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Trommler und Trompeter haben ihre Gesichter in den Vereinsfarben schwarz und weiß geschminkt: Der Klub Armée Patriotique Rwandaise (APR) sei „eng mit dem Freiheitskampf verbunden“, sagt Vizepräsident Muganga. 

Spiel des Lebens

Völkermord in Ruanda: Wie der Fußball hilft, mit der Katastrophe umzugehen

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In diesen Tagen vor 26 Jahren begann der grausame Völkermord in Ruanda. Die Milizen rekrutierten auch auf Bolzplätzen und Tribünen ihre Kämpfer. Heute ist Fußball in dem ostafrikanischen Staat ein Medium der Versöhnung.

  • Beim Völkermord in Ruanda 1994 wurden hunderttausende Menschen getötet
  • Milizizen rekrutierten Kämpfer auch auf dem Bolzplatz
  • Fußball ist heute ein Medium der Versöhnung

Ruanda – Am 7. April 1994 beginnen Hutu-Milizen, ihre lange vorbereiten Mordlisten abzuarbeiten. Sechs Soldaten stürmen die Wohnung des Tutsi Eric Murangwa, er ist Torwart des beliebtesten Fußballvereins im Land, Rayon Sports. Im Chaos landet ein Fotoalbum aufgeschlagen auf dem Boden. Ein Soldat erkennt das Mannschaftsbild von Rayon Sports, seines Lieblingsklubs. Der aggressive Mann wird plötzlich ganz milde, er möchte nur noch über Fußball reden. Schließlich gibt er Murangwa ein paar Tipps. Er solle Türen und Fenstervorhänge offen lassen, dann sehe das Haus leer aus. Eric Murangwa ist in Sicherheit, zumindest für eine Nacht.

Völkermord in Ruanda: „Ich dachte, ich würde sterben“

„Das war Wahnsinn. Ich dachte, ich würde sterben“, sagt Eric Murangwa. Das Interview findet vor einigen Wochen in seiner Wahlheimat London statt. Murangwa hat gerade in einer Schule drei Stunden mit Jugendlichen über den Genozid diskutiert. Im Frühjahr 1994 wurden mindestens 800.000 Tutsi und moderate Hutu ermordet. Eric Murangwa, heute 44 Jahre alt, wählt seine Worte behutsam, er hat müde Augen, doch er ist hochkonzentriert. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen für Konflikte zu sensibilisieren. Er möchte über das gesellschaftliche Klima sprechen, das den Massenmord in Ruanda möglich machte.

Für Jules Karangwa ist Fußball „Werkzeug für Kommunikation“.

In der Schule, beim Arzt, in der Warteschlange – Eric Murangwa wächst mit dem Bewusstsein auf, dass er anders ist, weniger wert. Anfang der 90er-Jahre ist er bei Rayon Sports einer von drei Tutsi im Team. Hutu-Soldaten zerren ihn mehrfach aus dem Bus und kontrollieren seine Sachen. Fans bewerfen ihn mit Flaschen, beschimpfen ihn als Schlange und Kakerlake. Funktionäre des eigenen Klubs verbreiten Lügen über ihn. Einmal verweigert Eric Murangwa ein Spiel in Gisenyi, dem Geburtsort des Staatspräsidenten Juvénal Habyarimana, zu gefährlich erscheint ihm die Hochburg der radikalen Hutu.

Völkermord in Ruanda: Lehrer töteten ihre Schüler, Kinder ihre Onkel

Die Organisatoren des Genozids kommen aus Armee, Präsidentengarde, Polizei. Doch auch die Bevölkerung beteiligt sich. Lehrer töten ihre Schüler, Kinder ihre Onkel, Katholiken ihre Priester. „Gegenüber Bekannten war man oft in größerer Gefahr als gegenüber Unbekannten“, sagt Murangwa. „Meine Mitspieler kannten meine politische Haltung, sie hätten mich verraten können. Aber sie entschieden sich für die Vernunft und gegen den Wahnsinn.“ Es sind Hutu-Teamkollegen, die für Murangwa Verstecke organisieren, Lebensmittel besorgen, Polizisten schmieren.

Mehrfach befreit sich Murangwa aus bedrohlichen Situationen, weil die Mörder in ihm ein Vorbild aus dem Fußball sehen. Für einige Tage kommt er bei Jean-Marie Mudahinyuka unter, genannt Zuzu, einem ehemaligen Funktionär von Rayon Sports. Sie essen gemeinsam, spielen Karten, reden über Fußball. Später wird Murangwa erfahren, dass Zuzu lebenslang ins Gefängnis muss, für die Morde an mehreren Tutsi. „Die Welt war nicht schwarz und weiß“, sagt Murangwa. „Es gab Menschen, die andere quälten und umbrachten. Doch dieselben Menschen retteten am nächsten Tag anderen das Leben. Es war eine unbegreifliche Zeit.“

Völkermord in Ruanda: Über Jahrzehnte Konflikte – auch im Fußball

Die Katastrophe passierte nicht über Nacht. Über Jahrzehnte war Ruanda ein Land der Konflikte, das spiegelte sich auch im Fußball. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gestattete die belgische Kolonialmacht dem ruandischen König die Gründung eines Klubs, so konnte er eine größere Nähe zur Bevölkerung herstellen. „Fußball war das ideale Werkzeug für Kommunikation. Und viele Gruppen haben das genutzt“, erzählt der frühere Journalist Jules Karangwa, der nun für den Fußballverband Ruandas tätig ist.

Nach der Unabhängigkeit Ruandas 1962 schlossen sich viele der zunehmend unterdrückten Tutsi in Mannschaften zusammen. Es war eine seltene Möglichkeit, um sich in Gruppen zu treffen, höhere Bildung und Jobs waren ihnen versperrt. Der 1972 gegründete Fußballverband und die Klubs der ersten Liga wurden oft von Mitgliedern der Hutu-Staatspartei bestimmt, der MRND. „Die Tutsi sollten überall an den Rand gedrängt werden“, sagt Jules Karangwa. „Der Nationaltrainer erhielt die Anordnung, Hutu-Spieler zu bevorzugen.“

Eine treibende Kraft für die zunehmende Gewalt gegen Tutsi war die Interahamwe. Die paramilitärische Organisation rekrutierte junge Kämpfer auch auf Bolzplätzen und Tribünen. „Während des Genozids wurden Menschen auch in Stadien inhaftiert und getötet“, sagt Jules Karangwa. „Es gab sogar Fußballer, die ermordeten ihre Mitspieler.“ Die UN-Truppen nutzten das Amahoro-Stadion, die damals wichtigste Arena, als Flüchtlingslager für Tausende Tutsi, ohne ausreichend Wasser und Lebensmittel. Hutu-Milizen postierten sich vor den Stadioneingängen, töteten heran eilende Tutsi und warfen Handgranaten in den Innenraum.

Seuchen und Massenarbeitslosigkeit beherrschten die Zeit nach dem Völkermord in Ruanda

In den Monaten nach dem Völkermord stemmen sich Überlebende gegen Seuchen und Massenarbeitslosigkeit. Aus dem Familienkreis des Torhüters Eric Murangwa sind dreißig Menschen tot. Er zwingt sich nach vorn zu schauen, geht auf die Suche nach alten Mitspielern und findet fünf – von mehr als zwei Dutzend. Mit anderen Kickern treffen sie sich zum Training, und schon vier Monate später trifft sein Verein Rayon Sports in einem Spiel auf den Rivalen Kiyovu Sports.

„Es war das erste unpolitische Großereignis nach dem Genozid“, sagt Murangwa. „Es kamen 20.000 Zuschauer, endlich war da wieder etwas Lebensfreude.“ Die neue Regierung, die Ruandische Patriotische Front RPF, nutzt Fußball zur Versöhnung, mit Gedenkturnieren und Freundschaftsspielen. Eric Murangwa wird zum Kapitän des neuen Nationalteams ernannt. Auf Auswärtsreisen geht er auf ruandische Exilanten zu und bittet sie um Hilfe für den Wiederaufbau.

Victor Sewabana stellt „das Gemeinsame in den Mittelpunkt“.

Ein wichtiger Ort für Vergangenheit und Zukunft des ruandischen Fußballs ist das Stadion Nyamirambo in der Hauptstadt Kigali, umgeben von einer belebten Straße mit Friseursalons und Getränkeshops. 1998 wurden im Nyamirambo Verantwortliche des Völkermordes öffentlich hingerichtet. 2007 wurde die Todesstrafe abgeschafft, seitdem gilt das Stadion als Ort des Vergnügens, zum Beispiel als Heimstätte des APR FC, des landesweit erfolgreichsten Vereins. Rund 2000 Zuschauerinnen und Zuschaue verteilen sich bei einem Heimspiel auf den blauen, gelben und grünen Sitzen.

Das Trauma des Völkermords in Ruanda sitzt tief: Fußball hilft beim Umgang mit der Katastophe

Trommler und Trompeter haben ihre Gesichter in den Vereinsfarben schwarz und weiß geschminkt. Der Klubname APR steht für Armée Patriotique Rwandaise. „Unser Verein ist eng mit dem Freiheitskampf verbunden“, sagt der General Mubaraka Muganga, einer der Vizepräsidenten des APR FC. Während des Bürgerkrieges Anfang der Neunziger Jahre, der in den Genozid mündete, spielten Kämpfer der Tutsi-Rebellenarmee auch Fußball, daraus erwuchs der APR FC. „So kamen wir auf andere Gedanken und schöpften Mut“, sagt Mubaraka Muganga. „Manchmal gelang es uns, durch Fußball neue Kräfte zu rekrutieren.“ Bis heute hat APR 17 Mal die Meisterschaft gewonnen.

Mehr als 25 Jahre nach dem Genozid belegt Ruanda im Weltbank-Index für wirtschaftsfreundliche Staaten Platz 38, vor etlichen europäischen Ländern. Ohne natürliche Ressourcen und Zugang zum Meer möchte der autoritäre Staatspräsident Paul Kagame das Land für Investoren und Großveranstaltungen öffnen. In Kigali haben sich Banken, Startups und schicke Cafés niedergelassen, auch gehobene Hotels und das 2016 fertiggestellte Kongresszentrum. Nicht weit davon liegt das neue Hauptgebäude des Fußballverbandes. Jules Karangwa, geboren im Jahr vor dem Genozid, hat sich früh mit der Geschichte beschäftigt, Bücher gelesen, Dokus geschaut. „Das kollektive Trauma in unserem Land sitzt tief“, sagt Karangwa. „Aber das lockere Umfeld des Sports hilft uns, ins Gespräch zu kommen.“

Fußball in Ruanda: „Mit jeder weiteren Veranstaltung erfährt die Welt, dass wir optimistisch nach vorne schauen“

Ruanda wird wohl auf absehbare Zeit keine Großmacht im Fußball werden, doch der Verband veranstaltet kleinere regionale und internationale Turniere, besonders im Nachwuchs. 2011 qualifizierte sich die Auswahl der U17 für die WM in Mexiko, alle Spieler waren nach dem Völkermord geboren geworden. „Wir möchten behutsam wachsen, dafür entstehen mehr Fußballplätze“, sagt Jules Karangwa. 2018 fand in Kigali das Treffen des Fifa-Council statt. „Mit jeder weiteren Veranstaltung erfährt die Welt, dass wir optimistisch nach vorne schauen.“

Das gilt vor allem für die Basis. Ein Besuch in Kimisagara, einem Viertel von Kigali mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit. Jugendliche in bunten Trikots stürmen über einen kleinen Kunstrasenplatz. Hinter der Bande warten Spieler aufgeregt auf ihren nächsten Einsatz. Daneben findet in einem Flachbau ein Workshop zu Gewaltprävention statt. Darüber prangt der Name des Projektes: Espérance, Hoffnung.

Espérance startete 1996, zwei Jahre nach dem Genozid, in einer Zeit, in der sich viele Projekte, Kirchen und Nachbarschaftsgruppen der Versöhnung verschrieben. Das Projekt griff eine Idee auf, die zuvor in anderen Ländern umgesetzt worden war, etwa im kolumbianischen Medellín: Mädchen und Jungen aus unterschiedlichen Milieus spielten ohne Schiedsrichter Fußball, stärkten Selbstvertrauen, Einfühlungsvermögen, Teamfähigkeit.

Völkermord in Ruanda: „Der Fußball hat uns geholfen auf dem Weg in die Normalität“

Der Leiter von Espérance, Victor Sewabana, sitzt in einem kleinen Büro mit drei großen Schreibtischen. Er ist in der Nachbarschaft aufgewachsen und schon in den Anfängen zu Espérance gestoßen. „Damals war das Misstrauen groß. Wir dachten, das Morden könnte wieder losgehen“, erzählt er. „Wenige Jugendliche haben sich zu uns getraut. Überall warnten die Eltern vor intensiven Kontakten.“ Die Regierung verbot die ethnische Trennung in Hutu und Tutsi, es sollte nur noch eine Bezugsgröße geben: Ruanda. „Daran hielten wir uns. Wir haben das Gemeinsame in den Mittelpunkt gestellt.“

Wie lässt sich Versöhnung gestalten, wenn biografische Wurzeln nicht angesprochen werden sollen? Wie können Kinder eingebunden werden, deren Eltern unter den Täterinnen und Tätern waren? Nach fünf, sechs Jahren fand Espérance eine Balance, führte Theater und Musik ein, mittlerweile mit sieben Trainern und fünfzig Helfern. Regelmäßig schauen Vertreterinnen und Vertreter des Sportministeriums vorbei, auch von den Vereinten Nationen und der Fifa.

Es gibt Dutzende solcher Projekte in Ruanda, viele mit Bezug zum Sport. Der ehemalige Nationaltorwart Eric Murangwa verleiht ihnen eine Stimme. Hunderte Male hat er über den Genozid berichtet, in Schulen und Universitäten, in Parlamenten und Stiftungen, auch in Europa. „Der Fußball hat uns geholfen auf dem Weg in die Normalität“, sagt er. Das Wort Normalität betont er besonders. Als gebe es nicht Schöneres auf der Welt.

Fußball übernimmt viele gesellschaftliche Aufgaben, auch in Deutschland. Weibliche Fans von Eintracht Frankfurt machen sich zur Aufgabe, weibliche Fußballfans sichtbarer zu machen und sich gegen Rassismus und Sexismus einzusetzen.

Auch das Coronavirus beschäftigt Afrika. Experten erwarten einen wirtschaftlichen Einbruch wegen Covid-19.

Vom Autor neu erschienen: „Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution“ (Verlag Die Werkstatt).

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