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Causa Vollbrecht: Zwischen Leugnung von NS-Verbrechen und Transfeindlichkeit

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Von: Katja Thorwarth

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Causa Marie-Luise Vollbrecht: Zwischen Transfeindlichkeit und NS-Leugnung. Zwei Expertinnen im Interview.
Causa Marie-Luise Vollbrecht: Zwischen Transfeindlichkeit und NS-Leugnung. Zwei Expertinnen im Interview. (Archivbild) © Bernd von Jutrczenka/dpa

Biologie-Doktorandin Vollbrecht macht nicht nur durch Transfeindlichkeit von sich Reden. Auch wollte sie NS-Verharmlosung nicht ahnden lassen. Interview mit Eva und Dana Mahr.

Die Biologie-Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht wurde bekannt, weil die Berliner Humboldt-Uni einen Vortrag von ihr wegen Sicherheitsbedenken verschoben hatte. Was sind die Kritikpunkte an Vollbrechts Thesen?
Ihr Vortrag und auch ihre Thesen waren aus fachwissenschaftlicher Perspektive sehr grob vereinfacht und stellten keinesfalls den Stand der biologischen Forschung zur Geschlechtlichkeit des Menschen dar, sondern nur einen sehr reduktionistischen Ausschnitt. Das ist aber nicht das grundsätzliche Problem. Das eigentliche Problem bestand darin, wie die Verschiebung des Vortrags durch die Leitung der Humboldt Universität medial von transfeindlichen Aktivist:innen sowie von Frau Vollbrecht selbst ausgeschlachtet wurde. Dies fängt schon dabei an, dass der Vortrag nicht wegen Sicherheitsbedenken gegenüber einer angemeldeten und bewilligten Demonstration von Studierenden abgesagt wurde, sondern erst durch den angekündigten Gegenprotest von transfeindlichen Akteur:innen. Die Aussage, sie wäre von gewaltbereiten Aktivist:innen von ihrem Vortrag abgehalten worden, stimmt also nur insofern, als dass ihr eigenes aktivistisches Umfeld dafür gesorgt hatte.

Dieses Narrativ fand weite Verbreitung ...
Dass viele Medien unreflektiert das aus dem Umfeld von Frau Vollbrecht stammende Narrativ einer jungen Wissenschaftlerin, die von einer „woken“ „cancel-culture“ daran gehindert worden wäre, ihren Vortrag zu halten, übernommen haben, ist der eigentliche Skandal der ganzen Geschichte. Die Vorgeschichte von Vollbrecht als lautstarke und einflussreiche transfeindliche und sexworkfeindliche Aktivistin war bereits weitgehend in den sozialen Medien bekannt und hätte sehr leicht recherchiert werden können. Bei dieser Geschichte im Sommer ging es nie um die Person Marie-Luise Vollbrecht. Vielmehr wurde gezielt das Bild einer gefährdeten „Wissenschaftsfreiheit“ erzeugt, mit einem Gesicht versehen und dann als Mittel im Kulturkampf rechts-konservativer Akteur:innen gegen eine sich diversifizierende Gesellschaft eingesetzt. Es sollte unseres Erachtens aus politischem Kalkül heraus einer kleinen marginalisierten Minderheit maximaler diskursiver Schaden zugefügt werden, und zwar auf Kosten des Ansehens der Humboldt-Universität.

Marie-Luise Vollbrecht und Transfeindlichkeit im Netz: Halbwahrheiten oder Lügen

Die Debatte anschließend auf Twitter wurde mit harten Bandagen geführt. Was waren die
Kernthesen von Vollbrecht und ihren Twitter-Anhänger:innen?
Wenn Sie Thesen sagen, meinen Sie dann als Diskussion verbrämte Agitation? Es geht nicht um irgendwelche Thesen, das würde eine Fakten- oder wenigstens Theorie basierte Auseinandersetzung implizieren. Bis auf die Parole „Es gibt nur zwei Geschlechter“ und die Behauptung, dass trans Frauen den Feminismus untergraben, gibt es dort auch nicht viel zu holen. Das meiste stützt sich auf Halbwahrheiten oder Lügen, meist wissenschaftlich anmutend verpackt, die Angst und Ekel gegen trans Menschen auslösen sollen. Beispielsweise die fachwissenschaftlich widerlegte Behauptungen „Trans-Sein“ wäre sozial ansteckend und prädatorisch gegenüber jungen Frauen und Kindern.

Zu den Personen

Dana Mahr

Dana Mahr ist promovierte Medizinsoziologin und Wissenschaftshistorikerin. Sie arbeitet an der Fakultät für Naturwissenschaften im Fachbereich Biologie der Universität Genf, Schweiz.

Eva Mahr

Eva Mahr studierte Erziehungswissenschaft, Soziologie und Entwicklungspsychologie. Sie führt den Twitterkanal @Cis_for_Trans und engagiert sich als Ally für die Aufklärung über intersektionalen Feminismus und trans Leben.

Es kam zu dem Hashtag „#MarieLeugnetNS-Verbrechen“. Können Sie den Hintergrund erläutern?
Eine etablierte Masche der neuen Rechten ist es, Opfergruppen des Nationalsozialismus miteinander zu vergleichen, um sich dann mit einem Hinweis auf die jüdischen Opfer ablehnend gegenüber diesen Gruppen zu äußern und diese Ablehnung als moralisch überlegen zu stilisieren. Meist wird dann auch noch versucht, den jeweiligen Gegner als antisemitisch zu „entlarven“. Vollbrecht hatte diese Agitation auf Twitter schon ein Jahr vorher geprobt und war damit durchgekommen.

Dieses Mal wurden aber Historiker:Innen, die sich auf queere Geschichte im Nationalsozialismus spezialisiert haben, und sogar international bekannte Rabbinerinnen darauf aufmerksam und schalteten sich in die Diskussion ein. Frau Vollbrecht und diverse Accounts aus ihrem Twitter-Umfeld versuchten dann, das Narrativ zu spinnen, trans Menschen wären keine legitime Opferkategorie des Nationalsozialismus. Sie begründeten dies mit den Kategorisierungen der Täter, denn es gibt die Kategorie „trans“ nicht in den Konzentrationslagern, außerdem wären die Nazis selbst transfreundlich gewesen, weil es Initiationsriten für junge Soldaten gab, die sich als Frauen verkleiden mussten.

Tweet von der Biologie-Doktorandin Vollbrecht.
Tweet von der Biologie-Doktorandin Vollbrecht. © Screenshot_Twitter_Vollbrecht

Vollbrecht: Vergleich zwischen Jüd:innen und trans Menschen bleibt

Klingt nach Scheinargument
Ja, und ein weiteres Scheinargument von Frau Vollbrecht und ihren Mitstreiter:innen war es, dass trans Menschen keine Opfer gewesen sein könnten, da doch noch der sogenannte „Transvestitenschein“ aus der Weimarer Republik im Nationalsozialismus ausgestellt worden sei. Was allerdings verschwiegen, banalisiert und letztlich auch relativiert wurde, war das Faktum, dass dieser Schein von den Nazis zu einem polizeilichen Instrument umfunktioniert wurde, mit dem geschlechtsnonkonforme Menschen und jene, die wir heute als trans Menschen bezeichnen würden, überwacht, identifiziert und gegebenenfalls interniert werden konnten – u. a. auch in den Konzentrationslagern. Renitente geschlechts-nonkonforme Menschen wie Liddy Bacroff (1908-1943), die sich nicht an die hetero- und cis-normativen Ideale des Nationalismus anpassen wollten oder konnten, wurden damit beispielsweise nach dem Paragrafen 175 aus der „Volksgemeinschaft“ entfernt und vernichtet.

Diese historischen Fakten wurden nicht anerkannt?
Vollbrecht blieb am Schluss trotz aller Aufklärungsversuche bei ihrem Vergleich mit den jüdischen Opfern. Trans Menschen hätten im Gegensatz zu jüdischen Opfern ihr Trans-Sein doch einfach ablegen können – so legte sie es in einem ihrer Tweets nahe. Für viele trans Menschen auf Twitter war dies sehr belastend und erschreckend, denn es beinhaltet die Behauptung, dass anders als „jüdisch-sein“ eine Transidentität keine intrinsische Eigenschaft eines Menschen sei. Anders als Jüd*Innen hätten also trans Menschen eine „Wahl“ gehabt, ob sie von den Nazis verfolgt und vernichtet würden.

Diskursverschiebung: Vollbrecht und ihre Anhänger tragen den Konflikt auf dem Rücken der Opfer aus

Als Antwort auf diese historisch unwahren und verstörenden Aussagen haben wir dann damit begonnen den Hashtag „Marie Leugnet NS-Verbrechen“ zu verwenden, und zwar um auf die rhetorische Masche der ideologiegeleiteten Opferhierachisierung aufmerksam zu machen. Es ist bis zu diesem Zeitpunkt ein sehr erfolgreicher Trick gewesen unliebsame Opfergruppen der Nazis zu delegitimieren. Dies sollten wir uns gerade in Deutschland nicht bieten lassen.

Verharmlosung der NS-Verbrechen.
Verharmlosung der NS-Verbrechen. © Screenshot_Twitter

Die Anhänger:innen Vollbrechts sehen in ihren Tweets nichts zu beanstanden und scheinen den Diskurs immer weiter verschieben zu wollen. Wie hat sich hier bereits der Diskurs verändert?
Natürlich sehen ihre Anhänger:innen nichts Verwerfliches an Frau Vollbrechts oder auch ihren eigenen Tweets. Es geht nicht darum, die Erinnerung wach zu halten, sondern ein Narrativ zu stricken, das sich gut in das Täternarrativ einfügt, das sie von trans Menschen entwickelt haben. Hier wird einfach ideologisch geschlossen. Das sagen wir nicht nur im Hinblick auf ihre direkten Aussagen, sondern auch mit Blick auf antisemitische Äußerungen und Verschwörungserzählungen, die in anti-trans Kreisen Tradition haben.

Können Sie das konkretisieren?
Soweit wir das überblicken können, versuchen sie es jetzt mit einem Zahlenspiel, als würde die Anzahl der Opfer ausschlaggebend für das zugefügte Leid sein. Daneben postet Frau Vollbrecht selbst, dass ihr Holocaustleugnung unterstellt worden sei. Wir haben das mehrfach öffentlich richtig gestellt, und es ist auch nicht Teil der Abmahnung, die sie versucht, durchzusetzen. Im internationalen Diskurs werden alle Opfergruppen unter dem Holocaust zusammengefasst, in Deutschland nur Jüdinnen und Juden. Das ist die Begründung, warum sie international als Holocaustleugnerin gilt. Den NS-Massenmord an den Juden hat sie aber nie geleugnet, sondern eher als Rechtfertigung genutzt, um den Opferstatus von trans Menschen zu delegitimieren. Jetzt strickt sie daraus ein Narrativ, sie würde zu Unrecht als Holocaustleugnerin bezeichnet werden, obwohl das im deutschen Diskurs gar nicht geschehen ist.

„Neben der Wissenschaftsfreiheit steht zum Beispiel die Wissenschaftsethik“, sagt Dana Mahr.
„Neben der Wissenschaftsfreiheit steht zum Beispiel die Wissenschaftsethik“, sagt Dana Mahr. © Privat

Trans Menschen an vorderster Front: Transfeindlichkeit ist anschlussfähig

Welchen Einfluss hat das auf die Gesellschaft bzw. auf die Akzeptanz von trans Menschen?
Wir würden gern behaupten können, dass es sich nur um Auswirkungen auf die Gesellschaft handelt und nicht eine Bewegung ist, die sich aus der Verunsicherung und Befremdung der Gesellschaft speist. Trans Menschen sind bis heute immer an vorderster Front der queeren Bewegung gewesen, profitierten aber weitaus weniger von einer gesellschaftlichen Normalisierung ihres Seins. Gefährlich sind solche Debatten wie die um Frau Vollbrecht nicht, weil sie besonders überzeugend oder gar valide sind, sondern weil sie immer noch an den Common Sense anschlussfähig sind und davon ablenken, dass wir hier von einer sehr diversen Gruppe sprechen, die gesellschaftlich sehr bereichernd sein kann, wenn man sie denn nur lässt.

Vollbrecht hat gegen die Verwendung des Hashtags „#MarieLeugnetNS-Verbrechen“ geklagt – und scheiterte vor dem Landgericht Köln. Das ist doch als Erfolg zu werten …
Transaktivismus konzentriert sich zuvorderst um die Gleichstellung von trans und intersex Menschen. Dieser Eklat hat zeitliche und monetäre Ressourcen gekostet, die sowohl die dgti (Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität) als auch der bvt (Bundesverband Trans) für weitaus wichtigere Dinge hätten verwenden können. Das Urteil ist kein Erfolg, sondern reine Schadensbegrenzung. Diese Agitation ist auch nicht als Versuch zu werten, die verlorene Ehre von Marie-Luise Vollbrecht wieder herzustellen; wäre das der Fall gewesen, hätte sie uns, als die Urheberinnen des Hashtags, abmahnen müssen. Um mal einen Tweet zu paraphrasieren, den sie als Einschüchterungsversuch an den Journalisten Robert Wagner geschickt hatte: Sie interessiert sich für „ganz andere Fische“. Die scheinen so groß zu sein, dass sie jetzt damit begonnen hat, noch mehr Geld zu sammeln. Sie hat bisher Einnahmen von über 80.000€ generieren können, zu den größeren Spendern Zählen u.a. Parteimitglieder der AfD.

Was stellen Sie dem entgegen?
Um dem etwas entgegen zu setzten, haben wir den Twitter-Account @Cis_for_Trans in Leben gerufen, um uns öffentlich gegen transfeindliche Missinformation zu stellen. Darüber hinaus sind wir im Begriff, einen Verein zu gründen, um diejenigen von medialer und juristischer Agitation zu entlasten, die sich für die Rechte von trans und intersex Menschen einsetzen. (Interview: Katja Thorwarth)

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