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Seit exakt zehn Jahren ist der springende Conrad Schumann an einer Hauswand der Ecke Bernauer Straße / Ruppiner Straße in Berlin zu sehen. Der Abschnitt der Gedenkstätte Berliner Mauer wurde Mitte August 2011 eröffnet. imago images
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Seit exakt zehn Jahren ist der springende Conrad Schumann an einer Hauswand der Ecke Bernauer Straße / Ruppiner Straße in Berlin zu sehen. Der Abschnitt der Gedenkstätte Berliner Mauer wurde Mitte August 2011 eröffnet. imago images

Bild des Tages

Vor 60 Jahren: Conrad Schumann springt über den Grenzzaun der DDR

  • Jakob Maurer
    VonJakob Maurer
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Noch bevor die Mauer in Berlin wirklich stand, hielt ein junger Fotograf 1961 den Moment fest, der zum Sinnbild wurde für den Drang nach Freiheit

Als Deutschland auseinanderbricht, hält Peter Leibing die Zeit an. Zwar nimmt die Geschichte trotzdem ihren Lauf – doch der Moment wird zum Symbol.

Die Zeit: Im August vor 60 Jahren zementiert die SED-Führung die Teilung in Ost und West: Sie lässt das Pflaster Berlins aufreißen und Stacheldraht ausrollen. In der Nacht vom 17. zum 18. August karren Laster Hohlblocksteine an. Maurer setzen sie aufeinander, klatschen Mörtel in die Fugen, klemmen Eisenstangen dazwischen und klopfen mit dem Hammer Reihe für Reihe eine Wand auf den Berliner Boden. Schon am 13. August wird der Befehl zur Abriegelung Ost-Berlins erteilt. Die ersten Stacheldrahtrollen reichen jedoch nur kniehoch über die Straßen. Ein Hindernis, gerade niedrig genug für Leibings Momentaufnahme: Zwei Tage später, am 15. August, hält der junge Fotograf aus Hamburg den Augenblick fest, der zum Sinnbild wird für eine Bevölkerung, die sich mit dem Gefängnis DDR nicht abfinden will – und die Flucht ergreift.

Der Ort: Eine der neuen Bruchlinien Berlins verläuft an der Bernauer Straße im Stadtteil Wedding. Für die Dokumentation „Bernauer Straße 1-50 oder Als uns die Haustür zugenagelt wurde“ hat der Filmemacher Hans-Dieter Grabe 1981 mit Anwohnerinnen und Anwohnern von damals gesprochen, die ebendort Aufbrüche und Abschiede durchlebten.

Das Motiv: Auch ein Mann um die 40 nuschelt Erinnerungen an sein Erlebnis aus diesen Tagen in Grabes Kamera. Es ist der damals 19 Jahre alte DDR-Grenzpolizist Conrad Schumann, der am Nachmittag des 15. August am Stacheldraht steht und ihn immer wieder nach unten drückt, mit Schutzhelm auf dem Kopf, Maschinenpistole um die Schulter und einer Zigarette nach der anderen in den Fingern. „Etliche Jugendliche [sind] vorbeigegangen, die sind dann von der West-Berliner Polizei weggenommen worden, die sollen zurückgehen, die sollen nicht stören da vorne, also dass nichts passiert, nicht? Denen habe ich es aber schon zugerufen gehabt, einmal habe ich es gesagt, also: ‚Ich möcht’ fliehen‘“, sagt Schumann und weicht dem Blick der Kamera aus. Die Augen gehen erst nach unten, dann zur Seite.

Der Sprung: „Ich möcht’ fliehen“, drei Worte bringen laut Schumann die Geschichte ins Rollen. Nicht nur die Jugendlichen und die Polizei, die wenig später mit einem Wagen rückwärts angefahren kommt, wird auf den rauchenden Soldaten aufmerksam. Auch Fotografen wie Peter Leibing, auch 19 Jahre jung, wittert den großen Moment. Für die Fotoagentur Contipress war Leibing aus Hamburg nach Berlin geschickt worden. Beim Springreiten soll er seinen Finger am Auslöser auf den einen Moment über dem Hindernis trainiert haben. Gegen 16 Uhr ist es soweit: „Und in dem Moment bin ich losgelaufen und gesprungen und war in Westberlin.“ Leibing drückt ab, ein Kollege links vor ihm filmt: Als Deutschland auseinanderbricht, hält Leibing die Zeit an – schon am nächsten Tag geht das Bild um die Welt und in die Geschichte ein.

Der Grund: 1981 sagt Schumann: „Ich bin ja freiwillig, von mir aus, habe ich das vorgehabt, dass ich den Staat verlasse, weil er mir nicht zugesagt hat mehr. Den politischen Sinn, den Weg, was sie durch den Mauerbau eingeschlagen haben, das hat mir einfach nicht mehr gefallen. Das war nicht richtig.“ Grabe setzt an: „Also der Mauerbau war …“ und sein Frageansatz wird von Schumann unmittelbar beantwortet: „… der auslösende Punkt für den Schritt, den ich da gemacht habe.“

Die Folgen: Conrad Schumann ist der erste DDR-Grenzpolizist, der in den Westen flüchtet. Mehr als 2500 Grenzpolizisten und NVA-Soldaten desertieren zwischen Mauerbau und Mauerfall aus der DDR. Leibings Foto „Sprung in die Freiheit“ wird noch im selben Jahr vom New Yorker Overseas Press Club als „Best Photograph“ ausgezeichnet. Jakob Maurer

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