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Ein Rabbi nimmt am Donnerstag in Nir Etzion an einem Gebet für Ariel Scharon teil. Unterdessen hat die Suche nach einem politischen Erben für Scharon begonnen.

Vorerst regiert der Stellvertreter

Ehud Olmert gilt aber im Vergleich zu Scharon als farblos

Von FABIAN LÖHE

Einst war er einer seiner Konkurrenten, jetzt führt Ehud Olmert für den schwerkranken Ministerpräsidenten Ariel Scharon als sein Vize die Regierungsgeschäfte. Der 60-Jährige ist Scharons rechte Hand, steht für politische Kontinuität und ist zusammen mit ihm vor kurzem aus dem rechtsgerichteten Likud-Block ausgetreten und Mitglied der Neugründung Kadima (Vorwärts) geworden. Er gilt als Politiker, der auf internationaler Bühne eine gute Figur abgeben kann. Im Vergleich zu Scharon wirkt er aber farblos.

1973 wurde Olmert erstmals ins Parlament gewählt und übernahm in mehreren Regierungen Ministerämter. Von 1993 bis 2003 war er Bürgermeister von Jerusalem. Eine vernichtende Niederlage musste Olmert 1999 einstecken, als er gegen Scharon um den Likud-Vorsitz kandidierte. Dennoch entstand aus dem Konkurrenzkampf eine neue politische Allianz zwischen den beiden. 2003 trat Olmert als Bürgermeister zurück und übernahm in der Regierung Scharons zunächst das Amt des Handelsminister, bevor er 2005 nach dem Rücktritt von Benjamin Netanyahu Finanzminister wurde. Netanyahu war aus Protest gegen den Gaza-Abzug zurückgetreten.

Vom Falken zur Taube

Da hatte sich Olmert bereits von einem rechtsorientierten Ideologen des Traums von Groß-Israel zum Pragmatiker entwickelt, der für die Gründung eines Palästinenserstaates auf einem Großteil des Westjordanlands und Gazastreifens eintritt. Am Ende dieser Wandlung vom Falken zur Taube versuchte er, den parteiinternen Aufstand gegen Scharon unter Kontrolle zu halten, der sich gegen dessen Gaza-Rückzugs-Pläne richtete. Letztlich trat Scharon dennoch aus und gründete mit Olmerts Unterstützung Kadima. Olmert ist Verfechter der so genannten Roadmap, die eine Zweistaatenlösung vorsieht. Nun heißt es, er vertrete den Palästinensern gegenüber eine weniger harte Linie als Scharon. Olmerts Gegner werfen ihm Opportunismus vor und bezweifeln, dass er die auf Scharon zugeschnittene Kadima führen kann.

Vor Scharons Schlaganfall galt der neue Vorsitzende der Arbeitspartei, Amir Peretz, als dessen gefährlichster Herausforderer. Zwar musste sich der 53-jährige linke Gewerkschaftsführer zunächst wegen seines Schnauzbartes mit Stalin vergleichen lassen und wurde als "Großmaul" bezeichnet. Auch über das holprige Englisch des marokkanischen Einwanderersohns waren die Genossen "not amused". Doch genau diese Herkunft ist es, die dem Held der Deklassierten vor allem unter Arbeitern und Geringverdienern Sympathie einbringt. Seitdem er die Zügel bei der zweitstärksten Kraft im israelischen Parlament in der Hand hält, verzeichnet die Partei auch wieder Neuzugänge.

Nun wird Peretz mit Olmert um enttäuschte Likud-Wähler buhlen. In den Brennpunkten am Rand der Städte dürfte Peretz vorn liegen. Dort leben viele orientalische Juden, die wie Peretz wissen, was es heißt, in einem Lager für Einwanderer aufgewachsen zu sein und jeden Schekel zählen zu müssen. Im Konflikt mit den Palästinensern setzt auch Peretz auf die Roadmap, so dass eine Koalition zwischen Kadima und Arbeitspartei wahrscheinlich bleibt.

Der Außenseiter Peretz hatte den Elder Statesman Schimon Peres als Arbeitspartei-Chef abgelöst. Der bewies damit einmal mehr, dass er in Umfragen zwar glänzend abschneiden kann, am Ende aber doch wieder mit dem Stigma des notorischen Verlierers aus dem Rennen gehen muss. Gelockt durch das Versprechen eines höheren Kabinettspostens wechselte der 82-jährige Politikveteran zur Kadima seines Männerfreundes Scharon - trotz politischer Unterschiede.

In der neuen Partei wird es der Ewige Zweite jedoch trotz internationaler Wertschätzung und Friedensnobelpreis schwer haben, sich gegen Olmert durchzusetzen. Peres wurde von Yitzhak Rabin dreimal in Wahlen zu politischen Ämtern geschlagen, aber zweimal dessen Nachfolger als Premier - zuletzt 1995 nach dem Attentat auf Rabin. Peres gilt, vielleicht noch mehr als Rabin, als der Architekt des Friedensvertrags von Oslo. Er gehört zwar noch als einer der ganz wenigen Politiker in Israel der Generation der Staatsgründer an. Einigen Kadima-Mitgliedern ist Peres aber nicht konservativ genug.

Likud als Volkspartei am Ende

Derweil kann die bislang stärkste Kraft, der Likud, den Beinamen "Volkspartei" bei den kommenden Wahlen wohl vergessen. Seitdem sich Scharon am 21. November von den ideologischen Betonköpfen getrennt hatte, ist die Partei auf dem absteigenden Ast. Gerade mal 13 Prozent sagen ihr Umfragen voraus. Den Vorsitz in der "kleinen, zerbröckelnden, extremistischen Partei" (Yedioth Achronoth) hat jetzt ausgerechnet Scharons Erzrivale Netanyahu inne. Der inszenierte sich als Abzugsgegner und bezeichnete die Übergabe des Gazastreifens an die Palästinenser als "Belohnung für Terror".

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