Nordkorea

Volle Regale, fesche Kleider

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Nordkorea testet mit einer Videobloggerin eine neue Form der Außendarstellung.

Nach einer kurzen Jinglemusik tritt Un A vor die Kamera, eine junge Nordkoreanerin mit schüchternem Lächeln. Vor kurzem hätten westliche Medien über Panikkäufe in der Demokratischen Volksrepublik Korea berichtet, sagt die Videobloggerin an einer belebten Straße in Pjöngjang: „Was ist da dran? Ich bin hier, um es herauszufinden“, sagt Un A. Schnitt: Die scheinbar versteckte Kamera führt nun durch einen edlen Supermarkt mit vollen Kühlregalen und fesch gekleideten Hausfrauen beim Lebensmittelkauf. Ihr sei nicht aufgefallen, dass die Produkte in letzter Zeit teurer geworden seien, sagt eine Passantin. „Wir haben immer ausreichend Vorräte auf Lager“, ergänzt eine junge Verkäuferin mit Gesichtsmaske.

Was im Westen ein normales Youtube-Format wäre, ist in Nordkoreas Hauptstadt nicht weniger als eine Sensation: Mit Un A beweist das Regime, dass es mittlerweile die Spielregeln der westlichen Internetgeneration beherrscht: authentische „Do it yourself“-Ästhetik, eine natürlich wirkende Bloggerin, persönliche Alltagsinhalte.

Image aufpolieren

Bislang waren die offiziellen Medien für westliche Zuschauer stets eine unfreiwillig komische Zeitreise in die Sowjetunion der 70er Jahre: Steife Nachrichtensprecherinnen mit Betonfrisuren, deren Sprache und Intonation einem kommunistischen Parteiseminar zu entstammen schienen. Beiträge, die ausschließlich Diktator Kim Jong Un bei Inspektionen von Fischfarmen und Düngerfabriken zeigen, während die Delegation sich eifrig Notizen macht. Und am Ende martialische Soldatenvideos.

Schon 2015 hat der Experte Brian R. Myers in seinem Buch „North Korea’s Juche Myth“ zwischen den unterschiedlichen Spielarten der nordkoreanischen Propagandasparten unterschieden: Die interne Propaganda ist ausschließlich an heimisches Publikum gerichtet, die äußere Propaganda ist leicht abgemildert, sie wird über die staatliche Nachrichtenagentur KCNA in dem Wissen veröffentlicht, dass auch ausländische Beobachter diese mitlesen. Und dann gibt es die Exportpropaganda, deren Zweck ausschließlich der Imageaufpolierung beim internationalen Publikum dienen soll. Die Bloggerin Un A ist ein perfektes Beispiel für die nordkoreanische Softpower. Ihr „Happy Lunch“, „Mein Lieblingslebensmittelgeschäft“ oder „Un A erklärt, warum es null Covid-19-Fälle in Nordkorea gibt“, wird stark geklickt. Über Un A ist wenig bekannt. Laut Experten hat sie womöglich im Ausland studiert und sich dort von den sozialen Medien inspirieren lassen.

Auch dass sie einen regelmäßigen Internetzugang zum Hochladen der Videos hat, deutet auf ein elitäres Elternhaus mit guten Verbindungen zur politischen Elite hin. Sie scheint gut informiert. Das Video zu den vermeintlichen Panikkäufen schließt sie mit einer Kritik an den scheinbar nicht korrekten Medienberichten aus dem Ausland: „Ich denke, Fake News sind derzeit, während wir gegen Covid-19 kämpfen, das Letzte, was wir gebrauchen können“.

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