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Vor der nächsten Flut

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Von: Joachim Wille

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Auch die Nepomuk-Brücke in Rech konnte Wassermassen und Treibgut nicht standhalten.
Auch die Nepomuk-Brücke in Rech konnte Wassermassen und Treibgut nicht standhalten. © IMAGO IMAGES

Katastrophen wie das Hochwasser im Ahrtal werden Fachleuten zufolge wahrscheinlicher.

Frankfurt – Das extreme Hochwasser, das vor einem Jahr unter anderem Regionen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verwüstete, zählt zu den fünf schwersten und teuersten Naturkatastrophen der vergangenen 50 Jahre in Europa. Mehr als 180 Menschen starben, weit mehr als 10.000 Gebäude wurden beschädigt, viele Straßen, Brücken und Bahnstrecken zerstört, ebenso Strom- und Wasserversorgungsnetze. Der Gesamtschaden in Deutschland wird auf 32 Milliarden Euro geschätzt. Das zeigt: Besserer ökologischer Hochwasserschutz ist nötig, denn die Zahl von Hochwasser-Ereignissen in Westeuropa und ihre Intensität wird steigen, wie Forschungen zeigen.

Das Tiefdruckgebiet „Bernd“ zog am 14. und 15. Juli 2021 über die Regionen im Westen. Im Ahrtal in Rheinland-Pfalz und an der Erft in Nordrhein-Westfalen fielen binnen 24 Stunden 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter – wobei der Großteil der Wassermassen in einem kurzen Zeitfenster von zehn bis 18 Stunden herunterkam. Bereits in früheren Jahrhunderten hat es zumindest an der Ahr ähnlich starke Niederschläge und Wasserabflussmangen geben, so bei den historischen Hochwasserereignissen 1804 und 1910. Trotzdem waren die Pegelstände 2021 in mehreren Orten deutlich höher, die Schäden dadurch größer. Mehrere Faktoren kamen zusammen: Das Flusstal ist stärker bebaut, Böden haben ihre Schwammfunktion teils verloren und das Material, das durch ein Hochwasser mittransportiert wird, hat sich erheblich verändert.

Intensiv haben sich Forschungsteams des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) mit der Ahrtal-Katastrophe befasst. Grundsätzlich muss danach wegen des Klimawandels mit stärkeren Niederschlägen gerechnet werden. „Die Intensität solcher Niederschlagsereignisse nimmt um circa sieben Prozent pro Grad Erwärmung zu“, erläutert KIT-Experte Patrick Ludwig. Gegenüber vorindustriellen Bedingungen habe sich die Niederschlagsmenge bereits um elf Prozent erhöht. „Bei fortschreitender globaler Erwärmung müssen wir also von einer weiteren Verstärkung des Niederschlags ausgehen.“ Hinzu kommt laut den am KIT durchgeführten Projektionen: Solche Extremereignisse dehnen sich sowohl räumlich als auch zeitlich aus, und ihre Häufigkeit nimmt zu. Die Erdatmosphäre hat sich im globalen Schnitt bereits um rund 1,2 Grad erwärmt, und derzeit befindet die Welt sich laut dem UN-Klimarat IPCC auf einem Pfad zu drei Grad oder mehr bis 2100.

Flutkatastrophe 2021: Deutschland muss mit mehr Extremen an den Flüssen rechnen

Dass in Deutschland mit mehr Extremen an den Flüssen gerechnet werden muss, zeigt auch ein weiteres, internationales Forschungsprojekt. Danach hat die Häufigkeit von Hochwassern in Westeuropa bereits spürbar zugenommen. Vor allem Mittel- und Nordwesteuropa befänden sich in einer „hochwasserreichen Periode, und es sieht nicht so aus, als ob sie aufhören würde“, sagt der renommierte Hydrologe Günter Blöschl von der TU Wien, dessen Team zusammen mit Instituten aus Deutschland und der Schweiz Daten dafür aus den vergangenen 500 Jahren ausgewertet hat.

Nach diesen Erkenntnissen ist der Effekt, dass die Atmosphäre mehr Wasser aufnimmt, das dann wieder abregnet, zwar real; der Einfluss dessen auf die regionalen Hochwasser aber gering. Diese nähmen etwa in Deutschland oder Großbritannien zu, weil sich die Zugbahnen der Wettersysteme, die Hochwasser auslösen, weiter in den Norden verschoben haben. „Es ist eine globale Änderung der Zirkulationsmuster, die den Unterschied macht“, sagt Blöschl, und diese sei zu einem gewissen Grad durch den Klimawandel bedingt.

Flutkatastrophe 2021 habe gezeigt, wie wichtig Vorbereitung ist, so die Fachleute

Die Karlsruher Fachleute betonen unterdessen: Das schwere Hochwasser im Juli 2021 habe gezeigt, wie wichtig es ist, auf derartige Ereignisse vorbereitet zu sein und angemessen zu reagieren. Sie weisen in diesem Zusammenhang übrigens auf einen Aspekt hin, der bisher noch kaum beachtet wurde. „Wir haben gesehen, dass sich die Art des Geschiebes – also Material, das durch ein Fließgewässer mittransportiert wird – erheblich verändert hat“, sagt Susanna Mohr, die Geschäftsführerin des „Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology“ am KIT. Nicht nur weggespülte Sedimente und Totholz hätten sich an den Brücken im Ahrtal gestaut, sondern viele menschengemachte Dinge wie Autos, Wohnwagen, Mülltonnen oder Baumaterialien. Das habe zu zusätzlichen Engpässen geführt und die Auswirkungen des Hochwassers weiter verschärft, so Mohr.

Nik Geiler vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz betont ebenfalls dieses Problem: Die großen Mengen Treibgut hätten dazu geführt, dass die Brücken dem gewaltigen Druck nicht mehr standhalten konnten, die „Verklausungen“ seien dann explosionsartig gebrochen. „Im Ahrtal wurden auf diese Weise von 170 Brücken 60 Prozent beschädigt oder völlig zerstört“, sagt er. Nun würden in den Hochwasserregionen vielerorts die Brücken wieder wie vorher aufgebaut. Geiler: „Mit der Falschdimensionierung der Brücken ist die nächste Hochwasserkatastrophe programmiert.“ (Joachim Wille)

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