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Polizisten riegeln das betroffene Camp in Ritsona ab, in dem 3000 Menschen leben.

Corona-Krise

Virus erreicht griechisches Flüchtlingslager

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Zehntausende auf engstem Raum, die hygienischen Bedingungen katastrophal: Die Infektionen in einem Camp nördlich von Athen könnten erst der Anfang sein.

Jetzt ist eingetreten, wovor Experten seit Wochen warnten: In einem griechischen Flüchtlingscamp breitet sich das Coronavirus aus. 20 Infektionsfälle wurden bisher festgestellt. Aber das ist wohl nur die Spitze eines Eisbergs, meinen Fachleute.

Seit Donnerstagmorgen ist das Lager von Ritsona abgeriegelt. Keiner darf hinein, keiner hinaus. Streifenwagen der Polizei blockieren die Zufahrtsstraßen zu dem Camp, das etwa 75 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Athen liegt. Nur das Personal und Bedienstete der staatlichen Gesundheitsbehörde Eody dürfen ins Lager. In Schutzanzügen gehen sie unter den fast 3000 Bewohnern auf die Suche nach dem Virus.

Vor drei Tagen wurde der Erreger bei einer 19-jährigen Bewohnerin nachgewiesen, als diese zur Entbindung in eine örtliche Klinik kam. Daraufhin testeten die Mitarbeiter des Gesundheitsamts 68 unmittelbare Kontaktpersonen der Frau. 20 von ihnen waren ebenfalls infiziert. Während das Camp nun unter strikter Quarantäne steht, gehen die Tests weiter.

Griechenland meldet bisher 52 Tote durch Covid-19 und 1415 nachgewiesene Infektionen, so der Stand vom Donnerstagmittag. Die Dunkelziffer der bisher nicht entdeckten Fälle könnte aber nach Expertenschätzungen zehnmal so hoch sein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Virus auch die Migrantenlager erreicht. Dort leben Zehntausende Menschen auf engstem Raum. Abstand halten, wie es jetzt empfohlen wird, ist dort nicht möglich. Die sanitären Bedingungen sind katastrophal, die ärztliche Versorgung völlig unzureichend – so kann sich das Virus ungebremst ausbreiten.

In Griechenland gibt es 33 staatlich betriebene Flüchtlingslager, davon 28 auf dem Festland und fünf auf den Inseln der östlichen Ägäis. Vor allem in diesen fünf sogenannten Hotspots, wo die aus der Türkei gekommenen Geflüchteten registriert werden und Asylanträge stellen können, herrschen schlimme Zustände. Die Camps sind für rund 8000 Bewohner konzipiert, tatsächlich hausen dort aber mehr als 40 000 Menschen.

Hilfsorganisationen fordern seit Wochen, die überfüllten Insellager zu evakuieren oder zumindest besonders gefährdete Bewohner wie Alte und Kranke anderweitig unterzubringen. Aber die griechische Regierung hat ein Problem: Sie weiß nicht, wohin mit den Menschen. Die Lager auf dem Festland sind ebenfalls voll belegt, der Bau neuer Camps verzögert sich, weil an den geplanten Standorten die einheimische Bevölkerung protestiert. Auch die von Athen immer wieder geforderte Verteilung der Migranten auf andere EU-Staaten kommt nicht voran.

Am Donnerstag machte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) erneut auf die katastrophale Situation in den griechischen Inselcamps aufmerksam. Florian Westphal, Geschäftsführer von MSF in Deutschland: „Seit Wochen sehen wir eine Katastrophe auf die Lager zukommen und verzweifeln langsam, weil niemand sich verantwortlich zu fühlen scheint.“

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