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"Vor Ihnen steht ein dankbarer Joachim Gauck"

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Von: Holger Schmale

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Gauck - alles andere als "allein zuhaus'": Der Bundespräsident wird in Rostock umringt von Bürgern seiner Geburtstadt.
Gauck - alles andere als "allein zuhaus'": Der Bundespräsident wird in Rostock umringt von Bürgern seiner Geburtstadt. © dpa

Joachim Gauck ist wieder Rostocker: Seine Heimatstadt hat den Bundespräsidenten zum Ehrenbürger gemacht. Gauck zeigt sich tief gerührt - und Rostock ist froh, nach den Negativ-Schlagzeilen um Ruderin Drygalla und ihren Nazifreund wieder positive Assoziationen zu wecken.

Eigentlich ist Joachim Gauck noch im Urlaub. Doch das gilt für einen Bundespräsidenten nur bedingt. Zwei Mal musste er ihn schon unterbrechen, für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London und für ein Jugendfestival in Küstrin.

An diesem Donnerstag stand die nächste Unterbrechung an, eine, die ihn mehr bewegt haben dürfte. In der Rostocker Marienkirche verlieh ihm seine Geburtsstadt die Ehrenbürgerwürde. In seiner Dankesrede wandte sich Gauck an Weggefährten, Freunde und Einwohner: „Indem ich geehrt werde, werden auch Sie mitgeehrt. Ich könnte hier nicht stehen ohne Sie.“ Seine tiefe Rührung drückte er mit dem Satz aus: „Vor Ihnen steht ein dankbarer Joachim Gauck.“ Es gab minutenlangen Applaus für Gauck, einige Gäste standen auf. Der Geehrte strahlte und winkte den Menschen zu.

Gauck nutzte seine Dankesrede, um für mehr Mut zur Demokratie zu werben. Der Bundespräsident wandte sich besonders an die jungen Menschen: „Traut euch zu, ein Bürger zu sein!“ Mit Blick auf die Wende sagte Gauck: „Wir wissen, wie man Drachen erlegt. Ohne Angst der Vielen keine Macht der Drachen.“ Die Demokratie sei „nie am Ziel“, sagte Gauck. Sie müsse sich immer wieder verändern. „Wir lieben sie, weil sie uns den Raum gibt, wir selbst zu sein“, sagte er in der Marienkirche.

Ehrenbürgerwürde für Gauck umstritten

Es ist die Kirche, in der er als Pfarrer in der DDR zuweilen gepredigt hat, auch in den Wendemonaten des Herbstes 1989. Genau diese Assoziation aber gefällt manchen Rostockern nicht. Eine Umfrage der Ostseezeitung hatte eine Mehrheit von fast 60 Prozent gegen diese Ehrung erbracht. Man könne den Eindruck gewinnen, Gauck habe zu den führenden Köpfen der Oppositionsbewegung gehört, zitiert das Blatt einen Bürger, der weiter sagt: „Herr Gauck hat es nur exzellent verstanden, sich ins Rampenlicht zu setzen.“

Das ist Kritik aus der einstigen Bürgerbewegung. Aber auch jenen, deren Vorgängerpartei vor 23 Jahren auf der anderen Seite stand, passt die Ehre für den einstiger Chef der Stasi-Unterlagenbehörde nicht. „Wir fragen uns, welchen bleibenden Mehrwert Herr Gauck für Rostock hinterlassen hat“, sagt die Fraktionschefin der Linken in der Bürgerschaft, Eva Maria Kröger. Ihre Fraktion hat dagegen gestimmt.

Dabei gibt es im Mehrheitsbeschluss über die Verleihung der Auszeichnung eine deutliche Antwort: „Zweifellos zählt Joachim Gauck zu den Persönlichkeiten, die dazu beitragen, die Hansestadt Rostock positiv zu assoziieren, so dass es auch im Interesse der Stadt liegt, diese Wirkung zu betonen.“

Positive Assoziationen kann Rostock gerade jetzt gut gebrauchen. Da ist die Rostocker Ruderin Nadja Drygalla, die mit ihrem Nazifreund unangenehm aufgefallen ist. Und da ist die Erinnerung an das unheilvolle Geschehen, das sich vor 20?Jahren im Rostocker Stadtviertel Lichtenhagen abgespielt hat. Damals griffen Hunderte Rechtsextremisten unter dem Beifall tausender Bürger mehrere Tage lang ein als Ausländerunterkunft dienendes Hochhaus an. Es waren die massivsten rassistischen Übergriffe in Deutschland seit der Nazizeit.

Joachim Gauck wird deshalb schon bald wieder in Rostock sein. Am 26. August hält er die Rede bei der Gedenkveranstaltung im Lichtenhagener Sonnenblumenhaus, dem damaligen Ort des Schreckens. „Ich will dort ein Zeichen setzen für ein friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft. Im Angesicht der Untaten dieser NSU-Verbrecher ist es wichtig, dass aus der Mitte unserer Gesellschaft ein klares Signal gesetzt wird: Wir lassen euch nicht gewähren“, sagte Gauck in einem Interview den Norddeutschen Neuesten Nachrichten. (mit dapd)

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