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Visionärer Diplomat

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Von: Gerd Höhler

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Ahmet  Davutoglu,  türkischer Außenminister,  erwartet  Unterstützung von  seinem Kollegen Westerwelle.
Ahmet Davutoglu, türkischer Außenminister, erwartet Unterstützung von seinem Kollegen Westerwelle. © afp

Ahmet Davutoglu, türkischer Außenminister, erwartet Unterstützung von seinem Kollegen Westerwelle. Von Gerd Höhler

Der Mann, den Bundesaußenminister Guido Westerwelle am Mittwoch in Ankara treffen wird, ist ein eher stiller Kollege. Zwar spielt Ahmet Davutoglu, 50, als Chefdiplomat eine Hauptrolle im Kabinett von Ministerpräsident Tayyip Erdogan, aber er versteht es sich zurückzunehmen. Seine Ziele sind jedoch alles andere als bescheiden. "2023, zum 100. Jahrestag der Republikgründung, wird die Türkei EU-Mitglied sein, in Frieden mit allen ihren Nachbarn leben und zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt gehören", sagte Davutoglu am Montag vor türkischen Botschaftern in Ankara, denen er seine Vision von der neuen türkischen Außenpolitik erläuterte. Davutoglu sieht sein Land nicht nur als regionale Macht zwischen Europa und dem Nahen Osten, sondern als Global Player: "Unser Spielfeld ist die Welt."

Eigentlich ist Davotoglu weder Diplomat noch Politiker. Er stammt auch nicht aus der Istanbuler Elite, sondern aus dem zentralanatolischen Konya. Davutoglu absolvierte das angesehene Istanbul Erkek Lisesi, eine deutsche Auslandsschule, um danach an der Bosporus-Universität Politische Wissenschaften zu studieren. 1999 wurde er Professor an der Marmara-Universität. Der islamisch-konservative Premier Tayyip Erdogan berief ihn 2002 zum außenpolitischen Chefberater und machte ihn im Mai 2009 zum Außenminister.

In Davutoglus wissenschaftlichen Arbeiten findet sich viel von dem, was er jetzt als Außenminister umsetzt. Sein Buch "Strategische Tiefe" gilt heute als ein Standardwerk der türkischen Außenpolitik. Die Partnerschaften der Türkei mit dem Irak und Syrien, die Bemühungen um eine Aussöhnung mit dem "Erbfeind" Armenien und eine Stabilisierung des Kaukasus, die Vermittlungsversuche zwischen Syrien und Israel - all das trägt Davutoglus Handschrift.

Es ist aber ein Balanceakt. Mit der Annäherung an den Iran riskiert die Türkei einen Bruch mit dem langjährigen Verbündeten Israel und löst Irritationen in Washington aus. Und wenn die Türkei auf Armenien zugeht, provoziert sie Verstimmung beim Gas-Lieferanten Aserbaidschan. Doch bisher hat Davutoglu recht geschickt agiert.

Manche sprechen bereits kritisch von einer neo-osmanischen Außenpolitik, die eine Abwendung der Türkei von Europa impliziere. Davutoglu mag den Begriff nicht. Die Türkei, sagt er, könne "in Europa europäisch und im Orient orientalisch sein, denn sie ist beides". Außenpolitische Priorität bleibe der EU-Beitritt. Den hatten Westerwelles Vorgänger Frank-Walter Steinmeier und Joschka Fischer unterstützt und waren deshalb in Ankara hoch angesehen. Ein Bekenntnis zur europäischen Perspektive der Türkei erhofft sich Davotoglu jetzt auch von Westerwelle.

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