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Desinfektionsmittel und Gesichtsmasken sind im Süden genauso ausverkauft wie in den „roten Zonen“ der bis zu 1500 Kilometern weiter nördlich liegenden Regionen Lombardei und Venetien.

Epidemie

Das Virus erreicht den Süden Italiens

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Die Angst vor einer Corona-Epidemie nimmt hysterische Züge an. Erstmals gibt es einen positiven Test in Palermo.

Eine Frau aus Bergamo in der nördlichen, besonders betroffenen Region Lombardei, sei in Palermo positiv auf das Coronavirus getestet worden, erklärte gestern der Regionalpräsident Siziliens, Nello Musumeci. Die Frau sei als Touristin mit einer Gruppe unterwegs gewesen, die schon vor dem Ausbruch der Corona-Epidemie in Norditalien auf der Insel im tiefen Süden angekommen sei. Die Norditalienerin, die Grippesymptome aufweist, wurde in ein Krankenhaus gebracht, der Rest der Reisegruppe in ihrem Hotel in Palermo unter Quarantäne gestellt. Italienische Medien meldeten zudem einen ersten Fall aus Florenz.

Mit dem ersten positiven Test in Palermo ist das Coronavirus nun in Süditalien angekommen. Doch die Angst vor dem Virus hatte im Mezzogiorno schon zuvor groteske Züge angenommen: Wie in den bisher bekannten Infektionsgebieten im Norden kam es auch in Kalabrien, Apulien, der Basilicata, Kampanien und in Sizilien zu Hamsterkäufen; Desinfektionsmittel und Gesichtsmasken sind im Süden genauso ausverkauft wie in den „roten Zonen“ der bis zu 1500 Kilometern weiter nördlich liegenden Regionen Lombardei und Venetien. Obwohl in Kalabrien noch keine einzige Person positiv auf das Virus getestet wurde, hatte Regionalpräsidentin Jole Santelli bereits die Schließung der Schulen vorbereitet.

Der Tourismus, der in Süditalien ein überlebenswichtiger Erwerbszweig darstellt, musste schon vor dem ersten Corona-Fall in Palermo Einbußen hinnehmen: „Bei uns hat eine Familie aus Norditalien ihre Buchung wegen der Quarantäne-Maßnahmen gestrichen; außerdem ist eine Gruppe von Argentiniern, die bis Ende Woche bleiben wollten, am Dienstag vorzeitig abgereist: Sie befürchteten, ihr Land könnte die Grenzen für Heimkehrer aus Italien schließen“, berichtet Chiara Tommasello, die in Reggio Calabria ein Bed-and-Breakfast betreibt.

Marina Lalli, Vizepräsidentin des Tourismusverbands Federturismo, bezeichnete die Situation als „dramatisch“: Zunächst habe man vorsichtig mit Umsatzeinbußen von landesweit 5 Milliarden Euro gerechnet – „das ist längst überholt – heute wagen wir schon gar nicht mehr, eine Prognose zu stellen.“

Ob sich die Ausbreitung des Virus im Süden noch stoppen lässt, bleibt abzuwarten: Laut Schätzungen des Bildungsministeriums sind in den letzten Tagen über eine halbe Million junger Süditaliener, die an norditalienischen Universitäten studieren, aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus in ihre Heimat zurückgekehrt – unkontrolliert, in Bussen, Zügen und Flugzeugen. Die Universitäten im Norden sind ja aufgrund der Quarantäne-Maßnahmen der Regierung geschlossen.

3000 Personen getestet

Nun stellt sich die Frage, ob sich unter den Rückkehrern auch Infizierte befinden. Immerhin: Landesweit flacht der Anstieg der Fallzahlen deutlich ab: Am Dienstag wurden bis zum Nachmittag nur noch rund 30 neue Fälle gemeldet, insgesamt mehr als 280.

Unabhängig davon haben die drastischen Maßnahmen der Regierung in weiten Teilen der Bevölkerung zu einer regelrechten Corona-Psychose geführt. Nach dem Motto: Wenn wegen zunächst weniger als 200 Infizierten und einiger Toten elf Städte mit insgesamt 50’000 Einwohnern von der Außenwelt abriegelt werden, dann muss die Gefahr, die vom Virus ausgeht, groß sein.

Regierungschef Giuseppe Conte und Zivilschutzchef Angelo Borrelli betonen zwar seit Tagen, dass keinerlei Grund zur Panik bestehe und dass die Situation unter Kontrolle sei – doch viele Italiener schenken den Beteuerungen wenig Glauben.

Virologen und Epidemiologen weisen auch seit Tagen darauf hin, dass die steigende Zahl von positiv getesteten Personen für sich allein noch kein Indiz für eine sich rasch ausbreitende Seuche sei, sondern in erster Linie die Folge der Intensivierung der Tests von Verdachtsfällen.

In Italien sind schon mehr als 3000 Personen auf das Corona-Virus untersucht worden, in Frankreich gerade einmal 300. „Wenn man etwas nicht sucht, dann findet man es auch nicht. Und wer sucht, der findet“, betont der Mailänder Virologie-Roberto Burioni.

Die von der Regierung in Rom angeordneten Maßnahmen zur Bekämpfung der Epidemie lohnten sich: Nach der Entdeckung infizierter Personen könne der Rest der Bevölkerung besser geschützt werden. Eine weitere Ausbreitung des Virus sei dennoch „wahrscheinlich“, betont der Virologe Burioni.

In Deutschland sind Hygienemittel sehr begehrt. Wer wegen des Coronavirus Desinfektionsmittel braucht, kann bei Aldi Süd und Nord zuschlagen. 

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