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Schlacht um Sjewjerodonezk: Von Fronten und Hinterländern

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Von: Peter Rutkowski

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Krieg funktioniert auch in entgegengesetzter Richtung: Russische Ermittler begutachten Schäden durch ukrainischen Beschuss in der „Volksrepublik Donezk“.
Krieg funktioniert auch in entgegengesetzter Richtung: Russische Ermittler begutachten Schäden durch ukrainischen Beschuss in der „Volksrepublik Donezk“. © dpa

Klare Linien zwischen den Kriegsparteien gibt es in der Ukraine nicht. Unterdessen kommen die russischen Truppen in Sjewjerodonezk nicht recht voran.

Kiew – Das mit der Front ist so eine Sache. Laien stellen sich gemeinhin eine Linie vor, wenn von „Frontlinie“ die Rede ist. Und die traumatischen Bilder des Ersten Weltkriegs schienen das auch entsprechend zu illustrieren: verrottete Gräben, in denen Menschen ein unwürdiges Dasein führten, jede Sekunde vom Tod oder Verstümmelung bedroht. Jenseits davon war „Hinterland“. Und dahinter „Heimat“. Über die Natur des „Hinterlands“ war niemand so recht im Bilde, militärische Führer zeigten aber auch kein Interesse daran, das ihrer Meinung nach nichtsnutzigen Zivilisten zu erklären. So wie die „Front“ sich aber schon mehrfach gewandelt hat, so ist auch das „Hinterland“ lange schon nicht mehr das, was man mal glaubte.

Um das kürzer zu fassen: Front und Hinterland sind zusammen Kampfgebiet. Und Heimat bedeutet auch nicht Sicherheit vor militärischer Gewalt. Russland hat die komplette Ukraine bis in ihren letzten Karpatenwinkel de facto als Kampfgebiet deklariert: Seine Raketen reichen überall hin. Angriffe auf zivile Einrichtungen und auf Zivilpersonen mögen gegen internationales Recht verstoßen, aber als Terror haben sie oft den gewünschten Effekt: Die Moral des Feindes wird nach und nach geschwächt, wenn nichts mehr verteidigt werden kann, weil überall Front ist. Justament ist aber ein Streit darüber entbrannt, dass Großbritannien der Ukraine Raketenwerfer mit einer Reichweite von 80 Kilometern liefern will. Und die USA wollen auch auf weitere Distanzen wirkende Raketen liefern.

Ukraine-Krieg: In Sjewjerodonezk kommt keine Seite voran

Das beantwortete Russlands Präsident Wladimir Putin mit der – nun schon fast üblichen – Drohung einer weiteren Eskalation (die nukleare „Option“ bleibt auch möglich). Zur Untermalung ließ er am Pfingstwochenende Kiew und Umgebung mit Raketen beschießen. Die Ukraine antwortete ihrerseits im Donbass mit Artillerieschlägen in das prorussische Hinterland, das sich „Donezker Volksrepublik“ nennt.

Solche „Artillerieduelle“ haben manchmal ihren strategischen Sinn, auch mal einen taktischen – oder eben einen inakzeptablen terrorisierenden Effekt. Oder sie sind ein Zeichen. Derzeit – Tag 103 des Krieges – illustrieren sie das von westlichen Fachleuten erwartete Patt am Boden: In Sjewjerodonezk, auf das sich das Kriegsgeschehen seit gut einer Woche konzentriert, kommt keine der beiden Seiten entscheidend voran. Am Wochenende sollten die russischen Truppen angeblich 70 Prozent der Stadt erobert haben, am Montag (6. Juni) warfen ukrainische Gegenstöße sie wieder etwas zurück. Die Ukrainer führen auch weitere Truppen heran, um die Russen abzublocken.

Das jeweilige Hinterland wird nun beschossen, um die Frontlinien zu isolieren und so eine Entscheidung zu ermöglichen. Für die Ukraine wird das erschwert durch Vorstöße wie von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der just einen verhandelbaren diplomatischen Ausweg für Putin anmahnt: Russland – dürfe „nicht gedemütigt“ werden. Erleichtert wird es für die Ukraine durch die ersten offiziellen Äußerungen der neuen estischen Premierministerin Kaja Kallas, die vor Uneinigkeit in Europa gegenüber Russland gewarnt hat. (Peter Rutkowski)

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