Unicef-Spendenskandal

"Von einer Provision wurde nie gesprochen"

Der frühere Lidl-Chef Stefan Rohrer erläutert im FR-Interview, warum er sich von Unicef nach einer 500.000-Euro-Spende getäuscht fühlt.

Herr Rohrer, Sie waren 2005 Chef von Lidl-Deutschland. Bitte beschreiben Sie noch einmal genau, wie Sie Herrn Garlichs die Spende von 500 000 Euro angeboten haben. War der Berater Viktor L. daran beteiligt?

Ich kann mich an die Abläufe sehr gut erinnern und gebe hier meine persönliche Sichtweise wieder.

Ich saß am Abend der ZDF-Spendengala Anfang Januar 2005 nur rein zufällig neben Herrn Dr. Garlichs, den ich bis dahin nicht kannte. Lidl hatte dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) bereits 500 000 Euro für Tsunami-Opfer gespendet.

Kurz vor der Sendung hat sich die Firma Lidl und Kaufland kurzfristig entschlossen, die bisherige Spende von 500.000 Euro auf eine Million Euro zu verdoppeln. Im Verlauf der Live-Sendung kam ich mit Herrn Garlichs ins Gespräch, und er stellte sich als verantwortlicher Geschäftsführer der Unicef Deutschland vor. Ich sprach ihn spontan darauf an, ob er auch eine Spende von einer halben Million Euro haben wolle. Er fragte mich, ob ich dies ernst meinte. Ich bejahte dies, und wir besiegelten das Spendengeschäft mit Handschlag und tauschten die Visitenkarten aus. Nach der Sendung hatte ich den Präsidenten des DRK, Herrn Dr. Seiters, informiert, dass die andere halbe Million an Unicef gehen wird. Ein Berater war bei diesen Gesprächen zu keinem Zeitpunkt anwesend oder mir gar bekannt. Es wurde mir auch kein Berater vorgestellt.

Wann ungefähr wurde das Geld überwiesen? Ging es auf ein Konto in Heilbronn?

Die Abstimmung darüber, auf welches Bankkonto das Geld fließen sollte, erfolgte direkt zwischen Unicef Köln und der Finanzabteilung der Schwarz-Beteiligungs-GmbH. Auch daran war kein Berater beteiligt. Rund 14 Tage später wurde das Geld auf ein Unicef-Konto in Köln überwiesen.

Haben Sie mit Herrn Garlichs vereinbart, dass das Geld dem Heilbronn-Projekt zugeordnet werden sollte?

Das Geld sollte langfristigen Hilfsprojekten für die Tsunami-Opfer zugeordnet werden. Ein Heilbronn-Projekt wurde nie erwähnt, zumal das Unternehmen in Neckarsulm liegt.

Hat Unicef Ihnen mitgeteilt, dass das Geld dem Heilbronn-Projekt zugeordnet wurde? Falls nein, wie haben Sie davon erfahren?

Erstmalig wurden wir im Herbst 2006 darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Spende dem Projekt Heilbronn zugeordnet wurde. Im Oktober 2006 wurde anlässlich eines Empfangs eine Urkunde von Unicef an Herrn Lohmiller (Vorstand a. D. Kaufland) überreicht.

Wussten Sie, dass von Ihrer Spende rund 30 000 Euro Provision an den Berater abgehen?

Nein, es wurde von einer Provision nie gesprochen.

Hätten Sie gespendet, wenn Sie das gewusst hätten?

Hilfsorganisationen benötigen für die eigene Verwaltung einen Teil der Spenden zur Kostendeckung. Dies ist auch sinnvoll, um die Spenden ordnungsgemäß zu verwalten. Hätten wir im Vorfeld jedoch gewusst, dass zusätzlich 30 000 Euro an Provisionen von Unicef bezahlt werden müssen, hätten wir sicherlich eine andere Hilfsorganisation ausgewählt.

Ab welchem Zeitpunkt im Jahr 2005 bekam der Berater Provision und warum auch von Ihrer Spende? Was sagte Ihnen Unicef dazu?

Der "Public Relations"-Leiter von Unicef Deutschland, Dieter Pool, hat mir am vergangenen Freitag gesagt, dass Unicef mit dem Berater vereinbart hatte, dass das Heilbronn-Projekt erst ab Mai 2005 beginnen sollte. Der Tsunami Ende 2004 und die daraus resultierende hohe Spendenbereitschaft kamen für das Unicef-Projekt aber "zu früh", sagte der Sprecher. Wie es nun aussieht, wurde unsere Spende nachträglich dem Projekt zugeordnet, denn zum Zeitpunkt der Überweisung im Januar 2005 hatte das Projekt laut Unicef ja noch gar nicht begonnen.

Fühlen Sie sich getäuscht?

Bei einer solchen hohen Einzelspende hätten wir mehr Offenheit erwartet. Da die Spende ohne den Berater erfolgte, wäre aus unserer Sicht auch eine Provisionszahlung nicht notwendig gewesen. Wenn wir gewusst hätten, dass ein Berater davon etwa 30 000 Euro Provision bekommt, hätten wir nicht gespendet. Garlichs hat uns getäuscht, indem er das verheimlicht hat.

Interview: Matthias Thieme

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