Prozess

Pastor wegen Volksverhetzung vor Gericht: Homosexuelle als Verbrecher bezeichnet

  • vonEckhard Stengel
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Ein Geistlicher aus Bremen steht vor Gericht. Er hatte einen Hetzvortrag gegen Homosexuelle gehalten und die Gender-Debatte als „zutiefst teuflisch und satanisch“ bezeichnet.

  • Ein evangelischer Pastor aus Bremen muss sich vor Gericht wegen Volksverhetzung verantworten.
  • Pastor Olaf Latzel hatte in einem „Eheseminar“ Christopher Street Day-Teilnehmende als Verbrecher bezeichnet.
  • Latzel sprach auch von einer „teuflischen“ Homo-Lobby.

Bremen - In einem bundesweit wohl beispiellosen Strafprozess steht seit Freitag in Bremen ein strenggläubiger evangelischer Pastor wegen Volksverhetzung vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 53-jährigen Olaf Latzel vor, er habe Homosexuelle als Verbrecher bezeichnet. Damit habe er ihre Menschenwürde angegriffen und öffentlich zum Hass aufgestachelt. Bereits am ersten von zwei Prozesstagen gab es die Plädoyers. Die Anklage forderte 10.800 Euro Geldstrafe, die Verteidigung Freispruch. Das Amtsgericht verkündet sein Urteil am kommenden Mittwoch (25.11.2020).

Der Pastor der evangelikalen Innenstadtgemeinde St. Martini in Bremen hatte im Herbst 2019 während eines „Eheseminars“ seiner Gemeinde wörtlich gesagt: „Überall laufen diese Verbrecher rum von diesem Christopher Street Day, feiern ihre Partys.“ Homosexualität sei eine „Degenerationsform von Gesellschaft“. Er sprach von einer „teuflischen“ Homo-Lobby und sagte weiter: „Der ganze Gender-Dreck ist ein Angriff auf Gottes Schöpfungsordnung, ist zutiefst teuflisch und satanisch.“

Prozess gegen Pastor aus Bremen: Er hetzte in einem Vortrag gegen Homosexuelle

Der in freier Rede gehaltene, eindreiviertelstündige Vortrag erschien später mit Latzels Billigung als Audio-Mitschnitt auf seinem YouTube-Internetkanal, der zurzeit rund 25.000 Abonnements hat. Nach Beginn der Ermittlungen behauptete Latzel, mit den „Verbrechern“ habe er nur „militante Aggressoren“ gemeint, die ihn und seine Gemeinde wiederholt attackiert und verleumdet hätten. In dem Vortrag, der am ersten Prozesstag vor Gericht abgespielt wurde, stellt er diesen Bezug allerdings nicht her. Als ein Beispiel für die von ihm angeblich gemeinten Attacken nannte er eine Gottesdienststörung durch ein „Kiss in“ von gleichgeschlechtlichen Paaren; dies fand allerdings schon 2008 statt. Einige der weiteren Übergriffe bis hin zu Morddrohungen ereigneten sich erst nach seinem Vortrag.

Olaf Latzel sehr sorgenvoll am Freitag vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft nannte den Hinweis auf die Aggressoren eine „reine Schutzbehauptung“. Dem Pastor sei es allein darum gegangen, zur Ausgrenzung und zum Hass auf Nicht-Heterosexuelle aufzurufen. Seine Äußerungen seien nicht mehr von der Religions- und Meinungsfreiheit gedeckt.

Pastor aus Bremen hält Homosexualität für eine Sünde und beruft sich auf die BIbel

Latzel entschuldigte sich dafür, falls der Eindruck entstanden sei, er halte Homosexuelle generell für Verbrecher. „Ich möchte keinen Menschen verletzen“, sagte er vor Gericht, eine Bibel vor sich auf dem Tisch. Seine anderen Äußerungen relativierte er nicht. Vielmehr bestand er darauf, dass Homosexualität laut Bibel eine Sünde sei. Das „unfehlbare Wort Gottes“ dürfe nicht dem Zeitgeist angepasst werden. Das hätte schon im Nationalsozialismus nicht passieren dürfen und auch heute nicht. Allerdings gelte: „Nein zur Sünde“, aber „Ja zum Sünder“. „Ich würde Sünde als Dreck bezeichnen, aber niemals den Sünder.“

Die Verteidigung behauptete, die Staatsanwaltschaft habe gezielt die Öffentlichkeit getäuscht und strebe kein faires Verfahren an. Sie habe nämlich behauptet, Latzel habe Homosexuelle „generalisierend“ als Verbrecher und andere als „Gender-Dreck“ bezeichnet. In Wirklichkeit habe er nie abfällig über alle Homosexuellen oder über Einzelne geredet, sondern nur die aktuelle „politische Strömung“ kritisiert.

Nach Beginn der Strafermittlungen hatte die Bremische Evangelische Kirche (BEK), also die Landeskirche, im Mai ein Disziplinarverfahren gegen Latzel eingeleitet, das aber bis zu einem rechtskräftigen Urteil ruht. Die BEK-Führung wurde daraufhin nach eigenen Angaben mit Hassbotschaften von Latzel-Fans überschwemmt.

Reaktion auf Pastors Hetzrede gegen Homosexuelle: „Kein Platz in der Kirche“

Neben der Bremer Landeskirche hatte auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, Latzels Äußerungen als „unerträglich“ bezeichnet. „Jesus steht für eine radikale Menschenliebe. Sie ist das genaue Gegenteil der Intoleranz, die aus den Worten von Olaf Latzel spricht.“ In einem weiteren Interview sagte er kürzlich: „Abwertende und diskriminierende Äußerungen dürfen in der Kirche keinen Platz haben.“

Bereits 2015 hatte Latzel andere Glaubensrichtungen beschimpft. Den Buddha bezeichnete er als „dicken, alten, fetten Herrn“, das islamische Zuckerfest als „Blödsinn“ und katholische Reliquien als „Dreck“. Damals entschied die Staatsanwaltschaft, dass die Äußerungen noch unter die Religions- und Meinungsfreiheit fielen. (Eckhard Stengel)

Rubriklistenbild: © Sina Schuldt/dpa

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