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Vivalla in Örebro, Schweden: Von Banden beherrscht

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Ende Juli in Vivalla: Tatortsicherung nach der Erschießung eines 20-jährigen Mannes.
Ende Juli in Vivalla: Tatortsicherung nach der Erschießung eines 20-jährigen Mannes. © Pavel Koubek/Imago

Vivalla, ein Stadtviertel von Örebro, gilt als Hotspot der Kriminalität. Eine Reportage von Jens Mattern

Sie können überfallen, bestohlen werden, auch am helllichten Tag!“ sagt eine Frau mittleren Alters mit Baseballkappe. Die Wahlkämpferin der rechten Schwedendemokraten auf dem Rathausplatz der Provinzstadt Örebro rät von einem Besuch des Viertels Vivalla dringend ab. Mit seinen offiziell 7000 Einwohner:innen sei Vivalla eines der 19 landesweit „besonders betroffenen Gebiete“ – ein Polizei-Terminus, manche sagen auch „Ghetto“ dazu.

Diese Vororte sind die Negativprotagonisten im schwedischen Wahlkampf. Dort ist die Arbeitslosigkeit am höchsten, dort tragen die Banden, denen vornehmlich Menschen mit ausländischen Wurzeln angehören, ihre Kämpfe um Drogenreviere aus, dort wird geschossen. Bereits 47 Tote werden landesweit gezählt, vier in Örebro.

Der Widerhall der Schüsse findet sich in den Schlagzeilen der Zeitungen und in den Forderungen nach raschen Lösungen. Die Schwedendemokraten, bereits zweitstärkste Partei in den Umfragen, wollen etwa ausländische Straftäter in die Gefängnisse ihre Herkunftsländer abschieben. Auch die regierenden Sozialdemokraten versprechen neben Integrationshilfen in den Schulen mehr Durchgreifen – in Form von längeren Haftstrafen. Sie denken auch laut über Zwangsumsiedlungen nach. Regierungschefin Magdalena Andersson zeigte Anfang August Präsenz in Vivalla – als „beruhigende Maßnahme“ nach dem letzten Mord.

Auf dem Weg fährt der Bus durch ein Klischee-Schweden

Auf dem Weg vom Stadtzentrum in das Viertel fährt der Bus Nummer 2 erst mal durch ein Klischee-Schweden, vorbei an Villen aus Holz, gelb oder rot gestrichen, mit schwer beladenen Apfelbäumen in den spätsommerlichen Gärten. Die Siedlung aus den 1960er Jahren besteht dann aus Flachbauten, sie wirkt sauber in der Nachmittagssonne. In einem zentralen Gebäude sind orientalische Teestuben und Supermärkte mit der Stadtbibliothek und der Polizeistation unter einem Dach vereint.

Aus diesem Viertel sowie aus anderen Vororten rekrutieren die rund zwölf bekannten Banden ihr Personal. Dies einzudämmen, ist das verzweifelt anmutende Versprechen aller Parteien. Auf sie allerdings hofft Jonas Mesmer nicht. Er hilft in der „Poesiestraße“ drei seiner Kinder beim Schaukeln auf dem Spielplatz. Sein viertes Kind sitzt im Kinderwagen und beschwert sich gelegentlich mit Geschrei.

„Die Menschen hier sollten viel schneller ins Arbeitsleben“, sagt Mesmer, der mit fünf Jahren aus Eritrea nach Schweden kam. Am Arbeitsplatz würden sie auch die Sprache lernen. Der Familienvater sagt, der Spracherwerb sei entscheidend. Das für die Möglichkeit zu arbeiten notwendige Schwedisch-Zertifikat „SFI“ sei jedoch viel zu theoretisch und realitätsfern, weshalb viele in Vivalla daran scheiterten.

Vivalla in Schweden: „Banden bekommen Zulauf“

„Das hier viele keinen Job bekommen, macht die Leute verzweifelt, so bekommen die Banden Zulauf.“ Kontakte, Netzwerke bedeuteten alles in Schweden. Seine Schulkamerad:innen mit „schwedischem Hintergrund“, wie Mesmer formuliert, hätten sofort eine Ausbildungsstelle bekommen.

Mit diesen Erfahrungen leitet der 63-Jährige nun eine Arbeitsvermittlung für die Bewohner:innen des Viertels, in Kooperation mit der Kommune. Der gebürtige Eritreer hat sich vom Schweißer zum Programmierer hochgearbeitet – „ein harter Weg!“

„Wichtig ist, dass wir uns nicht auf unsere Berufe fokussieren, sondern verstehen, dass wir für Vivalla aktiv sind“ betont Thomas Gustafsson, der in einem Raum der Vivalla-Schule zum Gespräch lädt. Der ehemalige Schuldirektor arbeitet nun für das kommunale Projekt „Partnerschaft Örebro“ und leitet die Zusammenarbeit mit der Polizei, mit Lehrkräften, Sozialarbeiter:innen und medizinischem Personal. Zuviel Bürokratie, typisch für Schweden, werde vermieden, es gebe schnelle Wege des Austausches.

Vor der Wahl in Schweden: Alle Parteien fragen die Polizei nun, was sie benötigt

Je mehr Erfolg jemand in der Schule habe, desto aussichtsreicher sei die Perspektive, einen Job zu finden – und desto schwächer werde die Zugkraft der Gangs, die mit neuen Smartphones und Sneakers lockten, so Mesmer. Es sei auch entscheidend, ob die Eltern arbeiteten oder nicht. Diejenigen, die bereits zu einer der Gangs gehörten, seien kaum noch erreichbar.

Es sei jedoch ruhiger geworden in Vivalla, sagt Mesmer, die vielen Initiativen wie eine digitale Werkstatt zeigten Wirkung. Solche Überzeugungskraft wird dringend gebraucht. Selbst Kinder werden mittlerweile von Kriminellen „rekrutiert“, um sich als Drogenkuriere zu verdingen.

Vier Jungs, etwa acht Jahre alt, balancieren verbotenerweise auf einer Betonmauer neben dem geräumigen Schulhof. „Polizeiliche Videoüberwachung“ steht auf einem Schild draußen vor dem Schulhof. Es ist neu.

„Videoüberwachung – das wäre vor sechs Jahren noch undenkbar gewesen“, sagt Mattias Forssten, 43 Jahre alt, Chef der Lokalpolizei in Örebro, der in der Zentrale in der Stadtmitte empfängt. Vieles habe sich verändert. Alle Parteien fragten die Polizei nun, was sie benötige, das Personal werde aufgestockt – egal, wer nun am Sonntag die Wahl gewinnt.

Schweden: In Vivalla ist es ruhiger geworden

Dass die Exekutive in Schweden „Haue“ von der Politik bekomme und sich nicht äußern dürfe, wie ein Anhänger der Schwedendemokraten ihm gesagt hatte, weist Forssten zurück. Der Beamte betont Erfolge – viele Waffen und Drogen seien in der letzten Zeit beschlagnahmt worden, die Gefängnisse seien belegt, die bis zu 300 Mitglieder der Banden wohlbekannt, man arbeite intensiv mit verdeckter Ermittlung.

Problematisch sei jedoch die Schweigekultur in Vierteln wie Vivalla. In Örebro mit seinen 120 000 Einwohner:innen gebe es noch andere Vororte mit entsprechenden Problemen. Den Bewohner:innen müsse vermittelt werden, dass es einen schwedischen „Gesellschaftsvertrag“ gebe, demnach man mit der Polizei zusammenarbeite.

Dass es ruhiger in Vivalla geworden sei, könne jedoch auch als Wirkung der Segregation gesehen werden – der Stadtteil ist somalisch dominiert, Ethnien, mit denen früher Konflikte ausgetragen wurden, seien in andere Stadtteile abgewandert. „Wir wollen kein Somalitown“, hatte Premierministerin Magdalena Andersson hierzu gesagt.

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