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Vor einem Treffen mit Rechtspräsident Duque im November: Rodrigo Granda, ehemaliger Farc-Führer, heute Mitglied der Farc-Partei.  afp
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Vor einem Treffen mit Rechtspräsident Duque im November: Rodrigo Granda, ehemaliger Farc-Führer, heute Mitglied der Farc-Partei.

Kolumbien

Von wegen Frieden

Das historische Abkommen zwischen Kolumbien und den Farc steht kurz vor dem Scheitern. Die Gewalt im Land ist nach wie vor präsent, der Schutz der Menschen bleibt ein leeres Versprechen

Das neue Jahr war kaum zwei Tage alt, da war bereits der zweite ehemalige Farc-Rebell ermordet. Sein Mörder passte Duván Arled Galíndez am 2. Januar in einem Restaurant in der Ortschaft Cartagena del Chairá im Departement Caquetá ab und richtete den 34-jährigen demobilisierten Guerillero mit Schüssen in den Kopf, den Hals und die Brust regelrecht hin.

Caquetá, im Süden Kolumbiens gelegen, war einst ein Zentrum des über 50-jährigen Bürgerkriegs und Hochburg der „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc). Heute gibt hier die sogenannte Farc-Dissidenz den Ton an, die immer größer werdende Truppe, die sich aus ehemaligen und vom Frieden enttäuschten Ex-Rebell:innen speist, der sich aber auch zunehmend jede Art von Kriminellen und „Pistoleros“, also Revolverhelden, anschließt. Am 1. Januar war bereits Yolanda Zabala, auch eine ehemalige Farc-Kämpferin, im nördlichen Departement Antioquia zuhause, von Unbekannten ermordet worden.

Wie Zabala und Galíndez sind gut 250 ehemalige Rebell:innen Opfer von Gewalttaten geworden, seit die Regierung des damaligen Präsidenten Juan Manuel Santos und die Farc im November 2016 das historische Friedensabkommen unterzeichnet haben.

Zu Beginn von 2021 steht dieser Prozess stärker denn je unter Beschuss und ist nahe am Scheitern. Die zur Partei „Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común“ umgewandelte Farc beklagt „einen Genozid“ gegen ihre ehemaligen Kämpfer. Jede Woche gebe es ein oder zwei Morde gegen die „Reincorporados“, die Wiedereingegliederten, ohne dass der Staat reagiere, kritisiert Victoria Sandino, die als Senatorin für die Farc im Kongress sitzt. „Wir fordern die vollständige Umsetzung des Friedensabkommens“, unterstreicht Sandino.

Die früheren Kampfteilnehmer:innen werden zumeist getötet, weil sie sich nicht der Dissidenz anschließen wollen. Manchmal sind aber auch offene Rechnungen oder einfach der Hass auf die ehemaligen Rebellinnen und Rebellen Grund der Morde. Das vergangene sei trotz Pandemie schon eines der gewaltsamsten Jahre Kolumbiens gewesen, sagt Ariel Ávila, Vize-Direktor der Stiftung „Pares“, (Frieden und Aussöhnung). „Und 2021 wird anscheinend noch schlimmer.“

Zumal die Regierung von Rechtspräsident Iván Duque offensichtlich kein Interesse an der Umsetzung des Friedensabkommens hat. Sie bleibt Versprechen daraus wie Bildungsangebote, Agrarreform oder die Unterstützung der Rebellen bei ihrer Suche nach einem alternativen Lebensunterhalt schuldig oder verzögert sie. Der Staat schützt die ehemals Rebellischen vor ausufernder Gewalt ebenso wenig wie Angehörige anderer Gruppen - Menschenrechts- und Minderheiten-Vertretungen, Gewerkschaften und Umweltschutz-Organisationen. Teile der Opposition beschuldigen die Regierung sogar, mit den ultrarechten paramilitärischen Gruppen verbunden zu sein, die für einen Teil der Gewalttaten verantwortlich sind.

Das Abkommen zwischen der ältesten und größten Gruppe Aufständischer in Südamerika und dem kolumbianischen Staat wurde vor gut vier Jahren global gefeiert, Präsident Juan Manuel Santos erhielt dafür den Friedensnobelpreis. Von den 13 000 Männern und Frauen, die damals die Waffen niederlegten, sind über 80 Prozent im Programm geblieben und versuchen, sich ein Leben als Bauern, Kaffeepflanzer, Touristenführer oder in anderen Berufen aufzubauen.

Aber so richtig es ist, dass Kolumbien seither sicherer geworden ist, so richtig ist es auch, dass das Hauptversprechen aus dem Abkommen ausgeblieben ist. Der kolumbianische Frieden ist überaus blutig. Nicht nur wegen der ermordeten 251 Rebellen, die längst die Waffen abgegeben hatten. Sondern auch deshalb, weil sich die Gewalt verändert, verschoben und atomisiert hat. Es gebe zwar keinen Krieg „nationaler Tragweite“ mehr, wie er bis 2016 mehr als ein halbes Jahrhundert gewütet habe, schreibt die „Stiftung Ideen für den Frieden“ (FIP) in einer Bestandsaufnahme. Aber inzwischen gebe es viele lokale und regionale Konflikte in rund zwei Drittel der 32 Departements des Landes. Treiber dieser kleinen Kriege mit niedriger Intensität seien „Kämpfe um die Vorherrschaft über Zweige der illegalen Ökonomie“. Anders als früher gehe es dabei schon lange nicht mehr um Ideologie, sondern ausschließlich um Macht und Profit, befindet die FIP.

Das Vakuum, das die Farc nach Demobilisierung und Abzug aus ihren riesigen Einflusszonen seinerzeit hinterließ, hat nicht wie versprochen der Staat gefüllt, sondern andere illegale Gruppen wie die kleine Linksguerilla ELN („Nationales Befreiungsheer“), ultrarechte Paramilitärs oder Drogenkartelle. Insgesamt kämpft mindestens ein Dutzend bewaffneter Gruppen in dem südamerikanischen Land um Routen und Reviere für Rauschgift und andere Waren. Hinzu kommen eben die vom Friedensprozess enttäuschten ehemaligen Aufständischen, die als Farc-Dissidenz erneut zu den Waffen greifen. Die Zahl der Kämpfenden aus diesen Reihen belief sich Mitte vergangenen Jahres auf fast 5000. Seither dürften es noch mehr geworden sein.

Stark zeigt sich das im südwestlichen Departement Cauca. Hier bündeln sich wie unter einem Brennglas Kolumbiens Probleme. Das Cauca ist eines der größten Koka- und Marihuana-Anbaugebiete, verfügt über reichlich Mineralien, Wasser und Kohle. Zudem ist die Region ein wichtiger Korridor zur Pazifikküste. Kurzum: Im grünen und bergigen Departement manifestieren sich Rauschgiftschmuggel, illegaler Bergbau, Landraub und Vertreibung.

Elizabeth Dickinson von der „International Crisis Group“ fürchtet daher die Rückkehr längst besiegt geglaubter Dämonen. Es mache sich in ganz Kolumbien ein Gefühl breit, dass „die Gewalt wieder ein ständiger Begleiter des Alltags“ der Menschen werde, sagt die Analystin.

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