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"Revolutionen finden in den Köpfen und Herzen der Menschen statt"; Robert Habeck, findet gesellschaftliche Umbrüche wichtig.

Robert Habeck

"Volkspartei ist kein Erfolgsmodell mehr"

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Grünen-Chef Robert Habeck über die Revolution 1918 und sein Rezept gegen Populismus.

Herr Habeck, die Vergangenheit holt Sie dieser Tage wieder ein. Das Theaterstück „1918 – Revolution in Kiel“, das Sie vor zehn Jahren zusammen mit Ihrer Frau Andrea Paluch geschrieben haben, wird zum 100. Jubiläum des Kieler Matrosenaufstands wieder aufgeführt. Erstmals wird es auch auf Plattdeutsch gespielt. Wie kam das?
„Negenteihn-Achtteihn“ heißt das Stück auf Platt. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen, mit dem ich befreundet bin, hat es übersetzt und die Niederdeutsche Bühne hat es auf ihren Spielplan gesetzt. Ich finde das schön.

Was reizt Sie an der Revolution?
Revolutionen sind Umbrüche. Da gestaltet sich eine Gesellschaft neu. Wenn man ein politischer Mensch ist, sind das entscheidende Phasen. Die Revolution von 1918 ist der Wendepunkt der deutschen Neuzeit: Sie leitete das Ende des Ersten Weltkriegs ein. Dass junge Männer den Mut hatten, unter Gefahr für Leib und Leben für eine radikale politische Idee, nämlich den Frieden, auf die Straße zu gehen, beeindruckt mich nach wie vor. Wir haben schon 100-Jahres-Feiern gehabt, die bedeutungsloser waren.

Jetzt sind Sie Vorsitzender einer bürgerlichen Volkspartei, leicht übertrieben gesagt …
… leicht … Volkspartei ist ja inzwischen kein Erfolgsmodell mehr. In der hochindividualisierten Gesellschaft suchen sie oft nur noch den kleinsten gemeinsamen Nenner, was dazu führt, dass irgendwie nichts mehr vorangeht. Wir tragen in unserem Namen „Bündnis“. Und darum geht es: individuelle Unterschiede anerkennen, sich auf gemeinsame Ziele einigen, politische Bündnisse schmieden und dann die enormen Herausforderungen wie Digitalisierung, Klimakrise anpacken.
Haben jetzt die Rechten die deutschen Revolutionen gekapert – speziell die von 1989?
Sie versuchen es. Westdeutsche Oberstudienräte und Staatssekretäre …

… also der frühere Geschichtslehrer Björn Höcke und der Ex-Staatskanzleichef Alexander Gauland, beide aus Hessen …
… setzen sich auf eine Unzufriedenheit drauf und nutzen sie aus. Sie missbrauchen die friedliche Revolution in Ostdeutschland für ihre völkische Ideologie. Heute werden ja die Errungenschaften, die zum Beispiel in der Revolution von 1848 erkämpft wurden – Freiheitsrechte, Gleichheitsrechte, ein Rechtsstaat –, von Populisten attackiert. Und wir müssen den Staat verteidigen. Das tun wir mit den Mitteln des Rechtsstaats. Sie haben wir, um die Dinge besser zu machen. Das mag mühseliger erscheinen als eine Revolte, aber ist letztlich friedlicher.

Brauchen wir nicht doch mehr soziale Revolution?
Wir erleben einen Wandel in vielerlei Hinsicht. Und gerade im Osten gab es vielleicht schon genug Wandel für zwei Leben. Zu viele haben Angst, durch Veränderungen ins Bodenlose abzustürzen. Die Politik muss den Menschen wieder das Gefühl geben, sie nimmt die Fäden in die Hand, auf den Staat ist Verlass. Wir brauchen ein soziales Garantieversprechen, das Menschen ihre Würde bewahren lässt.

Und die Revolution findet dann in den Staatskanzleien statt?
Sie findet in den Köpfen und Herzen der Menschen statt. Das führt idealerweise dazu, dass wir die liberale Demokratie stärken und vor den Populisten bewahren, die einen autoritären Staat wollen.

Interview: Jan Sternberg

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