Virologe Hendrik Streeck.
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Virologe Hendrik Streeck fehlt im Kampf gegen die Corona-Krise eine echte Strategie.

Interview

Virologe Hendrik Streeck übt scharfe Kritik an Corona-Politik: „ Echte Strategie“ fehlt

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Der Schutz vor Corona kommt nicht schnell genug, sagt Virologe Hendrik Streeck. Er kritisiert, dass Deutschland nach wie vor eine Strategie gegen die Pandemie fehle.

  • Hendrik Streeck ist Professor der Virologie an der Universität Bonn.
  • Im Interview zur Corona-Pandemie spricht der Experte davon, dass „wir genau das machen, was wir nicht wollen“.
  • Streek warnt davor, zuviel Hoffnung auf einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu setzen.

Herr Streeck, stellen Sie sich vor, Sie blicken ein Jahr in die Zukunft. Wie könnte die Lage in Sachen Corona aussehen? Werden wir immer noch Masken tragen und Abstand halten?

Sars-CoV-2 wird immer noch da sein, es wird immer noch getestet werden, und es wird immer noch Infektionsfälle geben. Wir sollten aber auch realisieren, dass bis Ende nächsten Jahres vermutlich ein Großteil der Menschen auf der Welt Kontakt mit dem Virus gehabt haben wird. Es kann auch sein, dass bis dahin ein Impfstoff zugelassen ist. Aber in meinen Augen wird zu viel Hoffnung in diesen potenziellen Impfstoff gesetzt.

Virologe Streeck: „Ein Impfstoff bedeutet nicht automatisch, dass damit auch die Corona-Pandemie endet“

Wieso das?

Die Zulassung eines Impfstoffs bedeutet nicht automatisch, dass damit auch die Corona-Pandemie endet. Die Produktion ausreichender Mengen wird längere Zeit dauern und auch die Verteilung einige Zeit in Anspruch nehmen. Außerdem wissen wir tatsächlich noch nicht, wie effektiv die Schutzwirkung sein wird. Natürlich hat die Entwicklung von Impfstoffen oberste Priorität. Aber der Beitrag, den sie leisten können, um die Pandemie zu beenden, wird überschätzt. Das Virus breitet sich rasant aus. Und auch wenn viele es prophezeit haben, so hat der jetzige Anstieg doch auch sehr viele Menschen überrascht. Ich halte es für möglich, dass wir Ende des nächsten Jahres an einem Punkt sind, dass die Pandemie durch das Virus selbst beendet wird und nicht durch eine Impfung.

Zur PersonHendrik Streeck
Geboren7. August 1977 (Alter 43 Jahre), Göttingen
ElternUlrich Streeck, Annette Streeck-Fischer
AusbildungCharité – Universitätsmedizin Berlin, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
GroßelternteilTheda Leuß

Was bedeutet das konkret, dass die Pandemie durch das Virus selbst beendet wird?

Dass sich so viele Menschen infiziert haben werden, dass die Infektionsketten vielerorts von selbst immer wieder abreißen werden.

„Gerade indem wir versuchen, jede Infektion zu unterbinden, sorgen wir für eine ungehemmte Durchseuchung.“

Hendrik Streeck, Virologe

Wenn Sie davon ausgehen, dass sich bis Ende 2021 ein Großteil der Bevölkerung angesteckt haben wird: Welche Folgen könnte das gehabt haben, wie verheerend wird das gewesen sein?

Das hängt sehr davon ab, wie souverän man jetzt mit der Situation umgeht. Wenn wir einmal nur auf Deutschland blicken: Bei der weiteren Strategie wäre es wichtig, die Erkenntnis einzubeziehen, dass wir es im Sommer nicht geschafft haben, das Virus einzudämmen – in dem Sinne, dass die Infektionsketten unterbrochen worden wären.

Wäre das denn möglich gewesen, die Infektionsketten zu unterbrechen?

Das Ziel war es, die Kontakte nachzuverfolgen. Das ist nicht gelungen, und damit hat sich gezeigt, dass es keine geeignete Strategie ist, um das Virus zu kontrollieren. Meiner Ansicht nach wäre es entscheidend, bestimmte Risikogruppen besser zu schützen, um Todesfälle und Langzeitschäden durch Covid-19 zu vermeiden. Die Gesundheitsämter arbeiten komplett am Limit und eine Kontaktverfolgung ist vielerorts schon nicht mehr möglich.

Virologe Streeck: Es fehlt eine Strategie, um Menschen mit Risiko zu schützen

Gleichzeitig fehlt eine echte Strategie, um Menschen mit erhöhtem Risiko besser vor einer Infektion zu schützen; darauf hat man sich bislang auch nicht konzentriert. Um das zu erreichen, müssten jedoch mehr Ressourcen reingesteckt werden als bisher. Das heißt, die Gesundheitsämter müssten Zeit haben, sich ausreichend um die Situation in Alten- und Pflegeheimen zu kümmern, auch die Tests müssten vor allem an diese Einrichtungen gehen. Das, was derzeit gemacht wird, ist paradoxerweise ein Durchlaufenlassen mit angezogener Handbremse. Gerade indem wir versuchen, jede Infektion zu unterbinden, sorgen wir für eine ungehemmte Durchseuchung. Wir machen also genau das, was wir nicht wollen.

Virologe Streeck: „Unterschied, ob 50 Jugendliche mit Corona infiziert sind oder 30 ältere Menschen“

Sie sagen, es müsste vor allem darum gehen, die Risikogruppen besser zu schützen. In jüngster Zeit wurde wieder kontrovers über die Strategie einer Herdenimmunität diskutiert. So forderten die Verfasser der „Great Barrington Declaration“ den „gezielten Schutz“ für alte und vorerkrankte Menschen, während alle anderen uneingeschränkt ihr altes Leben aufnehmen sollten. Schwebt Ihnen etwas Ähnliches vor?

Nein, keinesfalls. Die AhA-L-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken, Lüften) sollten weiter von allen eingehalten werden und es ist auch wichtig, Clusterausbrüche zu verhindern. Aber wir verfügen nur über begrenzte Ressourcen.

Virologe Hendrik Streeck ist überzeugt, dass aktuell zu viele Hoffnungen auf einen Corona-Impfstoff gesetzt werden (Archivbild).

Die Energie der Gesundheitsämter sollte sich darauf richten, diejenigen zu schützen, denen ein schwerer Verlauf droht. Es ist ein Unterschied, ob 50 Jugendliche infiziert sind oder 30 ältere Menschen. Das meine ich auch mit meinem Vorschlag einer Ampel und nicht so, wie es jetzt in Bayern gehandhabt wird mit der dunkelroten Stufe. Das bloße Zählen von Infektionszahlen bringt nichts. Was wir vermeiden müssen, ist eine unkontrollierte Durchseuchung. Denn das bedeutet, dass das Virus irgendwann ungehemmt diffundiert zu jenen Menschen, die durch eine Infektion schwer erkranken oder daran sterben können. Das gilt es, um jeden Preis zu verhindern. Das machen wir aber nicht. Wir versuchen, der Welle hinterherzulaufen. Aber wir haben keine Barrieren errichtet für die Personen, die wir schützen müssen. Dafür haben wir den Sommer nicht genutzt.

Zur Person

Hendrik Streeck ist Professor der Virologie und seit Oktober 2019 Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Von 2015 bis 2019 hatte Streeck den Lehrstuhl für medizinische Biologie am Universitätsklinikum Essen inne, wo er das Institut für HIV-Forschung gründete.

Vorher war der heute 43-Jährige in den USA tätig, unter anderem an der Harvard Medical School und am Walter-Reed-Institute of Research in Maryland, wo er die Abteilung Immunologie des U.S. Military HIV Research Programm leitete. Wie auch wa.de* berichtet, hat sich der Virologe gegen die jüngsten Corona-Maßnahmen ausgesprochen, die die Bundesregierung jetzt verkündete. (pam)

Corona: „Tests an Flughäfen brauchen wir nicht, das ist verschwendete Energie“, sagt Virologe Steeck

Was wären solche sinnvollen Barrieren gewesen? Mehr Tests in Alten- und Pflegeheimen, dafür keine Tests für Reiserückkehrer?

Tests an Flughäfen brauchen wir nicht, das ist verschwendete Energie, weil ganz Deutschland mittlerweile selbst Risikogebiet ist. Es wäre wichtiger, dass die Gesundheitsämter mehr Zeit haben, um sich um Test-, Hygiene- und Pflegekonzepte in Heimen zu kümmern. So sollten beim Personal und bei den Bewohnern täglich die Temperatur gemessen werden. Sämtliche Schnelltests sollten für diese Einrichtungen – und die Krankenhäuser – vorgehalten werden, damit man nicht nur diejenigen, die dort leben und arbeiten, testen kann, sondern auch die Besucher. So kann man vermeiden, dass die Menschen sich dort nicht weggeschlossen fühlen und in Isolation leben müssen. Denkbar wäre zum Beispiel ein Pooltesten für das Personal zweimal die Woche. Aber man muss sich auch mehr als bisher um ältere oder vorerkrankte Menschen kümmern, die zu Hause leben und Angst haben, sich mit dem Virus anzustecken, wenn sie rausgehen, zum Beispiel zum Einkaufen. Diesen Menschen sollte unter die Arme gegriffen werden, etwa, indem Kommunen Nachbarschaftshilfen organisieren. Damit hätte man aber im Sommer anfangen müssen. Jetzt ist es kurz vor zu spät.

Lassen Sie uns noch einmal über den Impfstoff sprechen. Welches Szenario halten Sie für wahrscheinlicher: vollständiger oder teilweiser Schutz?

Ich finde es unmöglich, das zu prognostizieren. Impfstoffversuche sind gerade in der klinischen dritten Phase immer auch von Überraschungen geprägt.

Steeck: „Es kann sein, dass wir einen Impfstoff gegen Corona haben werden, der nicht gut wirkt“

Das hat man zuletzt gemerkt, als zwei große Pharmaunternehmen ihre Impfstoffstudien wegen unerklärlicher Erkrankungen von Teilnehmern unterbrechen mussten.

Man sieht es auch beim russischen Impfstoff Sputnik 5, der ohne die klinische Phase 3 einfach angewandt wird. Nun hat sich ein Mann trotzdem infiziert. Oder ein anderes Beispiel: Im Jahr 1961 gab es eine Impfung gegen RSV, das vor allem bei Kindern eine schwere Atemwegserkrankung hervorruft. Während der Phase 3 sind zwei Kindern durch eine zu starke Immunantwort gegen das Virus verstorben, nachdem sie sich infiziert hatten. Das zeigt, dass man es leider einfach nicht vorhersagen kann. Es kann sein, dass wir einen wunderbaren Impfstoff haben werden, aber genauso möglich ist, dass es einen gibt, der nicht gut wirkt. Gegen die größten infektiologischen Killer, Malaria, Tuberkulose, HIV und Dengue gibt es bis heute keinen Impfstoff, obwohl sehr viel daran geforscht wird.

Ich setze bei Covid-19 vor allem auf die Antikörpertherapien große Hoffnungen. Allerdings muss man auch hier einschränkend sagen, dass wir bislang gegen kein respiratorisches Virus einen wirklich guten antiviralen Wirkstoff haben.

„Bei gut 40 Millionen Infizierten weltweit gibt es fünf bestätigte Fälle von Reinfektionen. Da kann man nur sagen, die Ausnahme bestätigt die Regel.“ 

Hendrik Streeck

Woran liegt das?

Wenn ich jetzt als Beispiel die Grippe nehme: Da gibt es zwar Medikamente wie Tamiflu, aber das Problem besteht darin, dass man sie sehr früh geben muss, in den ersten 72 Stunden nach Ausbruch der Symptomatik, damit sie antiviral aktiv werden können. In einer späten Phase wird eine Behandlung sehr viel schwieriger, auch deshalb, weil bei schweren Verläufen das Immunsystem dann eine ebenso große Rolle spielt und Schaden anrichten kann. Das sieht man auch bei Covid-19.

Corona-Immunität: Bislang gab es weltweit fünf Fälle von Reinfektionen

Wenn wir noch einmal zum Anfang des Gesprächs zurückkehren und zu Ihrer Vermutung, dass die Pandemie bis Ende 2021 durch das Virus selbst beendet sein könnte: Das setzt voraus, dass man sich nach einer durchgemachten Infektion nicht noch einmal anstecken kann, oder? Gehen Sie von einer dauerhaften Immunität aus?

Wir können das Virus nur so lange überblicken wie wir es kennen. Bei gut 40 Millionen Infizierten weltweit gibt es fünf bestätigte Fälle von Reinfektionen. Da kann man nur sagen, die Ausnahme bestätigt die Regel. Der andere Punkt: Wir kennen heimische Coronaviren, die ebenfalls Atemwegsinfekte auslösen. Wir wissen, dass bei ihnen die Immunität nach einer Infektion sechs Monate bis zwei Jahre lang anhält. Das bedeutet allerdings nicht, dass man genauso schwer erkrankt. Meist ist die Symptomatik bei der zweiten Infektion geringer und wird eher zu einer nervigen Erkältung. Das hat mit der sogenannten T-Zellen-Immunität zu tun, die auch noch dann wirkt, wenn keine Antikörper mehr vorhanden sind.

Vermuten Sie, dass Sars-CoV-2 bei uns genauso heimisch wird wie diese vier anderen Coronaviren?

Es wird sich einreihen in die endemischen Coronaviren. Derzeit gibt es vier Coronaviren, die uns zehn bis 30 Prozent unserer grippalen Infekte im Herbst und Winter bescheren. Sars-CoV-2 wird das fünfte sein.

Haben die anderen vier Coronaviren eine ähnliche Evolution durchgemacht und waren früher auch gefährlicher?

Davon geht man aus. Das Coronavirus OC-43 etwa ist vor rund 130 Jahren auf den Menschen übergegangen. Zu dieser Zeit grassierte die Russische Grippe, die vermutlich in Zentralasien ihren Ausgang nahm. Damals erkrankten auch Kühe und man nimmt an, dass von diesen Tieren das Virus auf den Menschen übersprang. Auch damals erkrankten ältere Menschen schwer. Weltweit sind rund eine Million Menschen an der Russischen Grippe gestorben.

„Das Tierreich ist voller Viren und es wird immer dazu kommen, dass manche auf den Menschen übergehen.“

Hendrik Streeck

Und dieses Virus ist jetzt noch als harmloser Erkältungserreger bei uns unterwegs?

Ja, es spricht einiges dafür, dass das Coronavirus OC43 Verursacher der Russischen Grippe war. Seitdem ist es bei uns heimisch geworden. Andere Viren sind vor einigen Tausend Jahren von Tieren auf den Menschen übergesprungen. Das ist immer wieder passiert in unserer Geschichte.

Virologe Steeck: Immer wieder gehen Viren von Tieren auf Menschen über

Warum ist eigentlich der „Vorgänger“ von Sars-CoV-2, das Sars-Coronavirus-1 verschwunden und nicht mehr wiedergekommen?

Es ist nicht ausgestorben, man geht davon aus, dass es nach wie vor im Tierreich vorkommt. Aber Sars konnte eher eingedämmt werden, weil das Virus schwerer übertragbar war und sich dadurch weniger rasant ausgebreitet hat.

Rechnen Sie damit, in den nächsten Jahrzehnten noch die Bekanntschaft mit weiteren unbekannten Viren bei Menschen zu machen?

Allerdings. Das Tierreich ist voller Viren und es wird immer dazu kommen, dass manche auf den Menschen übergehen. Wir werden vermutlich auch wieder einmal eine heftigere Grippewelle bekommen.

Hat sich das Überspringen von Krankheitserregern beschleunigt, weil die Menschen immer weiter in die Refugien wilder Tiere vordringt?

Ich glaube, es hat sich eher entschleunigt. Viren sind schon immer von Tieren auf Menschen übergegangen. Früher waren es allerdings eher lokale Ausbrüche, ein Virus hat dann vielleicht ein Dorf befallen und ging nicht um die Welt. Heute haben die Menschen weniger oder in vielen Ländern der Welt zumindest kontrollierteren Kontakt mit Wildtieren. Aber durch die Globalisierung kann viel schneller daraus eine Pandemie werden. (Interview: Pamela Dörhöfer) *wa.de und fuldaerzeitung.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Mehrere Coronavirus-Experten und Wissenschaftler, darunter auch Hendrik Streeck, üben scharfe Kritik an dem Corona-Lockdown*. Sie halten eine „pauschale Lockdown-Regelung weder für zielführend noch für umsetzbar. 

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