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Was ist denn eine Vulva? Auf jeden Fall viel mehr als ein Geschlechtsorgan.
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Mehr als ein Geschlechtsorgan.

Gespräch mit Expertinnen

Viva la Vulva! Die Bedeutung des weiblichen Geschlechtsorgans

  • Elena Müller
    VonElena Müller
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Prof. Ulrike Schmauch, Ärztin Sheila de Liz und Künstler*in Lina Lätitia Blatt sprechen mit der FR zum Internationalen Frauentag über das weibliche Geschlechtsorgan.

Frankfurt - Was ist eine Vulva? Auf jeden Fall viel mehr als ein Geschlechtsorgan. Wir sprechen darüber mit der Sexualpädagogin und Professorin Ulrike Schmauch, der Frauenärztin, Autorin und Youtuberin Sheila de Liz sowie mit Künstler*in und Aktivist:in Lina Lätitia Blatt.

Warum bekommt die Vulva gerade so viel Aufmerksamkeit? Oder gab es das schon mal?

Ulrike Schmauch : Es ist sehr wichtig, dass die Vulva immer wieder zum Thema gemacht wird. Für Frauen ist es immer noch nicht selbstverständlich, die Anatomie und Potenz ihrer Sexualorgane zu kennen und stolz darauf zu sein. Seit der Frauenbewegung der 70er Jahre gibt es in jeder feministischen Generation wieder neue Formen, die Vulva sichtbar zu machen.

Warum ist die Vulva das letzte große Tabuthema, wenn es um Körper geht? Aufgeklärte Generationen geben ihr Wissen doch weiter.

Schmauch: Diese Tabuisierung ist kulturell tief verankert. Weibliche und männliche Sexualorgane sind in unserer Kultur völlig unterschiedlich besetzt. Was wird denn assoziiert mit dem weiblichen Geschlechtsorgan? Erstens, dass es minderwertig ist, weil es kein Penis ist. Zweitens, dass es schmutzig ist. Weiterhin, dass es „nur ein Loch“ ist, in das man etwas „reinstecken“ kann, auch mit Gewalt. Andererseits wird das weibliche Geschlechtsorgan mit Rätselhaftigkeit verbunden: Es ist anziehend, zugleich aber bedrohlich und verschlingend. Hinzu kommt: Die Vulva ist ein Lustorgan und gleichzeitig der Ort, an dem wir geboren werden. Der Gegenpol dazu ist der Penis. Dieser wird kulturell mit Macht und Potenz assoziiert. Er symbolisiert aktiv gelebte Sexualität, andererseits sexuelle Gewalt, manchmal auch Kastrationsangst beziehungsweise deren Abwehr. Das sind tief verwurzelte kulturelle Geschlechterbilder, die auch in der modernen Gesellschaft in uns weiter fortleben und die wir, oft unbewusst, weitergeben. Jede Generation muss sich wieder neu mit diesem Widerspruch konfrontieren und mutig Ängste und Scham überwinden.

Lina Lätitia Blatt: Noa Lovis Peifer und ich haben 2019 mit unserem Projekt „glitterclit“ angefangen, nachdem wir ehrenamtlich in der sexuellen Bildung gearbeitet haben. Uns ist aufgefallen, dass es in unserer Generation noch viel zu wenig Bilder und Materialien gibt, mit denen wir Bildung über Vulva und Klitoris verbreiten können. Und wenn es etwas gibt, dann ist es in der Regel binär beschriftet: Es steht dann oft, die Vulva sei das Geschlechtsorgan der Frau, aber das ist überhaupt nicht vollständig, denn es gibt auch Menschen mit einer Vulva, die keine Frau sind, zum Beispiel viele nicht-binäre Menschen. Und auch trans* Männer können Vulven haben.

Frau de Liz, Ihre Patientinnen verfügen alle über eine Vulva. Aus ihrer Erfahrung: Wie viel Unwissenheit herrscht unter den Frauen über ihre Genitalien?

Sheila De Liz : Zu allererst: Mich stört schon immer ganz massiv, dass jede und jeder zur Vulva Vagina sagt. Das geht mir total auf die Nerven. Allein diese Tatsache, dass 99 Prozent der Frauen ihre Vulva einfach Vagina nennen, weil sie einfach nicht wissen, dass das Organ einen eigenen Namen hat. Wenn man mal darüber nachdenkt: Etwas, das keinen Namen hat, existiert nicht. Wie willst du anfangen über etwas zu reden, das noch nicht mal einen Namen hat? Und warum hat es keinen Namen? Weil es ignoriert werden soll. Weil die Wichtigkeit des weiblichen Geschlechts darauf reduziert wurde, das Empfangsorgan für den Penis zu sein oder der Ort, aus dem die Babys rauskommen. Der Aspekt, dass es eine Klitoris gibt, an die die Frau selber rankommt, mit der sie sich beschäftigen kann, das wird nicht gerne gefördert.

Prof. Dr. Ulrike Schmauch, 72, war bis 2014 am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Frankfurt University of Applied Sciences zu den Fachgebieten Methoden und Profession Sozialer Arbeit, Sexualpädagogik und Praxisreflexion tätig.

Woran liegt das?

De Liz: Natürlich liegt das am Patriarchat. Das Problem ist aber auch, dass die Lehrerinnen und Lehrer, die den Kindern und Jugendlichen das Wissen vermitteln sollen, es ja auch nicht wissen. Sie sind nicht dafür ausgebildet, ordentlich über Sexualität aufzuklären. Denen ist das Thema oft selbst peinlich, das spüren die Kinder, und so kommt kein Lerneffekt zu Stande. Da fängt das Problem an. Deswegen ist es auch in jeder Generation ein neues Problem, weil sich an der Wurzel nichts ändert.

Also fängt alles bei der Ausbildung an?

De Liz: All das Wissen um die Vulva muss vermittelt werden. Zum Beispiel, dass die Klitoris ein großes Organ ist. Das sie genauso Schwellkörper hat wie ein Penis. Man kann davon dann auch wunderbar herleiten, dass wir alle gar nicht so verschieden sind: Jeder Mensch hat Schwellkörper; der eine hat sie im Penis, die andere in der Vulva. Das Problem ist auch: Mindestens 70 Prozent meiner gynäkologischen Kolleginnen und Kollegen wissen das nicht. Das wird im Studium nicht vermittelt. Die weibliche Sexualität findet dort überhaupt nicht statt. Dabei merke ich in meiner Praxis, dass eine gute Vermittlung nur funktioniert, wenn man selbst eine entspannte Haltung hat und so auch mit den Patientinnen drüber redet.

Dr. Sheila de Liz , 52, Gynäkologin, Autorin und Youtuberin. Die gebürtige Amerikanerin praktiziert in Wiesbaden und klärt auf Youtube, in Büchern und in Kolumnen über den weiblichen Körper auf.

Schmauch: Hier möchte ich auch eine Lanze für Sexualpädagogik und die sexuelle Bildung brechen. Mit sexualpädagogischer Arbeit gibt es so viele Möglichkeiten, Prozesse anzustoßen und Kindern sexuelles Wissen zu vermitteln. Sie können von früh an erfahren, dass sie selbst und ihre Körper gleichwertig und unterschiedlich, lustfähig und verletzlich sind. Dass Geschlechter, Sexualität und Lebensformen vielfältig sind.

Wir sehen die Vulva jetzt mehr als Teil der Alltagswelt, zum Beispiel als Graffiti an Hauswänden. Wie kann man die Vulva aber noch sichtbarer machen? Muss man die Leute schocken?

Blatt: Es kommt da sehr auf den Kontext an. Wenn wir mit unseren Stoffvulven Workshops machen, sehen wir immer wieder, wie hilfreich ein künstlerischer Ansatz ist. Denn es wird ein Gesprächsanlass geschaffen. Oft sind die Reaktionen erstmal Lachen, Irritation, Nachfragen. Das ist das große Potenzial von Kunst: Wir können etwas machen, mit dem sich die Leute auseinandersetzen müssen. Aber das irritiert vielleicht auch erstmal.

De Liz: Man darf bei der Vermittlung nicht kapitulieren vor der eigenen Unsicherheit. Ich wollte mit meinem Buch eine Lesung in einer ortsansässigen Buchhandlung machen. Als mich die Filialleiterin fragte, um was es in dem Buch geht und ich sagte, um den weiblichen Körper, da ist sie total nervös geworden und hat gesagt, dass das nicht geht. Als sei es etwas pornographisches. Das hat mich total nachdenklich gemacht.

Blatt: Deshalb müssen wir uns eben die Strukturen angucken: Wo kann man die Bildung verbessern? Im hessischen Lehrplan „Sexualerziehung“ von 2016 steht, dass das Hochhalten der Ehe besonders wichtig ist. „Sexualerziehung“ wird heute noch zu sehr aus einer ausschließlich cisgeschlechtlichen und heterosexuellen Perspektive heraus gedacht. Es wurde zwar mittlerweile ergänzt, dass Vielfalt mitgedacht werden soll, aber im Zentrum der Vermittlungspraxis steht immer noch viel zu oft ein konservatives Familienbild. Uns ist deshalb wichtig, Vielfalt wirklich sichtbar zu machen und nicht nur so nebenbei.

Lina Lätitia Blatt, 28, Künstler*in und Aktivist*in. Mit Noa Lovis Peifer gründete sie in Frankfurt „glitterclit“, ein Kunstprojekt zur Aufklärung über Vulva und Klitoris.

Mit dem Thema Vulva und dem Annehmen ihrer Vielfalt kann man ja wunderbar über Diversität sprechen und den Begriff Normalität anders prägen. Nicht die Norm ist normal, sondern die Unterschiedlichkeit sollte normal sein.

Schmauch: Ja, aber deshalb mit der Vulva zu schocken, das wäre zumindest in der Sexualpädagogik fehl am Platz. Aber in anderen Kontexten kann das genau richtig sein, etwa bei einer politischen Aktion. Als spektakulär empfanden wir es in den 70er Jahren, als wir uns trauten, den Klitoriskalender mit übergroßen Fotos in der WG an die Wand zu hängen. Heute wird die Parole „Viva la Vulva“ für Workshops oder provokante Kunstaktionen verwandt.

Schockierend sind auch die Berichte über die zunehmende Zahl plastischer Operationen an der Vulva...

De Liz: Da muss ich aber einen Unterschied machen zwischen der erlebten Realität und der tatsächlichen Realität. Wenn man den Medien Glauben schenkt, ist es jede zehnte Frau, die sich an den Schamlippen rumschnippeln lässt. Ich glaube, dass liegt auch an den plastischen Chirurgen, die das nach außen transportieren, als trendy Thema. Ich habe circa 30 000 Patientinnen in meiner Kartei; ich glaube, es gibt darunter nur zwei, die das haben machen lassen. Die Frauen sind glücklicherweise sehr vernünftig.

Blatt: Wenn wir uns das Thema Körper und Diversität anschauen, ist auch wichtig zu betonen, dass neben der gesellschaftlichen binären Trennung der Geschlechter „Mann und Frau“ die binäre Trennung zwischen Vulva und Penis ja auch zu kurz gegriffen ist. Es gibt so eine große Varianz an Körpern, die dazwischen liegen, die sich nicht zuordnen lassen und pathologisiert werden. Um binäre Geschlechterbilder aufrechtzuerhalten werden solche Körper nach der Geburt oft Operationen unterzogen. Es geht also nicht nur um die Sichtbarkeit der Vulva, sondern um umfassende Rechte für alle!

Schmauch: Nach meiner Beobachtung gibt es im Umgang mit dem eigenen Geschlecht beides – das Bedürfnis nach Eindeutigkeit und das Bedürfnis nach Uneindeutigkeit, das kann in einzelnen Lebensphasen unterschiedlich sein. Das gilt allgemein und nicht nur bei Menschen, die sich als non-binär, inter oder trans* definieren. Ich glaube, dass beiden Bedürfnissen Raum gegeben werden sollte.

Interview: Elena Müller

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