die Rede von Tolokonnikowa zuvor und die von Jekaterina Samuzewitsch danach. „Wir sind hier nicht im Theater!“, ruft die Richterin, aber das Publikum ist anderer Meinung. Auch der Einspruch der Gerichtsdiener hilft nicht, dabei hatten die zuvor jedes Lächeln unterbunden. Aber ihr überaus grobes Vorgehen ist an Grenzen gestoßen, nachdem sich die Journalisten in einem gemeinsamen Brief beschwert hatten.

Prozess schreibt Geschichte

Die Richterin Marina Syrowa verkündet den Urteilstermin: Freitagnachmittag kommender Woche. Dann werden die Angeklagten aus dem Saal geführt. Das Publikum klatscht. Die Frauen lächeln. Der Rottweiler bellt.

Draußen vor dem Gerichtsgebäude spricht Violetta Wolkowa in einen Wald von Mikrofonen. Wolkowa ist eine Frau von massiver Gestalt und noch massiverer Ausdruckskraft. Als die fromme Anwältin der Nebenklage behauptet hatte, die Angeklagten hätten jenen heiligen Nagel missachtet, der in Christi Kreuz steckte und heute im Altar der Christ-Erlöser-Kathedrale aufbewahrt werde, da hatte sie gekontert: Diesen Nagel haben Sie durch Russlands Verfassung getrieben. Jetzt spricht Wolkowa davon, dass dieser Prozess in die russische Geschichte eingehen werde. „Nie mehr wird sich die Staatsmacht reinwaschen können“, sagt sie. Ihr Kollege Mark Fejgin preist die Angeklagten dafür, dass sie sich keine Reue hätten abzwingen lassen.

Dabei hatte der Prozess mit einer Entschuldigung Tolokonnikowas begonnen. „Wir hatten die Hand ausgestreckt, aber man hat in sie hineingespuckt“, sagte sie in ihrem Schlusswort. Nun wird draußen vor dem Gericht erst recht ein kämpferischer Ton angeschlagen. Am 17. August soll eine internationale Aktion für Pussy Riot stattfinden; genau dann, wenn die russische Justiz den Vorhang für den letzten Akt des Spektakels aufziehen wird.

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